Das Jahr der Nullen
19.12.2008 von Roland Tichy 377 Kommentare0 TrackbacksDas Jahr 2008 wird als das Jahr der vielen Nullen in die Geschichte eingehen: Mit 200 Milliarden Dollar für die US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac hat die Finanzkrise angefangen, teuer zu werden; für 480 Milliarden Euro hat die Bundesregierung den Bankenschirm aufgespannt; 1,4 Billionen an Bankgarantien wurden dann in New York fällig – ob Dollar oder Euro spielt bei so viel Nullen keine Rolle; in Brüssel flossen 200 Milliarden in ein europäisches Konjunkturprogramm, wobei schon jetzt klar ist: Das war nur die erste Rate. Bis zu acht Billionen werden gebraucht, um die US-Wirtschaft aus der Krise herauszuhauen. Allein 50 Milliarden Dollar durch den Anlagebetrüger Bernard Madoff verdummt, 1000 Milliarden von den Banken bisher abgeschrieben. Und 50 Milliarden neue Schulden wird Bundesfinanzminister Peer Steinbrück wohl auch ohne zusätzliches Konjunkturprogramm im kommenden Jahr anhäufen – mehr als Theo Waigel während der Wiedervereinigung. Übrigens hat der Zweite Weltkrieg, in heutigen Dollar gerechnet, gerade 3,6 Billionen gekostet; Pearl Harbor war nur ein Betriebsunfall gemessen an Lehman Brothers, in Dollar gerechnet. Die Kriege in Vietnam und im Irak mit Kosten von 700 und 600 Milliarden zeigen: Rein betriebswirtschaftlich scheint ein Investmentbanker ein größeres Wohlstands-Risiko zu sein als ein Osama Bin Laden. Kommen Sie noch mit den Nullen zurecht? Die Finanzkrise hat längst etwas Surreales: Salvador Dalí, übernehmen Sie!
In 2009 müssen wir die Nullen abarbeiten. Peer Steinbrück hat den Ruf als größter Steuer-Erhöher in Kauf genommen, um als Finanzminister des ausgeglichenen Haushalts in die Geschichte einzugehen – ich verstehe seine Skrupel davor, das wohl größte Schuldenloch in Friedenszeiten aufzureißen. Er wird wohl müssen. Denn der Staat schüttelt seine morschen Knochen zusammen und steigt als Retter aus der Grube, in der ihn selbstverliebte Finanzjongleure verschwunden geglaubt hatten. Jetzt wird den Unternehmen die politische Rechnung für den staatlichen Notarzteinsatz präsentiert. Die großen Dax-Konzerne sollen eine Beschäftigungsgarantie aussprechen, fordert Siemens-Chef Peter Löscher. Gute Idee, aber es hat etwas Selbstmörderisches an sich, wenn jetzt Ideen eines Staatskapitalismus propagiert werden. Josef Ackermann schwadroniert von der Wiederbelebung der „Deutschland AG“, also der deutschen Industrie, geführt am Zügel der Industriebeteiligung durch seine Bank. Aber dazu muss er erst wieder ins Portfolio kriegen, was er vorher versilbert hat. Diese Beispiele zeigen: Die deutsche Wirtschaft ist uneins wie nie, nicht wirklich verhandlungsfähig und dazu verurteilt, in den Talkshows den Prügelknaben abzugeben und in Berlin auf dem Arme-Sünder-Bänkchen zu kauern. Den Gewerkschaften geht es ähnlich – das Klassenkampf-Getöse ist verstummt. Erstaunlich, wie schnell Berthold Hubers IG Metall die Acht-Prozent-Lohnforderung auf gut drei reduziert hat – von so kooperativen Gewerkschaften kann Detroit nur träumen.
Aber vermutlich ist das dann der eigentliche Standortvorteil Deutschlands: In der Krise wird zusammengerückt und in die Hände gespuckt. Während die Eierköpfe von Harvard ihre Milliarden an der Wall Street verspekuliert haben, drehen deutsche Forscher auf. BMW und Daimler wenden in der Sackgasse und entdecken ihre Liebe zum alternativen Antrieb, Unternehmen finden neue Geschäftsmodelle. Es gibt sie nicht wirklich, die guten Nachrichten zum Jahreswechsel. Ihre WirtschaftsWoche hat vor der Katastrophe frühzeitig gewarnt. Nun werden wir über die vielen Keimzellen zukünftiger Erfolge vorab berichten. Das Leben ist kein Ponyhof – aber morgen, hinter der Scheune, geht die Sonne wieder auf. Garantiert.
