Banken am Abgrund
22.10.2008 von Anton Riedl 21 Kommentare0 TrackbacksKalt, ohne Befindlichkeit, zeigen die Kurskurven, vor welchem Abgrund die Branche steht: Der Stoxx 600 Banken, repräsentativer Index der europäischen Geldhäuser, hat bei einem Stand von 210 bis 215 Punkten die Tiefspitzen der Jahre 1998 und 2001 erreicht. Genau genommen hat er die bisherigen Tiefs sogar leicht touchiert. Ein böses Omen?
Das Problem dabei: Wenn diese Untergrenze nicht hält, kann schnell ein weiterer Rückschlag folgen. Aus dem Blick der Kurven-Deuter liegt die nächste Untergrenze erst bei 150 Indexpunkten. Das wäre ein Restrisiko von 30 Prozent; damit sollte niemand spielen. Es kommt jetzt alles darauf an, dass sich die Kurse europäischer Bankaktien in den nächsten Tagen schleunigst aus der akuten Gefahrenzone befreien. Wenn nicht, wird es brenzlig.
Dass staatliche Hilfe an der Börse ankommt, hat gerade die niederländische ING-Aktie gezeigt. Nach Bekanntgabe einer Kapitalspritze von zehn Milliarden Euro machte der Kurs einen Freudensprung.
Neue Baisse, alte Tricks
6.08.2008 von Hauke Reimer 2 Kommentare0 TrackbacksMit einem steigenden Dax nach oben laufen kann jeder. Eine Wackelbörse mit fallender Tendenz aber ist für Profi-Anleger die Hölle. Private können ihr Geld aufs Festgeldkonto packen und an soliden Aktien festhalten.
Börsenprofis dagegen müssen ihre Existenz rechtfertigen - täglich. Deshalb suchen jetzt alle Aktiengeschichten, die unabhängig vom Auf und Ab des Dax Geld bringen. Dazu zählen vor allem Übernahmen (Chinesen kaufen die Dresdner, Schaeffler erhöht das Conti-Angebot, Conti findet einen weissen Ritter, Hedgefonds zerschlagen Daimler), die Kurse immer nett nach oben bringen. An den schlechten Tagen zieht das Gegenteil:
Shortselling, also Wetten auf fallende Kurse von Unternehmen, bei denen etwas faul sein könnte. das machen jetzt viele.
Die Versuchung, deren Aktien auf dem gewünschten Weg nach unten noch einen kräftigen Schubs zu geben, ist dabei groß. Der abgetauchte Hedgefonds-Manager Florian Homm machte das besonders gut, in der letzten Baisse.
Auch jetzt wieder beschäftigen echte und vermeintliche Shorties die Finanzaufsicht. Denn die Unternehmen wehren sich. Werden Kurse von interessierter Seite nach oben getrieben, beschwert sich niemand. Fallende Kurse aber provozieren Anzeigen. Der abgestürzte Zahlungsverkehrs-Spezialist Wirecard etwa zeigte den Ex-Vizechef des Anlegervereins SdK an, der vom durch SdK-Analysen beschleunigten Kursverfall der Wirecard-Aktie profitierte. Angezeigt wurden auch zwei Mitarbeiter von Sal. Oppenheim, denen Wirecard Kursmanipulation vorwirft. Shorties wittert auch Air-Berlin-Chef Joachim Hunold. Der zeigte die Dresdner Bank an, weil die das Kursziel seiner Aktie auf null gesetzt und - laut Hunold - davor und danach kräftig mit ihr gehandelt haben soll. Banken verweisen in solchen Fällen auf die Chinese Walls zwischen ihren Abteilungen: Händler dürfen nicht vorher wissen, was die eigenen Analysten so verzapfen.
