Börse zittert der US-Wahl entgegen: „Brexit-Geruch liegt über dieser US-Wahl“

Börse zittert der US-Wahl entgegen: „Brexit-Geruch liegt über dieser US-Wahl“

, aktualisiert 03. November 2016, 08:25 Uhr
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„SOS“ könnte es auch an den Märkten am 9. November heißen – dem Tag nach der US-Wahl.

von Anke RezmerQuelle:Handelsblatt Online

Großinvestoren stellen sich auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump ein. Sie fürchten Ausschläge an den Börsen, ganz wie beim überraschenden britischen Referendum im Juni. Die Szenarien.

FrankfurtEs kann knapp werden, sehr knapp. Zumindest seit Bekanntwerden der neuerlichen Ermittlungen des FBI gegen Hillary Clinton in der sogenannten E-Mail-Affäre wachsen die Zweifel an der Zuversicht für ihre Mehrheit – auch bei Großinvestoren. Daher wappnen sie sich auch für kurzfristige Ausschläge an den Finanzmärkten nach den US-Wahlen am 8. November, auch wenn viele noch daran glauben, dass die nächste Präsidentin der USA Hillary Clinton heißt.

Die Unsicherheit lässt sich an den Börsenkursen ablesen. Der wichtige US-Index S&P 500 hat jetzt sieben Tage in Folge an Wert verloren, der Fluchtinstinkt ins Gold beginnt sich wieder zu zeigen. Die Marke von 1.300 Dollar pro Feinunze hat das Edelmetall am Mittwoch zumindest zeitweise zurückerobert. Der von Credit Suisse als „ultimativer Indikator“ für die Marktstimmung zur US-Wahl gekürte mexikanische Peso hat mehr als drei Prozent zum US-Dollar verloren, seit die E-Mail-Affäre von Hillary Clinton wieder hoch gekocht ist.

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„Wir erwarten ein enges Rennen“, sagt Martin Lück, Chef-Anlagestratege Deutschland beim weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock. Auf einen bestimmten Ausgang der Wahl mag er sich aber nicht festlegen. Deutlicher beschreibt Ulrich Kater, Chef-Volkswirt der Sparkassenfondstochter Deka, die Stimmungslage unter Großinvestoren: „Es wird wieder knapper: Während es in den vergangenen Wochen so aussah, als gäbe es in der Deutlichkeit des Vorsprungs von Clinton einen wesentlichen Unterschied zum Referendum in Großbritannien, so hat sich dies in der letzten Woche der Wahlkampfs wieder gedreht. Brexit-Geruch liegt über dieser US-Wahl.“

Auch Stefan Kreuzkamp, Chef-Anlagestratege und Deutschland-Chef der Deutsche-Bank-Fondstochter Deutsche Asset Management, betont, die enorme Unsicherheit angesichts jüngster letzten Entwicklungen - inklusive der neuerlichen FBI Ermittlungen zu den Clinton-E-Mails: „Ein knappes Rennen mit offenem Ausgang ebenso wenig ausgeschlossen werden wie ein Erdrutschsieg Clintons“, meint er.

Etwas anderes stimmt Großanleger noch misstrauisch: „Wir haben vom Brexit-Votum in Großbritannien gelernt, dass Wähler in Stimmungsumfragen oft nicht ehrlich sind, wenn sie vermuten, dass ihre Ansicht unpopulär ist“, erklärt Kristina Hooper, US-Kapitalmarktstrategin der Allianz-Fondstochter Allianz GI. Die meisten Investoren rechnen zwar nach wie vor mit einem Sieg Clintons, „aber das Überraschungspotenzial ist unzweifelhaft vorhanden“, betont Deka-Mann Kater.

Zudem dürfte nicht nur der neue Präsident der größten Volkswirtschaft der Welt die Börsen bewegen. Mindestens so entscheidend für das internationale Anlageklima werden die neuen Machtverhältnisse im Kongress, der Legislative der USA, sein: „Das Ergebnis der Kongresswahlen wird erhebliche Auswirkungen auf die kommende Legislaturperiode haben“, betont Lück vom Blackrock.

Bei einem Sieg Clintons mit einer weiter republikanische Mehrheit zumindest im Repräsentantenhaus wären die Anleger vermutlich erleichtert, meinen die Investoren. Und weil genau dieses Szenario allgemein erwartet wird, sollte sich dann die kurzfristige Marktreaktionen in Grenzen halten, wie Kreuzkamp von DAM meint. Währungen, wie der mexikanische Peso, für die ein Sieg Trumps besondere Risiken birgt, dürften sich dann etwa erholen. Einzelne Branchen wie etwa dem Gesundheitswesen, könnten aber durchaus einige turbulente Tage bevorstehen. Denn Clinton hat angekündigt, dort genauer hinzuschauen.

