_

Bitkom-Chef Kempf: „Wir brauchen Warnsysteme für das Internet“

von Joachim Hofer Quelle: Handelsblatt Online

Dieter Kempf, Präsident des Bitkom und Vorstandsvorsitzender des IT-Dienstleiters Datev eG, über die Bedeutung der Cebit, über Hackerangriffe und über die Entwicklung seines Unternehmens.

Dieter Kempf: Vorstandsvorsitzender der DATEV eG und Präsident des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) Quelle: dapd
Dieter Kempf: Vorstandsvorsitzender der DATEV eG und Präsident des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. (Bitkom) Quelle: dapd

Herr Kempf, die Cebit ist wie ein Gemischtwarenladen: Für jeden Geschmack ist etwas dabei, aber keine Zielgruppe wird so richtig angesprochen. Sind Sie noch zufrieden mit der Messe?

Anzeige

Es ist vollkommen richtig, nicht nur um die IT-Profis zu werben, sondern auch Konsumenten anzusprechen. Wer sich heute noch als junger Mensch in der Halle für die Computerspiele tummelt, der ist morgen womöglich schon ein wichtiger Kunde für ein Unternehmen wie die Datev.

Gleichwohl finden die großen Produktvorstellungen inzwischen beim Mobile World Congress in Barcelona oder auf der CES in Las Vegas statt. Hat die Cebit nicht an Bedeutung verloren?

Früher war die Cebit einmal genauso hip wie heute Barcelona. Dann sagten wir, dass wir lieber Geschäfte machen wollen als Party. Und komplexe Lösungen zu präsentieren, etwa die sichere elektronische Zustellung von Lohn- und Gehaltsabrechnungen, ist nun einmal nicht besonders sexy.

Selbst die IT-Profis meiden aber inzwischen Hannover. Die Chefs der großen US-Konzerne wie Intel waren vergangene Woche zum großen Teil in Barcelona. Die Cebit aber findet ohne sie statt.

Das kann man der Messe nicht ankreiden. Die Leute haben einen engen Terminkalender, beide Ausstellungen zu besuchen ist für viele einfach nicht drin.

Wie wichtig ist die Cebit denn für Ihr Unternehmen, den IT-Dienstleister Datev?

Sehr wichtig. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, Steuerberater und Wirtschaftsanwälte sind ja nicht das klassische Publikum der Messe. Die kommen aber sehr zahlreich. Zudem sind viele Mandanten unserer Kundschaft da. Die sehen dann ebenfalls, welche Lösungen es für die Zusammenarbeit von Mandant und Berater gibt, und sprechen unsere Mitglieder darauf an.


Vertrauen in die moderne Technik

Leitthema der Cebit ist dieses Jahr das Vertrauen in die moderne Technik. Trauen die Kunden der IT-Branche nicht mehr?

Vertrauen ist vor allem dann wichtig, wenn Unternehmen Daten und Anwendungen außer Haus geben, wie es beim Cloud Computing geschieht. Gerade kleinen und mittelgroßen Firmen fällt die Einschätzung schwer, ob sie den IT-Anbietern da vertrauen können.

Wie wollen Sie dieses Vertrauen herstellen?

Wir wollen noch transparenter darstellen, was wir tun. Die Kunden sollten sich dabei auch auf Zertifizierungen verlassen können, also eine Art IT-TÜV, wie er im Rahmen der Bundesstiftung Datenschutz geplant ist. Vertrauenswürdige Spezialisten können dabei überprüfen, ob die Anbieter ihre Versprechen einhalten, etwa was den Datenschutz angeht.

Immer wieder kommt es in diesen Tagen zu spektakulären Hackerangriffen, zum Teil werden sehr sensible Daten geklaut. Wie soll denn da Vertrauen entstehen?

Dieses Vertrauen müssen Unternehmen und Privatpersonen in der Tat erst aufbauen. Wir brauchen Warnsysteme, wie wir sie in der realen Welt aufgebaut haben, auch fürs Internet. Ich vergleiche das gerne mit einer Ampel. Die ist auch fast immer sicher, aber eben nicht immer. Deshalb passen die Leute im Straßenverkehr auf. Und das ist auch in der virtuellen Welt geboten.

Für Verbrecher schein das Internet geradezu das Paradies zu sein.

Bei Internetkriminalität ist vor allem die Aufklärungsrate doppelt so hoch wie bei anderen Formen der Kriminalität. Ansonsten ist es im Web nicht anders als im übrigen Leben auch. Die Taschendiebe gehen auch eher aufs Oktoberfest, als sich an den Waldrand zu setzen. Und das Internet ist einfach ein gigantischer Marktplatz.


IT-Branche knackt Umsatzmarke

Zum Teil sind die Angriffe aber sehr professionell, es sollen Staaten dahinter stecken. Da sind Unternehmen und Konsumenten doch völlig machtlos.

Deshalb fordert der Bitkom auch eine völkerrechtliche Klärung, was Staaten dürfen und was nicht, angelehnt an unser deutsches Modell. Doch das wird Jahre dauern. Einstweilen konzentrieren wir uns darauf, praktisch zu unterstützen, zu informieren und vor allem starke Sicherheitssysteme zu entwickeln.

Südeuropa steckt in der Krise und der Euro wankt. Wie sind die Aussichten der IT- und Telekommunikationsbranche für das laufende Jahr?

Der Umsatz knackt erstmals die Marke von 150 Milliarden Euro. Allerdings ist das Wachstum innerhalb der Branche ungleich verteilt.

Wer verliert, wer gewinnt?

In der Unterhaltungselektronik und bei der Sprachtelefonie sind die Umsätze unter Druck. IT-Dienstleister, Softwarehersteller und Anwendungen rund um das Thema mobile Computing hingegen legen zu.

Warum müssen Sie die Prognose denn nach unten korrigieren?

Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich 2012 insgesamt weniger dynamisch als im Vorjahr. Das geht an unserer Branche nicht vorbei. Allerdings liegt das Wachstum des ITK-Marktes deutlich über den Prognosen für das Bruttoinlandsprodukt. Die Hightech-Industrie ist damit ein wichtiger Stabilisator für die Konjunktur. Das gilt auch für die Schaffung neuer Arbeitsplätze.  

Wie steht es um die Datev?

Unser Umsatz ist vergangenes Jahr um 4,5 Prozent auf 733 Millionen Euro gestiegen. Das ist stärker, als wir prognostiziert hatten. Wir profitieren vor allem von der guten Beschäftigungslage, so dass wir mehr Lohn- und Gehaltsabrechnungen zu verarbeiten hatten. Auf diesem Feld haben wir aber auch Marktanteile gewonnen.

Und Ihr Gewinn?

Wir schütten etwas weniger aus an unsere Mitglieder als im Vorjahr, es werden 4,6 Prozent vom Umsatz sein. Das war aber klar, da wir Personal aufgebaut haben, um zusätzliche Servicemitarbeiter für die Softwareumstellung bei unseren Kunden zu haben.

Wie wird sich die Datev dieses Jahr entwickeln?

Momentan rechnen wir mit einer Umsatzsteigerung von vier Prozent und einem stabilen Ergebnis. Das Wachstum soll einerseits aus zusätzlichen Lohn- und Gehaltsabrechnungen kommen. Andererseits versprechen wir uns viel von unserer neuen Software zur Unternehmenssteuerung in mittelständischen Unternehmen.

Sie sind hier: 
  1. Startseite