Beteiligungsbranche: Keine Entwarnung für Europa

Beteiligungsbranche: Keine Entwarnung für Europa

, aktualisiert 14. September 2017, 14:26 Uhr
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Der Chef-Ökonom der ING Diba während der Handelsblatt-Tagung European Private Equity Summit 2017“ in Frankfurt. Seiner Ansicht nach sei die deutsche Wirtschaft zwar in einer starken Verfassung, in den letzten zehn Jahren habe es aber keine strukturellen Reformen mehr gegeben.

von Peter Köhler und Anke RezmerQuelle:Handelsblatt Online

Der Chef-Ökonom der ING Diba, Carsten Brzeski, auf der Handelsblatt-Tagung „European Private Equity Summit 2017“ über den Zustand Europas, den Juncker-Plan und die Hausaufgaben für die neue Bundesregierung.

FrankfurtSo schlecht sieht es nach Ansicht von Carsten Brzeski, Chef-Ökonom der ING Diba, in Europas Wirtschaft nicht aus, auch die Aktienmärkte haben sich zuletzt stabil nach oben entwickelt. Gleichwohl sollten weltweite Probleme und Einflussfaktoren auf Europas Wirtschaft und Finanzmärkte nicht übersehen werden.

Als das aktuell größte Risiko gilt Trump, wie Brzeski auf der Handelsblatt-Tagung der Beteiligungsbranche „European Private Equity Summit 2017“ in Frankfurt betont. „Schlicht, weil nichts passiert ist: keine Entscheidung über Infrastrukturprogramme, auch nicht über die Steuerreform“, sagt er. Derweil verlangsame sich die Konjunktur in den USA – was sich am Kreditzyklus deutlich ablesen lasse. Auch Investoren an den Märkten erwarteten weiter, dass von Trump noch etwas komme, sagt Brzeski. „Ansonsten sieht es düster aus für die USA: Entweder es wird eine Rezession geben, oder es gilt America First“, bemüht der Ökonom die Worte des US-Präsidenten.

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In China wächst unterdessen ein großer wirtschaftlicher Konkurrent für Deutschland heran, wie Brzeski meint. Die Chinesen investierten bereits strategisch etwa in Afrika und in die Rohstoffsparte. Der nächste Schritt in ihren Plänen sei Europa, sagt er. Wenn deren Expansionsstrategie gelingt, „wird China in zehn bis 20 Jahren ein besseres Deutschland – nicht als große Exportnation, aber als großer wirtschaftlicher Wettbewerber“.

Europas Wirtschaft macht sich nach Auffassung des Ökonomen zwar gut: „Europa heißt nicht, Wachstum in Deutschland und ein bisschen anderswo – es gibt ein sich verbreiterndes, vertiefendes Wachstum – auch in Südeuropa wie etwa in Spanen. Aber Entwarnung gibt er nicht: Die größte Bedrohung erkennt Brzeski darin, dass das Wachstum in Europa nicht ausreicht, um den Vormarsch der Populisten zu stoppen.

Der Erfolg des Populismus hänge stark mit der Arbeitslosigkeit zusammen. „Wenn die Menschen einen Arbeitsplatz haben, beschweren sie sich nicht über Europa“, meinte der Chef-Volkswirt. Um das Problem dauerhaft lösen zu können, brauche man eine nachhaltige Wachstumsrate von rund drei Prozent in den kommenden Jahren. Negativ sei auch die Tatsache, dass das Vertrauen in Griechenland und Italien sehr niedrig sei, dass sei eine „Gefahrenzone“ für den Zusammenhalt in Europa. Es bleibe aber gleichzeitig die Hoffnung, dass die Politik von US-Präsident Donald Trump dazu führt, dass die EU-Staaten enger zusammenrücken.

Zur Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sagte Brzeski, die Zinsen würden noch für längere Zeit niedrig bleiben. „Wenn wir Glück haben, dann sehen wir es unter EZB-Präsident Mario Draghi - noch während seiner Amtszeit bis November 2019 -, ansonsten unter seinem Nachfolger“, meinte der Ökonom zum Zeitpunkt der nächsten echten Zinserhöhung.

Den Plan von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker für eine erweiterte Euro-Einführung bezeichnete er als Versuch, wieder eine Vision für Europa zu schaffen. Allerdings sieht der ING-Diba-Ökonom nur geringe Chancen, dass der Plan auch Wirklichkeit wird, weil beispielsweise Ungarn und Polen wenig Interesse zeigten an einer vertieften EU.

Die deutsche Wirtschaft sei zwar in einer starken Verfassung, in den letzten zehn Jahren habe es aber keine strukturellen Reformen mehr gegeben. Aufholbedarf bestehe vor allem bei der digitalen Infrastruktur und beim Ausbau der Dienstleistungen. „Die Politiker sind nicht dumm, sie werden das nach der Bundestagswahl angehen“, glaubt Brzeski.

Quelle:  Handelsblatt Online
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