„Längerfristig wird viel davon abhängigen, ob Clinton mit den Republikanern im Kongress besser in der Gesetzgebung zusammenarbeitet als es Obama in den vergangenen sechs Jahren gelungen ist“, sagt Kreuzkamp. Allerdings gibt es auch Ausnahmen: Im schwierigen Bereich Gesundheitsdienste macht es nach Ansicht der Fondmanager des US-Fondsriesen Capital Group Sinn, auf Anbieter zu achten, die die Qualität verbessern oder die Kosten senken: Das gilt etwa für private Krankenversicherungen oder Liefernetzwerke. Und bei den ebenso streng von den Regulierern observierten US-Banken dürfte die Lage für kleinere und mittelgroße Häuser nicht schwieriger werden, meint Matt Wilson, Bankenanalyst bei Capital Group.


Ein Sieg Clintons? Bitte nicht zu deutlich!

Grundsätzlich dürften die Finanzmärkte umso heftiger reagieren, je überraschender ein Ergebnis, meinten die Investoren. „Schärfere Auswirkungen auf die Kapitalmärkte drohen nur dann, wenn Trump die Wahl gewinnt“, sagt Björn Jesch, Chef des Portfoliomanagements beim genossenschaftlichen Fondshaus Union Investment. Das könnte Aktien weltweit unter Druck bringen, meint auch DAM-Stratege Kreuzkamp. Etwa der breite US-Aktienindex S&P 500 könnte dann einige Prozentpunkte einbrechen. Kursverluste von bis zu fünf Prozent kann sich Kater von der Deka dann vorstellen. Kurzfristig könnten wir eine ähnliche Reaktion sehen wie nach dem Brexit-Votum der Briten Ende Juni, meint Hooper von Allianz GI sogar. Am Morgen nach dem Votum brach der deutsche Leitindex Dax rund zehn Prozent ein, der weltweite Aktienindex MSCI World gut sieben Prozent.

Die US-Staatsanleihen dürften dann zunächst als sicherer Hafen gefragt sein, deren Renditen sinken. Aus Sorge vor einer protektionistischen Handelspolitik Trumps dürfte der US-Dollar gegenüber anderen Industrieländer-Währungen schwächeln. Schwellenländer-Börsen würden ebenfalls leiden. Ebenfalls eine negative Überraschung aus Sicht der Märkte wäre ein Sieg Clintons und eine Mehrheit der Demokraten im Kongress, meint der Stratege. Dann dürften einzelne US-Branchen leiden, die Clinton ins Visier nehmen könnte: Gesundheit, Finanzen und Energie nennt Kreuzkamp.

Kurzfristig am heftigsten würden die Börsen reagieren, wenn weder Clinton noch Trump eine klare Mehrheit erreichte oder die Legitimität eines Wahlsiegers in Frage gestellt würde, meinen die Investoren. Dies etwa, wenn der unabhängige Kandidat Evan McMullin in Utah gewinnt und sich dort sechs Wahlmänner sichert, wie Kreuzkamp meint. Und Hooper von AllianzGI erinnert an die Präsidentenwahl im Jahr 2000, als hinsichtlich des Wahlergebnisses in Florida Fragen aufkamen.
Doch die Investoren rechnen eher mit einem kurzen Beben. Bereits nach dem Bexit-Votum seien große Verwerfungen ausgeblieben, sagt Lück. Auch nach der US-Wahl dürften sich die Märkte nach eventuellen kurzen Ausschlägen wieder beruhigen, meint er.

Mittelfristig sollte die Tendenz der USA zu höheren Staatsausgaben den Wettbewerb um Kapital intensivieren und den US-Dollar stärken, weil die USA dann mehr Kapital anlockt. Falls in den USA allerdings der Protektionismus gestärkt würde, könnte dies dem Wachstum und der Stärke der Wirtschaft schaden, mahnt Chris Molumphy, Anleihe-Chef-Stratege beim US-Fondshaus Franklin Templeton.

Zur Vorbereitung auf eventuelle Beben an den Börsen macht es nach Ansicht von AllianzGI-Frau Hooper Sinn, sich etwas vorsichtiger aufzustellen. Gold und andere alternative Anlagen könnten Anleger beimischen. Zu Gold und Strategien mit geringen Kursschwankungen rät auch Lück von Blackrock. Jesch von Union setzt dagegen weiter auf einen Sieg Clintons und bleibt gelassen: „Die Präsidentschaftswahl spielt für unsere Positionierung keine größere Rolle“, sagt er. Andere Großinvestoren wollen angesichts des Kopf-an-Kopf-Rennens noch abwarten und kurzfristig reagieren: „Es ist so eng, da ist es noch zu früh zu reagieren“, sagt ein Investor.

Quelle:  Handelsblatt Online
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