Bayers Netzexpertin Jessica Federer: "In zwei Jahren spricht keiner mehr über Digital Leadership"

Bayers Netzexpertin Jessica Federer: "In zwei Jahren spricht keiner mehr über Digital Leadership"

, aktualisiert 22. August 2016, 11:27 Uhr
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Die Bayer-Managerin über ihre Vision von Digitalisierung: „Wenn die Idee eines einzelnen Unternehmen verändert, am Ende sogar das Leben der Menschen verbessern kann .“ Foto: Frank Beer

von Corinna NohnQuelle:Handelsblatt Online

Offenheit und Austausch statt Barrieren im Business-Alltag und im Kopf: Die junge Amerikanerin managt die digitale Entwicklung bei Bayer - und will aus dem traditionsreichen Pharmariesen einen Vorreiter machen.

DüsseldorfEs ist ein paar Wochen her, da lief Jessica Federer durch Manhattan – und geradewegs in die Arme von Schwester Maureen, ihre frühere Lehrerin an der katholischen Mädchenschule von St. Louis. Die Nonne starrte auf ihr Handy, war ganz vertieft ins Pokémon-Spiel, und Federer hielt Ausschau nach einem Uber-Taxi ¬ sie hatte gerade für ihren Arbeitgeber Bayer eine neue Partnerschaft mit Google besiegelt. Die beiden Frauen umarmten sich, sie erkannten sich sofort. Schließlich ist Federer, die am Finger stets den Ring für Absolventen ihrer Highschool trägt, mit all „ihren“ alten Nonnen auf Facebook befreundet. Das Treffen in New York – ein großer Zufall, der zeigt, wie klein die Welt ist. Und wie vernetzt.

Vernetzung, das ist Jessica Federers Thema. Seit 2014 ist die junge Amerikanerin mit den roten Haaren für die digitale Entwicklung des Bayer-Konzerns mit seinen weltweit 116.000 Mitarbeitern zuständig. Salopp gesagt, will sie aus dem drögen Pillenkonzern einen digitalen Vorreiter machen. Die Google-Kooperation steht für ihr Ideal: weg mit den Barrieren, hin zu Austausch, Offenheit, schnelleren Verbindungen, intern wie extern.

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So nutzen die Bayer-Mitarbeiter zum Beispiel eine vom Münchner Crowdsourcing-Anbieter Innosabi entwickelte Seeker-Solver-Plattform, auf der alle checken können, ob vielleicht schon einmal ein Kollege irgendwo im Konzern ein konkretes Problem gelöst hat. So wird Doppelarbeit vermieden.

Ihr genaues Geburtsjahr verrät Federer übrigens nicht – zu viele Barrieren in den Köpfen der Deutschen, die das Leistungsvermögen am Alter festmachten. „In Amerika erhält ein jüngerer Gründer wahrscheinlich einen höheren Kredit, weil ihm mehr Innovationen zugetraut werden“, meint sie. Und sie weiß: „Es war auch ein Risiko für Bayer, einer jungen Frau, Amerikanerin, Millennial, diese Aufgabe zu übertragen.“

Als größte Hürde im Netz nimmt Federer wiederum die Sprache wahr: „Alle, die auf Englisch kommunizieren, sind im Vorteil und werden eher gehört als Teilnehmer mit weniger verbreiteten Sprachen.“ Die Managerin, die 2008 bei Bayer in den USA anheuerte, lebt mittlerweile in Düsseldorf und versteht sehr gut deutsch. Aber sie twittert nur auf Englisch.

Sie kenne das aber auch von ihrem Bruder, der in Uganda oder der Mongolei gearbeitet habe. Er habe erzählt, dass auch dort, in Ländern mit wenig populären Sprachen, die Menschen das Netz zuerst in ihrer Muttersprache filtern und so manches Problem ungehört bleibt, manche Lösung nicht gefunden wird. Federer träumt daher für soziale Medien von „einem Instrument, dass es uns allen ermöglicht, uns gegenseitig zu verstehen, eine Art ,Babelfisch‘“ – die Anleihe an Douglas Adams‘ Kultroman „Per Anhalter durch die Galaxis“ ist übrigens das einzig Nerdige, das Federer, die gern lacht und einen feinen Sinn für Ironie hat, auszeichnet.


"Die Leute schauen jetzt anders auf Bayer"

2010 war sie in die Abteilung für die Markteinführung neuer Medikamente nach Berlin gewechselt, um später zur Kommunikationschefin der Sparte Tiergesundheit aufzusteigen und sich dort als kluge Social-Media-Nutzerin und Visionärin fürs Digitale zu profilieren. Aber sie kennt sich auch mit der Kehrseite, mit Datenschutz und Anonymität im Netz aus: In ihrem ersten Job für das US-Gesundheitsministerium arbeitete sie an einem Projekt zur Verbesserung des Gesundheitswesens mit, und bei Bayer fing sie ja im Bereich Regulierung an – zwei Posten, auf denen es vorteilhafter ist, keine Spuren im Netz zu hinterlassen, anstatt rege zu twittern.

Nun, als „Head for Digital Development“, ist das anders – auch wenn sie weiß, dass ihr Vorgesetzter, Innovationsvorstand Kemal Malik, regelmäßig einen Blick auf ihren Twitter-Account wirft. Federer gehört neben drei Konzernvorständen und Vertretern der Bereiche IT und Datenschutz dem „Digital Excellence Council“ des Konzerns an, das die Digitalisierung über alle Sparten hinweg global vorantreibt.

