Bizarrer Rechtsstreit: 45.000 Prozent Rendite mit einem Deal

Bizarrer Rechtsstreit: 45.000 Prozent Rendite mit einem Deal

, aktualisiert 25. Mai 2017, 12:44 Uhr
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Anleger Armin S. fordert von der französischen Großbank 152 Millionen Euro für ein storniertes Wertpapiergeschäft.

von Jakob BlumeQuelle:Handelsblatt Online

152 Millionen Euro – so viel fordert Trader Armin S. von der BNP Paribas. Er sagt: Die Bank habe zu Unrecht einen fehlerhaften Zertifikate-Deal storniert, der ihn zum Multimillionär gemacht hätte. Der Ausgang des Rechtsstreits ist ungewiss.

FrankfurtVier Stunden lang hat Armin S. ausgeharrt, nun ist der Moment seines Auftritts gekommen. Er steht von seinem roten Kinosessel auf, läuft die Ränge im Palais de Congrès in Paris hinab und tritt ans Rednerpult. Von hier aus kann S., der nicht mit vollen Namen genannt werden möchte, der Führungsriege der französischen Großbank BNP Paribas in die Augen blicken. Seine Botschaft richtet er direkt an Verwaltungsratspräsident Jean Lemierre: „Seit letzter Woche fordere ich gerichtlich insgesamt 152 Millionen Euro von Ihrem Unternehmen“.

S., groß gewachsen, breites Kreuz, kurze braune Haare und wache Augen, hat seinen Auftritt bei der Hauptversammlung der BNP im Palais de Congrès in Paris am Dienstag sorgfältig geplant. Er ist extra aus Frankfurt angereist, hat seine Rede Tage zuvor verfasst und sorgfältig einstudiert. Dass er für ein geplatztes Wertpapiergeschäft eine astronomische Summe von der Bank fordert, wollte er dem BNP-Management unbedingt persönlich und in aller Öffentlichkeit überbringen. Die Bank, argumentiert er, habe zu Unrecht ein fehlerhaftes Zertifikate-Geschäft storniert, dass ihn über Nacht zum Superreichen gemacht hätte. Die BNP Paribas will sich auf Handelsblatt-Anfrage nicht äußern. Zu Beziehungen mit einzelnen Kunden sowie laufenden Verfahren gebe man generell keine Stellungnahmen ab, sagte ein Sprecher der Bank.

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Der Fall von Armin S. wirft ein Schlaglicht auf den meist im Verborgenen ablaufenden milliardenschweren Handel mit Zertifikaten. Das sind Wertpapiere, deren Kursentwicklung beispielsweise an den Dax oder eine einzelne Aktien gekoppelt ist. Privatanleger können so auch auf fallende Kurse oder bestimmte Kursgrenzen wetten. Ein Riesen-Markt: Laut Derivate-Verband wurden im Februar 2017 Zertifikate mit einem Volumen von 68 Milliarden Euro gehandelt, ein Großteil davon außerhalb regulierter Börsen. Zum Vergleich: Auf den Handelsplattformen der Deutschen Börse wechselten im selben Monat Dax-Aktien mit einem Gesamtwert von 65 Milliarden Euro den Besitzer.

Und wo gehandelt wird, da passieren Fehler: Falsch programmierte Algorithmen, ein Tippfehler beim Verkaufspreis oder ein paar Nullen zu viel bei der gewünschten Stückzahl: Im Branchenjargon heißen diese fehlerhaften Wertpapiergeschäfte „Mistrades“: Allein im ersten Halbjahr 2016 weist die Mistrade-Liste der Frankfurter Zertifikate-Börse 73 Einträge auf, 2015 waren es 211 Einträge.

Insgesamt dürfte die Zahl der Fehler-Trades um ein Vielfaches höher sein. Denn über Frankfurt werden weniger als zwei Prozent des Gesamtvolumens im Zertifikate-Handel abgewickelt. Eher selten geht es bei den Fehlbuchungen um Millionenbeträge. Die Beteiligten machen Fehler für gewöhnlich schnell und geräuschlos rückgängig. Doch der Fall von Armin S. sticht heraus. Sein Anwalt, der auf Mistrades spezialisierte Kapitalmarktrechtler Mario Bögelein, sagt: „Das ist in dieser Dimension bisher einzigartig“.


Verkatert zum Deal des Lebens

Freitag, 4. Dezember 2015: Armin S. betritt, so erzählt er es, verkatert sein Hinterhof-Büro in der Frankfurter Innenstadt. Am Abend vorher war er bis tief in die Nacht in der Frankfurter Clubszene unterwegs. Nun lässt sich auf seinen Ledersessel fallen, fährt den Computer hoch und checkt auf seinen sechs Bildschirmen die Börsenkurse. Um 9.30 Uhr entschließt er sich, 3000 Zertifikate mit der Kennnummer DE000AA2GDQ0 zum Stückpreis von 108 Euro von der BNP Paribas zu kaufen – insgesamt kostet ihn der Deal 326.000 Euro, das zeigt auch eine Abrechnung seiner Depot-Bank. Er selbst habe nicht genau gewusst, was er sich da ins Portfolio holte, behauptet S. Der Handel sei für ich nicht ungewöhnlich: Er hat zehn Jahre lang als Investment-Banker gearbeitet, zunächst bei der WestLB, dann acht Jahre bei der Citibank. Seit drei Jahren handelt er mit seinem Ersparten von dem Frankfurter Büro aus.