Auch Merrill Lynch hat angeblich solche Mauern. Analysten der Investmentbank stuften die Conti-Aktie herunter und drückten so den Kurs - ganz im Sinn der Merrill-Investmentbanker, die für Conti-Aufkäuferin Schaeffler arbeiten. Nach dem letzten Crash kam bald raus, dass die Chinese Walls löchrig waren wie Schweizer Käse. In den USA zahlten Merrill Lynch & Co. deshalb Milliarden. Hoffen wir, dass sie daraus gelernt haben.
Die hübsche Geschichte von Bernie und dem Esel
5.06.2008 von Hauke Reimer 2 Kommentare0 Trackbacks"Ein Junge, Bernie mit Namen, zog aufs Land und kaufte bei einem alten Bauern einen Esel für 100 Dollar. Der Bauer versprach den Esel am nächsten Tag vorbei zu bringen. Am nächsten Tag fuhr der Bauer auf den Hof und sagte:
"Tut mir Leid Junge, ich habe schlechte Nachrichten für Dich. Der Esel ist tot."
Bernie antwortete: "Also gut, gib mir mein Geld zurück."
Der Bauer zuckte mit den Schultern: "Geht nicht. Ich hab’ das Geld bereits ausgegeben."
Darauf Bernie: "Ok, lad’ den Esel halt aus."
Der alte Bauer fragt: "Was machste den mit dem?"
Bernie: "Ich werd’ ihn in ‘ner Lotterie verlosen."
Bauer: "Quatsch, man kann doch ‘nen toten Esel nich’ verlosen."
Bernie: "Klar kann ich das. Pass gut auf. Ich sag einfach keinem, dass der tot ist."
Einen Monat später trifft der alte Bauer den Bernie wieder und fragt ihn: "Wie ist das mit dem toten Esel denn so gelaufen?"
Bernie: "Ich hab’ ihn verlost. Ich hab’ 500 Lose zu zwei Dollar das Stück verkauft und einen Gewinn von 998 Dollar gemacht, der nicht in den Büchern steht. Der Verlust von 100 Dollar für ‘nen toten Esel steht aber drin."
Bauer: "Hat sich denn keiner beschwert?"
Bernie: "Klar, der Typ der den Esel gewonnen hat. Also hab’ ich ihm seine zwei Dollar zurückgegeben."
…und Bernie wurde erwachsen, und wurde CEO von Worldcom, wurde zur IKB versetzt und bekommt jetzt eine Abfindung bei Bear Stearns…
Der kleine Mann und die Börse
25.01.2008 von Hauke Reimer 2 Kommentare0 TrackbacksEin eher kleiner Händler, angeblich soll er keine 100.000 Euro im Jahr verdient haben, aber Milliarden gehebelt und so kaum fassbare 4,9 Milliarden Euro Verluste beschert haben - der größte Handelsverlust aller Zeiten! Die Summe ist so unglaublich, dass Banker schon argwöhnen, die Société Générale habe gleich noch andere Verluste in dieser Summe versteckt. Dass zugleich eine Zwei-Milliarden-Euro-Abschreibung der Franzosen auf kreditbesicherte Papiere verkündet wurde, zeigt nur einmal neu, dass das viel gelobte Risikomanagement der Banken und der Société Générale im Besonderen in Wahrheit katstrophal ist.
Dass die Société Générale, als sie Kerviels Positionen auf den Dax auflöste, die deutsche Börse mit nach unten getrieben hat, gilt mittlerweile als gesichert. Auch das macht nachdenklich. Ist es wirklich möglich, dass Einzelne die Märkte bewegen - Fed-Chef Ben Bernanke einmal ausgenommen, aber hinter dem steht ja eine riesige Institution und letztlich die größte Volkswirtschaft der Welt?
Lassen sich mit fünf Milliarden, an der richtigen Stelle platziert und schön über Derivate gehebelt, ruckzuck hunderte Milliarden Börsenwert vernichten? Ich kann die normalen Leute abseits der Finanzzentren, die Friseurin in Hamburg und den Maschinenbauer in Tauberbischofsheim, schon verstehen, die meinen, dass an der Börse und in den Banken nur noch Geldgierige und Verrückte Amok laufen.
