Banken: Draghi will es nicht allein gewesen sein

Banken: Draghi will es nicht allein gewesen sein

, aktualisiert 22. September 2016, 17:35 Uhr
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Es gibt zu viele Banken, meint der Präsident der Europäischen Zentralbank.

von Yasmin OsmanQuelle:Handelsblatt Online

Macht die Europäische Zentralbank mit ihrer Null- und Niedrigzinspolitik den Banken das Leben unnötig schwer? EZB-Präsident Mario Draghi sieht auch andere Gründe für die Schwäche der Branche. Ein Schwarze-Peter-Spiel.

FrankfurtDie Europäische Zentralbank (EZB) bezieht gerade aus Deutschland regelmäßig Prügel für ihre Null- und Negativzinspolitik, die den Banken das Geldverdienen schwer macht. In einer Rede auf der ersten Jahrestagung des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken hat EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag aber deutlich gemacht, dass er andere Faktoren für relevanter in Bezug auf die Ertragskraft der Geldhäuser hält: Er hebt vor allem die große Zahl der Banken in einigen europäischen Banken hervor.

Niedrige Zinsen würden die Zinsmargen von Banken belasten, räumte Draghi zwar ein. Doch die Vielzahl der Banken sei ebenfalls ein Faktor. „Überkapazität in einigen nationalen Bankensystemen und die daraus folgende Wettbewerbsintensität verschärft diesen Druck auf die Margen“, sagte er. Solche Überkapazitäten würden auch dazu führen, dass die Branche nicht effizient arbeite. Da sei ein Grund dafür, „dass die Kosten-Ertrags-Relation in einigen Ländern hoch bleibt“, so Draghi.

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Draghi erwähnt zwar auch noch weitere Faktoren, die die Gewinne der Banken belasten, etwa die Digitalisierung oder auch den demographischen Wandel. Aber das „Overbanking“, also Überkapazitäten im Bankgeschäft in einigen Ländern, hob er in seiner Rede besonders hervor. Das dürfte wohl ein kaum verhohlener Seitenhieb des Italieners gegen seine zahlreichen Kritiker in Deutschland sein: Gerade der deutsche Bankenmarkt gilt als „overbanked“, also als üppig mit Banken ausgestattet.

Die Rolle der Geldpolitik spielte Draghi dagegen herunter. Für die niedrigen langfristigen Zinsen macht er nämlich ebenfalls unterschiedliche Faktoren verantwortlich: Diese langfristigen Zinsraten seien in den großen Wirtschaftsräumen seit zwei Jahrzehnten gesunken, verursacht durch demographische Veränderungen, Einkommensungleichgewichte oder die Suche von Anlegern nach sicheren Vermögensanlagen. Die lockere Geldpolitik der EZB und anderer großer Zentralbanken, „die in Übereinstimmung mit ihrem Mandat für Preisstabilität handeln, haben ebenfalls zu den niedrigen Zinsraten beigetragen“, so der EZB-Präsident.


Draghi: Banken profitieren auch von Niedrigzinsen

Draghi vergaß nicht zu erwähnen, dass einige Banken von den niedrigen Zinsen auch profitiert hätten: Die festverzinslichen Wertpapiere, die viele Banken besitzen, seien im Wert gestiegen. Außerdem hätte die Geldpolitik dafür gesorgt, dass das Kreditgeschäft angekurbelt worden sei und dass die Banken weniger unter faulen Krediten leiden würden. „Analysen der EZB legen nahe, dass diese Effekte dazu neigen, die Auswirkungen auf die Zinserträge kurzfristig zu übertreffen“, so Draghi. Er räumte allerdings ein, dass dies vom Geschäftsmodell der jeweiligen Bank abhänge.

Für deutsche Sparkassen oder Genossenschaftsbanken, deren Einkünfte zu rund 80 Prozent vom Zinsüberschuss abhängen, dürfte Draghi dabei wohl eher nicht im Sinn gehabt haben. „Das anhaltende Niedrigzinsniveau stellt viele Kreditinstitute aufgrund ihrer zinsabhängigen Geschäftsmodelle vor zunehmend größeren Herausforderungen“, schreibt die Deutsche Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht. Die Institute würden damit rechnen, dass ihre Profitabilität im Prognosezeitraum bis 2019 deutlich unter Druck geraten werde. „Im breiteren Kontext genereller Überkapazitäten und technologischer Innovation, werden einige Banken ihre Geschäftsmodelle überprüfen müssen, um ihre Profitabilität zu stärken“, sagte Draghi.

Ohnehin scheint Draghi die hohe Bedeutung der Banken für die europäische Wirtschaft eher suspekt. „Banken spielen eine unverzichtbare Rolle bei der Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen, die eine Schlüsselrolle für die europäische Wirtschaft spielen“, hob Draghi hervor. Diese Form der Kreditvergabe müsse weiter fließen. Banken würden aber sehr prozyklisch reagieren: in guten Zeiten würden sie übertrieben stark ihre Kreditvergabe ausweiten, und sie scharf zurückfahren, wenn die Wirtschaft schrumpfe. „Das führt dazu, dass nach einer Finanzkrise das Wirtschaftswachstum in Ländern mit bank-basierten Systemen dem Wachstum von Ländern mit einem mehr ausbalancierten Finanzsystem hinterherhinken“.

Grund genug für Draghi, für die geplante Kapitalmarktunion der Europäischen Union zu plädieren. Es sei besser, die Realwirtschaft über mehrere Kanäle zu finanzieren, anstatt sich auf gerade einen Kanal zu verlassen. „Gerade die Kapitalmärkte können als nützlicher ‚Ersatzreifen‘ dienen“, sagte Draghi.

Quelle:  Handelsblatt Online
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