Börsen-Absturz: Analysten springen Wirecard-Aktie bei

Börsen-Absturz: Analysten springen Wirecard-Aktie bei

, aktualisiert 09. März 2016, 19:18 Uhr
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Fragwürdige Verkaufsempfehlungen haben die Aktie von Wirecard einbrechen lassen.

von Georgios KokologiannisQuelle:Handelsblatt Online

Eine dubiose Analysefirma setzt das Tecdax-Mitglied Wirecard erneut unter Druck. Doch Experten erwarten deutliches Erholungspotenzial für die Anteilsscheine des Zahlungsabwicklers.

FrankfurtAnhaltende Nervenprobe für Aktionäre des Online-Zahlungsabwicklers Wirecard: Wiederholte anonyme Betrugsvorwürfe haben diese Woche die Anteilscheine des Tecdax-Schwergewichts deutlich einbrechen lassen - zum zweiten Mal innerhalb weniger Handelstage. Die Aktien waren am Dienstag bei überdurchschnittlich hohen Umsätzen zeitweise um mehr als acht Prozent abgerutscht auf 34,21 Euro – und erholen sich seitdem nur zögerlich von ihrer schon tags zuvor begonnenen Talfahrt.

Hintergrund: In einer am Montag im Internet veröffentlichten Studie wirft die bis vor kurzem noch völlig unbekannte Analysefirma Zatarra Research Wirecard erneut Geldwäsche vor.

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Wirecard weist die Behauptungen von sich: Ein Sprecher des Unternehmens sagte, die Äußerungen seien ebenso wie in der vorangegangenen Studie "inkorrekt, irreführend und ohne jede Substanz". Alle Anschuldigungen seien falsch und entbehrten jeglicher Grundlage.

Eine Einschätzung, die auch Experten teilen: Laut dem Analysten Oliver Pucker vom Bankhaus Oddo Seydler seien die jüngsten Vorwürfe gegen den Bezahldienstleister nicht durch Fakten untermauert. Daher halte er an seiner Kaufempfehlung fest.

Sein Kollege Knut Woller von der Baader Bank, äußerte sich in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie ebenfalls zuversichtlich: Es sei an der Zeit, sich auf die fundamentalen Daten zu konzentrieren. Der Ausblick auf das laufende Jahr dürfte angehoben werden, so Woller.


Analysten sehen mehr als fünfzig Prozent Kurspotenzial

Bereits Ende Februar hatte eine fragwürdige Studie von Zatarra mit dem "Kursziel null" die Wirecard-Aktie abstürzen lassen - damals um rund ein Viertel. Anteilseigner erlitten innerhalb eines Handelstags einen Verlust von insgesamt 1,3 Milliarden Euro. Auch diesmal vermuten Experten sogenannte Leerverkäufer hinter der Attacke - also Spekulanten, die mit fallenden Wertpapierkursen Geld verdienen.

Der Ratschlag an Anleger von zehn Analysten, die Wirecard laut dem Informationsdienstleister Bloomberg nach Bekanntwerden der ersten Betrugsvorwürfe unter die Lupe genommen haben, fällt eindeutig aus: Sämtliche Experten stufen die Aktie als "Kauf" ein. Im Schnitt prognostizieren sie auf Jahressicht ein Kursziel von rund 53 Euro. Das entspricht Erholungspotenzial von mehr als fünfzig Prozent für die gebeutelten Anteilscheine.

Wirecard war schon häufiger Ziel von Anschuldigungen, die den Aktienkurs einbrechen ließen. Das Unternehmen, das sich als ein führender Dienstleister im Bereich der bargeldlosen Bezahlsysteme präsentiert, sah sich wiederholt mit Behauptungen über Geldwäsche und Bilanzmanipulationen konfrontiert. 2010 war der Kurs nach dem Vorwurf illegaler Geldtransfers zeitweise um rund ein Drittel eingebrochen. Zwei Jahre zuvor hatte ein Streit mit der Aktionärsschützervereinigung SdK für Aufregung gesorgt.

Maßgeblicher Grund dafür, dass sich Leerverkäufer immer wieder auf Wirecard einschießen, dürfte Fachleuten zufolge sein, dass Geschäftsmodell und Zahlenwerk des Unternehmens zu komplex seien. Vor allem immer neue Akquisitionen von Zahlungsanbietern auf der ganzen Welt haben die Transparenz der Bilanz seit der Börsennotierung 2005 reduziert - und rufen Skeptiker auf den Plan.

„In seiner Transparenz und Unternehmenskommunikation muss Wirecard besser werden“, fordert Analyst Antonin Baudry von der britischen Investmentbank HSBC, der die Aktie binnen Jahresfrist auf das Konsenskursziel der Analysten von 53 Euro steigen sieht. Fundamental habe sich bei dem Zahlungsabwickler nichts geändert, so der Experte. Er frage sich, wie es möglich sei, die Glaubwürdigkeit des Unternehmens und seines Managements so leicht zu beschädigen.


Wirecard-Aktionäre dürfen Hoffnung schöpfen

Hinter den wiederkehrenden Attacken auf Wirecard werden zwar in erster Linie die unbekannten Hintermänner der dubiosen Analystenstudie vermutet. Doch es gibt gibt weitere Marktteilnehmer, die aus dem Absturz der Aktie einen Nutzen ziehen konnten - und die mit den größten Netto-Leerverkaufspositionen sind bekannt.

So hat zuletzt neben mehreren angelsächsischen Hedgefonds zuletzt etwa das "Canada Pension Plan Investment Board" auf fallende Wirecard-Kurse gesetzt - also die kanadische Rentenkasse. Hintergrund: In der EU müssen Investoren Regulierern melden, wenn sie mehr als 0,2 Prozent des Aktienvolumens einer Firma für Leerverkäufe halten. Überschreiten die Orders 0,5 Prozent des Volumens, wird dies publiziert - in Deutschland ist das dann dem Bundesanzeiger zu entnehmen.

De Vorgehensweise der Leerverkäufer: Sie leihen sich bei anderen Marktakteuren Dividendenpapiere, um diese sofort zu verkaufen. Sinkt der Kurs wie geplant, können die im Fachjargon auch als "Shortseller" bezeichneten Investoren die Titel billiger zurückkaufen und dem Verleiher zurückgeben. Die Differenz aus Verkaufs- und dem gesunkenen Rückkaufskurs streichen die Leerverkäufer als Profit ein.

Bei Wirecard halten die Shortseller der bedeutenden Hedgefonds momentan insgesamt Netto-Leerverkaufspositionen in Höhe von knapp elf Prozent aller Anteilsscheine, wie aus den Informationen des Bundesanzeigers hervorgeht.

Einer mit den größten Positionen hat sein Engagement Anfang dieser Woche allerdings etwas zurückgefahren: Die Investmentstrategen des New Yorker Hedgefonds Coatue Management verringerten am Montag ihren Bestand von 0,74 Prozent auf 0,61 Prozent der im Umlauf befindlichen Wirecard-Aktien. Ein möglicher Hinweis darauf, dass inzwischen auch Short-Seller ein Auslaufen der Talfahrt an der Börse erwarten – und Wirecard-Aktionäre neue Hoffnung schöpfen dürfen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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