Doch solche Nummern - kleiner Impuls, große Auswirkungen - laufen nur dann so total aus dem Ruder, wenn die Märkte hochgradig nervös sind. Alle an der Börse haben Angst, viele sind jetzt wahnsinnig erleichtert. Vielleicht war der Crash ja wirklich nur ein kurzer Alptraum.
Träumt weiter Jungs: Die großen Probleme - Hypothekenkrise, Verschuldung der US-Konsumenten, gefährdete Kreditversicherer und von Abstufungen bedrohte Anleihen, Rezessionsgefahr und und und - sind mitnichten bereinigt, auch wenn der Impulsgeber, der den Absturz des deutschen Marktes anstieß, jetzt identifiziert ist. In der Chaostheorie heißt es, dass ein Schmetterling, der in Südamerika mit den Flügeln wackelt, in Europa Orkane auslösen kann. Wir wissen jetzt nur, wer einer der Schmetterlinge ist - Jérôme Kerviel. Das bedeutet aber nicht, dass es jetzt keine Stürme mehr geben wird!
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Top Ten des Schreckens |
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Die größten Handelsverluste aller Zeiten und ihre Verursacher |
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1 in Milliarden Dollar; Quelle: eigene Recherchen |
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| Name | Verlust1 | Unternehmen | Jahr | Wetten auf |
| 1. Jérôme Kerviel | 7,2 | Société Générale | 2008 | Dax-Aktien |
| 2. Brian Hunter | 6,5 | Amaranth Advisors | 2006 | Gaspreise |
| 3. John Meriwether | 4,0 | Long Term Capital Management |
1998 | Zinsen von Staatsanleihen |
| 4. Yasuo Hamanaka | 2,6 | Sumitomo Corp. | 1996 | Kupferpreise |
| 5. Wolfgang Flöttl/ Helmut Elsner |
2,0 | Bawag | 2006 | Währungs- und Zinsent- wicklung |
| 6. Robert Citron | 1,7 | Orange County | 1994 | Zinsentwicklung |
| 7. Heinz Schimmelbusch | 1,6 | Metallgesellschaft | 1993 | Ölpreise |
| 8. Nick Leeson | 1,4 | Barings Bank | 1995 | Nikkei-Aktien |
| 9. Toshihide Iguchi | 1,1 | Daiwa Bank | 1995 | Anleihen |
| 10. Friedhelm Breuers | 0,8 | West LB | 2007 | VW+BMW Vorzugs- und Stammaktien |
Wem noch vertrauen?
16.01.2008 von Hauke Reimer 6 Kommentare0 TrackbacksNoch längst nicht ausgestanden sei der Schlamassel, sagt der Deutsche-Bank-Chef. Und zack, schockte die HypoReal Estate, der wohl am wenigsten glamouröse und von Analysten und Investoren am wenigsten beachtete Dax-Wert, die Märkte mit einer 390-Millionen Euro-Abwertung von gefährdeten US-Papieren. Die Aktie verlor zwischen 30 und 35 Prozent. Im Dax, wo acht Prozent Minus schon das Etikett "Crash" verdienen, ist das schon eine Hausnummer.
Die Hoffnung, im ersten Quartal 2008 werde die Finanzkrise vorbei sein, haben mittlerweile wohl alle Banker begraben, nicht nur Ackermann. Im Moment schwanken die Schätzungen zwischen "weiß nicht" und "Ende 2008". In zwei Monaten wird dann von Frühjahr 2009 die Rede sein, wetten?
Bei Licht betrachtet sind die Hypo-Real-Estate-Zahlen gar nicht so grauslich. Hätte die Bank seit dem Sommer in jedem Quartal 200 Millionen abgeschrieben und betont, sie tue dies nur aus Vorsicht, wäre vermutlich gar nichts passiert.