Neue Söldner
12.07.2008 von Roland Tichy 44 Kommentare0 TrackbacksDer Siemens-Chef Peter Löscher lässt sich für die Traditionsabkehr von einigen Management-Gurus und Medien feiern und dabei seltsame Begrifflichkeiten einfallen – wie den von der „Lehmschicht“, die es im Unternehmen zu beseitigen gelte. Siemens muss, keine Frage, fit bleiben im Wettbewerb. Deshalb sollen rund 17 000 Mitarbeiter entlassen werden. Dafür mag es eine betriebswirtschaftliche Begründung geben. Aber warum dann der Bezug zur „Lehmschicht“, die jetzt als Synonym für eine Kultur der Korruption und Kumpanei herhalten muss?
Löscher steht unter dem Druck der Märkte, aber auch unter dem Druck der wegen Korruption ermittelnden amerikanischen Börsenaufsicht SEC. Die hat für deutsche Unternehmenstraditionen ohnehin kein Verständnis. Aber für die SEC muss ein Schuldiger her. Und da passt die „Lehmschicht“. Übrigens wurde beim ebenfalls SEC-verfolgten Daimler vor drei Jahren ähnlich argumentiert – und die Stimmung ist dort bis heute vermiest.
Doch was, wer ist die „Lehmschicht“? Sicherlich, wie in jeder Großorganisation gibt es Faulenzer, Mauscheler und Bürokraten. Doch in der Masse handelt es sich schlicht um die „Mittelschicht“ des Unternehmens. Es ist jene Mittelschicht, die über lange Jahre hinweg Siemens, Daimler, BMW oder ThyssenKrupp stabilisiert und zum Erfolg getragen hat. Diese Schicht ist in einem Unternehmen so wichtig wie in der Gesellschaft.
Der Mittelbau aus Facharbeitern, Ingenieuren, Betriebswirten, Informatikern trägt das Unternehmen. Vielen bleibt eine große Karriere versagt, doch sie sind die Räder im Getriebe, arbeiten mehr als loyal und stiften damit Identität. „Mir schaffe beim Daimler“, heißt es etwa in Stuttgart. Und während in der Öffentlichkeit längst die soziale Marktwirtschaft mehrheitlich abgelehnt wird, sind es genau jene unternehmensstolzen Mitarbeiter, die mehrheitlich sagen: In meinem Unternehmen klappt die Marktwirtschaft.
Löscher zerschlägt das Familien-Gefühl der "Siemensianer"
Wenn Löscher noch eine Chance hatte, den notwendigen Personalabbau mit einem Werben um Verständnis für die Last seiner eigenen Verantwortung zu verbinden, dann ist ihm das gründlich misslungen. Im Gegenteil: Er zerschlägt das bislang tragende Familien-Gefühl der „Siemensianer“. Mag sein, dass es in den Unternehmen zu jener Ausdifferenzierung kommt, die die Gesellschaft schon lange kennzeichnet. Aber zu bejubeln ist dieser Prozess nicht: Wo Identität verloren geht, verblasst auch der Zusammenhalt.
Sicher senken Restrukturierungsprogramme wie bei Siemens die Kosten. Andere Kosten aber stehen dagegen. Denn wenn Personalabbau nicht gut begründet, emotional abgefedert und nach fairen, berechenbaren Prinzipien erfolgt, zahlen Unternehmen einen hohen Preis: Loyalität im Unternehmen ist ein operatives Gut. Aber Loyalität muss Zweibahnstraße sein: Wer von der Unternehmensleitung Loyalität der Mitarbeiter einfordert, muss sich auch selbst loyal verhalten, das heißt, er muss attraktiver Arbeitgeber bleiben.
Gerade Entlassungen in guten Zeiten müssen nachvollziehbar und strategisch begründet werden – und weniger entlang der Moden von Unternehmensberatungen, die den „Return on Investment“ willkürlich festlegen. Das hilft vor allem den im Unternehmen Bleibenden, Loyalität beizubehalten. Wer aber das Gefühl nicht los wird, dass das eigene Unternehmen auf jahrzehntelanges Engagement keinen Wert legt, der wird eben nicht mehr 150 Prozent Leistung, sondern Dienst nach Vorschrift erbringen.
Aus „Siemensianern“ werden dann schnell Söldner, die heute da und morgen dort anheuern und beim erstbesten Angebot die Seiten wechseln.