Federer will vor allem Daten besser nutzen und Bayer seine Kunden dort ansprechen lassen, wo sie unterwegs sind. Ein Beispiel? „Wir wollen nicht einfach Pflanzenschutzmittel verkaufen, sondern dem Kunden zeigen, wie er Daten nutzen kann, um das beste Ergebnis zu erzielen.“

Ein anderes Projekt, das ihr am Herzen liegt, ist das Förderprogramm „Grants4Apps“, das an diesem Montag fünf digitale Start-ups aus dem Gesundheitsbereich kürt und deren Business ein Jahr lang finanziell, mit Büroräumen in Berlin und Mentoring fördert. Aber Start-ups fördern – tun das nicht alle? Nun, es gehe nicht einfach um den Einkauf von Innovationen und die reinen Business-Chancen, stellt Federer klar. „Die Initiative steht für meine Vision von Digitalisierung: die Idee eines einzelnen, die Unternehmen verändert, am Ende sogar das Leben der Menschen verbessern kann.“

Tatsächlich war es ja der Vorschlag eines einzelnen Mitarbeiters, der sich wie ein Virus im Konzern ausbreitete, die Spitze infizierte und schließlich in ein Förderprogramm mündete, das 2016 über 400 Bewerbungen aus 66 Ländern anzog – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Und am Ende steht am Ende ein Produkt, dass zur Gesundheit beiträgt.


"Mein Ziel ist es, meine Rolle überflüssig zu machen"

Im vergangenen Jahr zum Beispiel war unter den Geförderten eine Bayer-Mitarbeiterin aus China, die mit ihrem Mann ein Unternehmen für personalisierte Atemmasken gegründet hat. Ihre Firma Sendinaden stellt das bei Asiaten begehrte Utensil perfekt individualisiert und angepasst per 3-D-Drucker her. Mehr noch: Die Masken schützen nicht nur vor Smog, sondern analysieren den Atem der Nutzer und korrigieren Atemfehler, die etwa zu Schlafstörungen führen.

Man könnte das alles als üppige Ernte der so viel gepriesenen Saat von Kollaboration und Konnektivität interpretieren. Positiver Nebeneffekt des Programms: Mancher Aspirant bei „Grants4Apps“ bekannte erstaunt, dass Bayer ja cooler sei als gedacht. „Das Projekt verändert auch die Art und Weise, wie die Leute auf Bayer schauen“, meint Federer, und sie beobachtet: „Bayer wird jetzt auch interessant für junge Talente, die vor ein, zwei Jahren vielleicht lieber zu Google oder Facebook gegangen wären.“ Die Managerin selbst hat an der George Washington University und dann in Yale Gesundheitspolitik studiert und weiß, dass viele ihrer früheren Kommilitonen eine Karriere bei „big fat Pharma“ naserümpfend ablehnen würden. Auch sie treibt das hehre Ziel, so formulierte sie es einmal in einem Brief im Alumni-Netzwerk, mit ihrer Arbeit die Welt zu verbessern. Sie gibt zu: Als sie 2008 zu Bayer stieß, „hätte ich nie gedacht, dass ich so lange bleibe“.

Doch schnell wandelte sich ihr Bild von dem Konzern, vor allem dank persönlicher Erfahrungen. So arbeitete sie etwa mit an der Markteinführung eines Medikaments, das bei der chronischen Augenkrankheit AMD hilft, die Patienten erblinden lässt. „Mein Großvater litt an altersbedingter AMD, es ist eine schreckliche Krankheit“, erzählt die Managerin. „Das Medikament hätte ihm geholfen.“ Und so sagt sie heute: „Es mag etwas kitschig klingen, aber es ist toll zu sehen, wie unsere Produkte dazu beitragen, die Lebensqualität von Menschen zu verbessern.“ Sie „liebe es, in der Pharmaindustrie zu arbeiten. Hier arbeiten tolle Menschen mit großartigen Visionen.“

Federers Vision für ihre eigene Entwicklung klingt indes verwunderlich. „Mein Ziel ist es eigentlich, meine Rolle überflüssig zu machen“, erzählt sie. Dahinter steckt die Idee, dass der Umgang mit digitalen Mechanismen und Instrumenten in die DNA jedes Mitarbeiters übergehen soll. Beim „Global Female Leaders Summit“ im Mai in Berlin prophezeite Federer gar auf dem Podium: „In zwei Jahren wird keiner mehr über ,digital leadership‘ sprechen, weil das Digitale selbstverständlicher Teil von Führung geworden ist.“

Die Amerikanerin kennt es ja aus ihrer Heimat, wo es längst dazu gehört, zu Beginn einer Konferenz das Handy zu zücken, den Hashtag bei Twitter zu prüfen, News zu verschicken. Jeder kann innerhalb von Augenblicken zum vielzitierten Experten werden. „Das macht es so spannend: Alles ist noch im Beta-Stadium, alle lernen noch dazu, die Möglichkeiten sind endlos.“

Bleibt dieser Tage die Frage, ob Federer eine digitale Vision für die angestrebte Übernahme von Monsanto durch Bayer hat. Doch zum Poker um den Düngemittelhersteller will die Digitalstrategin nichts sagen, auch wenn sie den Konzern gut kennen dürfte: Er sitzt in Federers Heimatstadt St. Louis, wo allein 60 ihrer Cousins und Cousinen ihrer großen Familie leben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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