Bernie Sanders: Ein Rockstar als Oppositionsführer

Bernie Sanders: Ein Rockstar als Oppositionsführer

, aktualisiert 17. November 2016, 09:45 Uhr
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Bernie Sanders während des Wahlkampfs in den USA.

von Moritz KochQuelle:Handelsblatt Online

Nach der verlorenen Wahl muss Bernie Sanders Amerikas Linke wieder aufrichten. Er schwört die Demokraten auf den Kampf gegen Trump ein – und will den Kampf um die Zukunft der USA nicht allein Politikern überlassen.

WashingtonBernie Sanders wird immer noch gefeiert wie ein Rockstar. Als er im Auditorium der George Washington University in Washington vor den roten Bühnenvorhang tritt, springen die Studenten auf, jubeln und klatschen. Es dauert eine Weile, bis Sanders den Begeisterungssturm unter Kontrolle gebracht hat.

Eigentlich soll der beliebte Senator nur sein Buch vorstellen, „Our Revolution“, heißt es. Aber es ist sein erster großer öffentlicher Auftritt nach der Wahl. Und natürlich geht es um mehr: Sanders, das progressive Idol, muss Amerikas Linke wieder aufrichten, sie in schwerer Stunde führen. Die Trump-Ära beginnt.

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Sanders stellt sich ans Podium, leicht nach vorn gebeugt, mit seinem gekrümmten rechten Zeigefinger stochert er in der Luft herum. Es ist wie vor einem Jahr, im Vorwahlkampf, als Sanders unwahrscheinlicher Aufstieg zur politischen Ikone begann. Nur das die Lage heute für Sanders Klientel, das junge, bunte Amerika, sehr viel verzweifelter erscheint. „Viele sind niedergeschlagen, sogar verängstigt“, sagt Sanders, doch er ist gekommen, um seinen Anhängern Hoffnung zu machen. „Am Ende dieses Wahlkampfs bin ich trotz allem optimistischer, was die Zukunft unseres Landes betrifft, als ich es zu Beginn des Wahlkampfs war“, beteuert er.

Am anderen Ende der Stadt tritt fast zeitgleich seine Vorwahlrivalin Hillary Clinton auf. Sonderlich optimistisch sieht sie nicht aus, aber sie bemüht sich zumindest, so zu klingen. Es ist das erste Mal seit der bitteren Wahlnacht vom 8. November, dass Clinton wieder auf der Bühne steht. Im Medienmuseum am Fuße des Capitol Hill soll sie für ihr Engagement im Kampf gegen Kinderarmut geehrt werden.

Der Termin stand schon lange, Clinton hatte fest damit gerechnet, als „President elect“ dort auftreten zu können – nicht als gescheiterte Kandidatin. Dass sie dennoch erschienen ist, zeigt ihr enormes Pflichtbewusstsein, eine jener Qualitäten, die sie wohl zu einer guten Präsidentin gemacht hätten.

Den Namen Trump spricht Clinton nicht aus, sie sagt nur: „Ich weiß, dass sich viele fragen, ob Amerika das Land ist, für das wir es hielten.“ Doch so wie Sanders will sie den Demokraten Mut machen: „Wir müssen engagiert bleiben. In unserer Kampagne ging es nie um eine Person oder eine Wahl, sondern um das Land, das wir lieben.“


In der Krise

Dieses Land befindet sich in einer tiefen Krise. Sanders hat das früher gespürt als Clinton, viele Demokraten glauben inzwischen, dass er vielleicht doch der bessere Kandidat gegen Trump gewesen wäre. An diesem Abend zeigt sich wieso: Sanders spricht über das Thema, das den Wahlkampf dominiert und das der Rechtspopulist Trump so gekonnt ausgeschlachtet hat: den Niedergang der Mittelschicht.

Sanders erzählt von alleinerziehenden Müttern, die sich keine Kinderbetreuung leisten können, von Arbeitern, die kein Geld für den Ruhestand haben, von Uni-Absolventen, die gigantische Studienkredite mit sich herumschleppen. Er prangert die Tatsache an, dass 43 Millionen Amerikaner in Armut leben. Und er geißelt die „groteske Ungleichheit“ der Einkommens- und Vermögensverteilung. Für Sanders ist dieses Elend, das auch die wirtschaftliche Erholung unter Präsident Barack Obama nicht lindern konnte, der Nährboden, auf dem der Rechtspopulismus in den USA zur dominanten politischen Kraft werden konnte.

„Trump hat den Wählern versprochen: ‚Ich alleine kann euch helfen‘“, sagt Sanders. „Nun müssen wir ihn zur Rechenschaft ziehen.“ Sanders will eine andere Oppositionsstrategie verfolgen als die, welche die Republikaner während der Obama-Jahre gewählt haben. Er will keine Blockadepolitik, er bietet Trump eine Zusammenarbeit an – solange der designierte Präsident sein Versprechen einlöst, der Mittelschicht zu helfen.

Sanders listet viele Versprechen des Republikaners auf. Trump habe angekündigt, eine Billion Dollar in den Ausbau der Infrastruktur zu stecken. Er habe seine Unterstützung für einen höheren Mindestlohn bekundet. Er behaupte, Amerikas Freihandelsabkommen nachverhandeln und einen sechswöchigen Mutterschutz einführen zu wollen. „Viele Demokraten werden Mister Trump dabei unterstützen“, sagt Sanders. „Aber was wir nicht unterstützen werden, ist eine Expansion von Rassismus, Sexismus, Bigotterie und Homophobie.“

Doch genau darauf scheint Amerika zuzusteuern. Sanders fordert Trump in aller Schärfe auf, die Beförderung des umstrittenen Medienunternehmers Stephen Bannon zum Chefstrategen im Weißen Haus zurückzunehmen. „Ein Präsident der USA darf keinen Rassisten an der Seite haben“, poltert Sanders. Und ebenso wenig dürfte es dem Erderwärmungsskeptiker Trump erlaubt werden, den Klimaschutz zu torpedieren.

Nur welche Machtinstrumente haben die Demokraten überhaupt noch? Sie haben nicht nur das Weiße Haus verloren. Sie haben es auch versäumt, den Senat und das Abgeordnetenhaus zurückzuerobern. Auch auf der Ebene der Bundesstaaten dominieren die Republikaner. Sanders sagt: „Unser Job ist es, die Politik aus den Parlamenten herauszutragen.“ Das klingt nach Außerparlamentarischer Opposition, und genauso meint er es. Der Kampf um die Zukunft Amerikas darf nicht allein den Politikern überlassen werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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