Schlimm ist etwas anderes: Die Vorstände um Vorstandschef Georg Funke hatten immer wieder den Eindruck vermittelt, bei ihren Papieren werde schon nichts anbrennen. Weil es dann doch anders kam, verloren Anleger schon wieder ein Stück Vertrauen in die Ehrlichkeit und/oder Prognosefähigkeit von Bankvorständen. Warum, fragen Anleger sich, hat zum Beispiel Ackermann in London nichts zum Ergebnis 2007 gesagt, sondern nur die Prognose 2008 bestätigt?
"Wer mich einmal in die Irre geführt hat, dem glaube ich nicht mehr, und zur Sicherheit glaube ich allen anderen Bankvorständen auch nicht mehr", so funktioniert die einfach gestrickte Logik der meisten Investoren. Deshalb reißen Katastrophenmeldungen wie die des Mittelstandsfianzierers IKB, die der SachsenLB oder jetzt die von Hypo Real Estate den Markt viel tiefer runter, als es eigentlich der Bedeutung dieser Institute entspricht.
Jetzt geht das traurige Rätselraten weiter. Wer von den bereits geouteten Verlierern von Citigroup bis IKB muss in Sachen Wertberichtigung noch mal nachlegen? Bei welchen Finanzinstitutionen, die bisher noch niemand auf dem Radar hatte, werden noch größere Löcher auftauchen?
Staatsfonds, die sich bisher mit über 40 Milliarden Dollar an Großbanken beteiligten dürften noch genügend Kaufgelegenheiten finden. Sind diese schlauer als andere Investoren, die Finanztitel zuhauf auf den Markt werfen? Vermutlich nicht. Finanzaktien sind zurzeit kein schneller Zock mit der Hoffnung auf eine schnelle Erholung, sondern nur etwas für Leute, die viel Zeit, stahlharte Nerven und viel Geld übrig haben - wie eben Staatsfonds, die weltweit mittlerweile etwa 2,3 Billionen Dollar gebunkert haben.
Es mag ja sein, dass einige Banken jetzt auch zu konservativ abschreiben, dass Collateralized Debt Obligations, Asset Backed Securities und das ganze Teufelkszeug rapide an Wert gewinnen, wenn erst mal das Vertrauen in die Märkte zurückgekehrt ist. Doch wann soll das sein und wie soll das geschehen? Fed-Chef Ben Bernanke wird nicht ewig die Znsen massiv senken können. Jetzt fordert die gierige Wall-Street schon eine Zinssenkung um 0,75 Punkte.
Zur Erinnerung: Deutsche Bank-Chef Ackermann bezifferte im vergangenen Jahr das weltweit ausgegebene Volumen an minderwertigen US-Hypothekenkrediten, und von denen geht die Krise ja aus, auf 1,2 Billionen (1200 Milliarden) Dollar. Die UBS schätzte im November, dass davon 100 Milliarden Dollar abgeschrieben werden müssten. Diese Latte ist schon längst gerissen,weltweit dürften schon über 130 Milliarden Dollar Abschreibungen gemeldet worden sein.
Frank Veneroso, US-Hedgefondsmanager und Ex-Berater der Weltbank, geht viel weiter. Zu den 1,2 Billionen Dollar müsse man einen Teil der ebenfalls gefährdeten sogenannten Alt-A-Hypotheken addieren, aus der nach Subprime zweitschlechtesten Klasse, dazu noch erstklassige Hypotheken von Schuldnern, die zusätzlich noch Subprime-Kredite haben plus Konsumentenkredite, Auto-Leasingkredite, Kreditkartenkredite und Papiere zur Finanzierung von Übernahmen.
Unter dem Strich hält Veneroso Abschreibungen von zwei Billionen Dollar für möglich. Der Mann sieht prinzipiell schwarz. Aber wenn er auch nur zu einem Viertel recht hätte, wären das immer noch 500 Milliarden Dollar. Von den bisher gemeldeten 130 Milliarden bis dorthin ist es noch verdammt weit.