Big Data im Sport: Der gläserne Lahm

Big Data im Sport: Der gläserne Lahm

, aktualisiert 18. September 2014, 09:17 Uhr
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Bayern-Star Philipp Lahm: Erfasst von der Abteilung „New Media“.

Quelle:Handelsblatt Online

Der FC Bayern will die volle Datenkontrolle über das Fußballspiel. Am Ende soll ein optimierter Sportler stehen. Doch wie steht es mit dem Schutz der Spielerdaten? Und was passiert, wenn der Spieler den Verein verlässt?

München, FrankfurtIn dem Film „Moneyball“ spielt Brad Pitt 2011 einen Baseball-Manager, der seine Mannschaft mit dem Computer aus einer existenzbedrohenden Krise führt. Über eine ausgefeilte Spieleranalyse stellt er ein nahezu perfektes, aber zugleich finanzierbares Team zusammen, das am Ende sogar fast den Titel gewinnt.

So etwas hat der FC Bayern München zwar nicht nötig. Mit der goldenen Generation um Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Franck Ribéry haben die Bayern alles gewonnen, was es in den vorigen Jahren zu holen gab.

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Doch die Ambitionen der Münchener sind ungebrochen hoch. Für zukünftige Titelgewinne hat die Vereinsführung einen weiteren Verbündeten ausgemacht: Es gelte nun, „die Technik des 21. Jahrhunderts für uns zu nutzen“, sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in den Tagen vor dem Start der Saison. Gemeinsam mit SAP, dem weltgrößten Hersteller von Firmensoftware, will der Verein Werkzeuge entwickeln, mit denen der sportliche und geschäftliche Erfolg noch größer werden soll.

„Wir bewegen uns zwischen Lederhose und Laptop“, scherzte Rummenigge bei der Vorstellung der Technologiepartnerschaft in der Münchener Allianz-Arena. Neben Programmen, mit denen etwa die Betreuung der Fans oder das Merchandising gesteuert werden kann, geht es vor allem um das wertvollste Asset des FC Bayern: die Spieler.

Schrittweise soll der Spiel- und Traningsbetrieb des Klubs digitalisiert werden. Daten etwa über das Leistungsvermögen, die Stärken und Schwächen, aber auch die Gesundheit der Spieler sollen erfasst und für optimale Betreuung des Kaders genutzt werden.


Trainer arbeiten bereits mit Datenbrillen

Mit Hilfe der schnellen Datenbanktechnik Hana, die SAP gemeinsam mit Intel und Cisco entwickelt hat, soll die Datenflut in Echtzeit ausgewertet werden. „Das wird eine ganz wichtige Hilfe für den Trainer“, sagt Rummenigge. „Der kann sehen, wann ein Spieler in den roten Bereich kommt.“

Wie gut Big Data auf dem Platz funktioniert, können die Bayern beim Liga-Rivalen Hoffenheim studieren. Den einstigen Dorfverein hat Klubmäzen und SAP-Mitgründer Dietmar Hopp voll digitalisieren lassen. In Hoffenheim tragen die Spieler im Training Sensoren in den Trikots, deren Daten dem Trainer auf eine Google-Datenbrille gespielt werden.

Die Datensammler von SAP hatten auch beim Gewinn der Fußball-WM in Brasilien ihre Finger im Spiel: Im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) analysierten sie 7.000 Spiele der deutschen WM-Gegner.

„Computer und Software schießen keine Tore“, sagt DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. „Aber sie geben Unterstützung dafür, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Bierhoff plant in Frankfurt den Bau eines Leistungszentrums des DFB - es soll eine Art Silicon Valley des Fußballs werden. Komplett vernetzte Trainingsplätze sind geplant. Ein Torwart etwa wird dort digitale Impulse erhalten, mit denen er sich beim Rauslaufen besser zum Gegenspieler positionieren kann.

Bei aller Euphorie droht ein wichtiger Aspekt unterzugehen: der Schutz der Spielerdaten. „Es ist offen, wem am Ende die Daten gehören“, sagt Helmut Krcmar, Professor für Wirtschaftsinformatik an der TU München.


Experten warnen vor der Komplettüberwachung

Krcmar hat im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums eine umfassende Studie zum Thema Big Data erstellt und sieht auf die Fußballklubs wichtige Fragen zukommen. „Was passiert zum Beispiel mit den medizinischen Datensätzen, wenn ein Spieler den Klub wechselt?“, fragt Krcmar. „Was darf am Ende Eigentum des Arbeitgebers bleiben, und was sind personengeschützte Daten?“

Beim FC Bayern will man sich von solchen Fragen nicht lange aufhalten lassen. „Während der Vertragslaufzeit gehören die Daten dem FC Bayern“, sagt Rummenigge. Der Klub baut eine eigene Abteilung „New Media“ auf, die eng mit SAP zusammenarbeiten wird. So werden aus den Talentscouts demnächst auch Datenanalysten, die mögliche Talente im Jugendbereich „scannen“.

In den Juniorenteams der Bayern werden die Daten systematisch erfasst, Änderungen in den Bewegungsabläufen ebenso bewertet wie der Verlauf von Verletzungen. Wer es wie einst Philipp Lahm über die Jugend in die erste Mannschaft schafft, ist für den Trainerstab künftig gläsern.

Die offenen Fragen beim Datenschutz werden die Vermessung des Sports am Ende kaum aufhalten können. Auch für SAP ist das Erfassen und Auswerten von Sportdaten ein Geschäft mit Zukunft. „Wir peilen einen Umsatz im dreistelligen Millionenbereich an“, sagt Finanzvorstand Luka Mucic. Für die Walldorfer ist die Partnerschaft mit dem FC Bayern ein Leuchtturmprojekt, mit dem man am Ende - mit abgespeckten Angeboten - jeden Amateursportler erreichen kann.

Quelle:  Handelsblatt Online
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