Tage später tauchen die 3000 Zertifikate jedoch nicht zum Preis von knapp 330.000 Euro in seinem Depot auf – sondern mit einem Wert von 163 Millionen Euro. Ein Deal mit über 45.000 Prozent Rendite, ausgelöst durch einen Fehler der Franzosen: Denn offenbar hatte sich die BNP beim Verkauf des Zertifikates den Stückpreis um den Faktor 500 zu niedrig angesetzt. Den fairen Wert korrigierte sie auf rund 54.000 Euro nach oben – ein klassischer Mistrade. Für einen solchen Fall gibt es klare Regeln zwischen der Depotbank von S., der BIW-Bank und der BNP, die das Handelsblatt einsehen konnte. Sie besagen, dass Mistrades mit einem Schaden von über 20.000 Euro bis zum nächsten Bankarbeitstag, 11 Uhr, angemeldet werden müssen. Die beiden Kreditinstitute wollten sich dazu mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht äußern.

Doch der Schriftverkehr zwischen der BIW und der BNP, der dem Handelsblatt vorliegt, zeigt: Die BNP hatte den Zertifikate-Deal erst am 10. Dezember, also vier Werktage später angefochten. Noch am 8. Dezember bestätigte ihm ein BNP-Mitarbeiter per E-Mail: „Der Trade muss manuell von unseren IT Kollegen gebucht werden. Das wird nun geschehen.“ Doch die Bank lieferte die Wertpapiere nicht. In einem Brief wirft ein hochrangiger BNP-Manager S. später arglistige Täuschung vor: Das Wertpapier sei das gesamte Jahr mit Kursen um 50.000 Euro gehandelt worden. S. habe wissen müssen, dass der Preis von 108 Euro ein Fehler sei. Dennoch habe er die BNP nicht auf den offensichtlichen Fehler hingewiesen.


Ein Millionen-Prozess mit ungewissen Ausgang

Tatsächlich äußert sich S. im Gespräch ausweichend dazu, warum er ausgerechnet am 4. Dezember die Zertifikate geordert hat. Daten des Finanzportals Bloomberg zeigen, dass das Zertifikat noch am Tag zuvor zum Preis von 55.192 Euro gehandelt wurde. Kommt es zur Gerichtsverhandlung, wird S. genau begründen müssen, warum er als erfahrener Wertpapierhändler nicht habe ahnen können, dass der Preis von 108 Euro ein Fehler war. S. sagt, das sei unmöglich gewesen, weil die Zertifikatsbedingungen öffentlich nicht einsehbar sind. Er beharrt darauf, dass ihm die Millionen zustehen.

Verpasste Frist oder arglistige Täuschung? Dieser Frage wird sich demnächst das Frankfurter Landgericht annehmen. Über seinen Anwalt Bögelein hat S. zunächst eine Klage über eine Million Euro eingereicht. Die restlichen 151 Millionen will er im Erfolgsfall einklagen. „Die Chancen sind sehr gut“, behauptet sein Anwalt. Doch dass S. tatsächlich in die Sphären der Superreichen aufsteigt, ist längst nicht ausgemacht. Experten verweisen auf Möglichkeiten im Zivilrecht, auch außerhalb der Mistrade-Regeln gegen einen durch Irrtum zu Stande gekommenen Vertrag vorzugehen. Wenn Banken durch einen Fehler zu viel Geld auf das Konto eines Kunden überweisen, hat dieser beispielsweise keinen Anspruch auf das unverhoffte Geldgeschenk. Das Bürgerliche Gesetzbuch spricht in so einem Fall von „ungerechtfertigter Bereicherung“ und definiert einen „Herausgabeanspruch“. Zudem berücksichtigten Richter immer auch die Verhältnismäßigkeit einer Klage. Ob die angesichts eines Gewinns von 150 Millionen Euro bei einem Einsatz von 330.000 Euro gewahrt ist, bleibt fraglich.

S. ist dennoch entschlossen, den Prozess zur Not bis zum Bundesgerichtshof durchzufechten. Auch seine Rede bei der BNP-Hauptversammlung am Dienstag ist durchaus als Drohung zu verstehen: „Durch meine Klage werden alle Informationen öffentlich“, sagt er. „Mit all den negativen Auswirkungen und Kollateralschäden für Sie, für mich und für die Reputation der Banken insgesamt.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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