Börsen in Aufruhr: Wer hat Angst vor der teuflischen Konjunktur?

Börsen in Aufruhr: Wer hat Angst vor der teuflischen Konjunktur?

, aktualisiert 04. Februar 2016, 15:04 Uhr
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Böse makroökonomische Vorahnungen haben den Dax im Griff.

von Julia RotenbergerQuelle:Handelsblatt Online

Spekulationen auf eine lockere Fed-Geldpolitik und Aussichten auf eine geringere Erdöl-Förderung – Nachrichten, die die Kurse sonst nach oben treiben, wirken heute nicht. Die Anleger haben nur noch Angst.

DüsseldorfEigentlich hätten Dax-Anleger am Donnerstagmorgen Grund zur Freude gehabt. Der Automobilbauer Daimler wartete mit Rekordgewinn auf: Das bereinigte Ergebnis stieg gegenüber dem Vorjahr um satte 36 Prozent auf 13,8 Milliarden Euro. Doch anstatt die Glanzbilanz mit Jubel aufzunehmen, schickten die Anleger die Daimler-Aktie in den Keller. Mit einem Minus von mehr als fünf Prozent war sie der Verlierer im Dax. Was war passiert? Der Mercedes-Bauer zeigte sich sehr vorsichtig bei seinem Jahresausblick für 2016. Vor allem die Konjunktureintrübung in China macht dem Konzern Sorgen.

Die Angst vor einer Konjunkturabkühlung der Schwellenländer macht auch vor den deutschen Anlegern nicht Halt – und lässt auch eigentlich positive Nachrichten in einem negativen Licht erscheinen. Nachdem der Index vorbörslich um rund 100 Punkte zugelegt hatte, war die Erholung zur Börseneröffnung wieder verpufft. Zuletzt machte der starke Euro-Kurs auch die letzten Kursgewinne zunichte. Der Dax rutschte um 1,6 Prozent nach unten auf und erreichte am Nachmittag das Tagestief bei 9270 Punkten. Wettmachen von 1,5 Prozent Verlust des Vortages? Fehlanzeige. Der Index schwankt wie ein Pendel hin und her. Der Dax-Volatilitätsindex, VDax, gewann seit Montag rund neun Prozent.

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Da hilft es auch nicht, dass der Ölpreis weiter nach oben klettert. Die richtungsweisende Nordseesorte Brent stieg am Donnerstag zeitweise über 35 Dollar, auch der Preis für die texanische Sorte WTI stieg über die 32-Dollar Marke. Das liegt daran, dass sich die Opec-Staaten nun doch zu einem Krisentreffen mit anderen Erdölförderländern erweichen ließen. Das Ölministerium Venezuelas teilte mit, dass sechs Opec-Mitglieder und zwei weitere Länder, die nicht Mitglied des Kartells sind, zu einem Treffen bereit sind.

Auch die Aussage des Chefs der New Yorker Fed, William Dudley, wonach ein Kursanstieg des Dollar „signifikante Konsequenzen” für die US-Wirtschaft haben könnte, wurde nicht mehr als ein Warn-, sondern als Erholungssignal an der deutschen Börse gewertet. In der Nacht verleitete sie die Anleger zu Spekulationen darüber, dass die US-Notenbank die Leitzinsen in diesem Jahr doch nicht weiter erhöhen werde. Das wiederum löste den stärksten Dollar-Verfall seit 1998 aus. Der Greenback verlor rund 2,8 Prozent und rutschte zwischenzeitlich unter 0,9 Euro.

„Es scheint, als wären die Amerikaner nun auch in den weltweiten Währungswettlauf eingetreten, wenn auch nur in der Gestalt, dass sie ausländischen Zentralbanken nicht länger erlauben, ihre Währungen beliebig gegenüber dem Dollar abzuwerten”, kommentierte cmc-Analyst Jochen Stanzl die Entwicklung und beklagte, dass die Fed nun den Handlungsspielraum der anderen Zentralbanken einschränke.


Konjunkturausblicke lassen Schlimmes ahnen

Insgesamt scheinen düstere makroökonomische Vorahnungen die Dax-Anleger im Griff zu haben. Genährt werden sie unter anderem von der EU-Kommission, welche zuletzt die Prognose für das Wachstum der Eurozone von 1,8 auf 1,7 Prozent korrigiert hat. Die Kommission warnt unter anderem vor einem Rückgang der Nachfrage in den Ländern, in die europäische Unternehmen exportieren – vor allem China.

Neuen Konjunkturdaten zufolge ist die Industrie im Reich der Mitte auch zu Jahresbeginn geschrumpft. Der Einkaufsmanagerindex für den Sektor ging im Januar überraschend stark zurück und war damit so schwach wie seit rund dreieinhalb Jahren nicht mehr. Bereits am Montag warnte EZB-Ratsmitglied Ewald Nowothny vor den Folgen der kühleren Konjunktur: „Die Schwellenländer bringen nun die Krise zu uns zurück”, sagte Nowotny auf einer Konferenz in Budapest.

Und China ist bei Weitem nicht das einzige Schwellenland, dessen Wirtschaft momentan schwer leidet. Es sind vor allem die Erdölexporteure, welche auch den deutschen Anlegern Sorgen bereiten. Venezuela zum Beispiel, das sich so stark für das Krisentreffen der Opec-Staaten einsetzt. Innenpolitisch steht das Land, dessen Exporteinnahmen sich fast ausschließlich aus Erdölexporten bestehen, auf der Kippe. Ein weiterer Rückgang des Ölpreises könnte für das Land in einer humanitären Krise enden. Denn anders als anderer Erdölexporteure wie Russland, Norwegen oder Saudi Arabien hat Venezuela keinen Staatsfonds, der das Land in Notzeiten auffangen könnte. Im Gegenteil: Der 2013 verstorbene Präsident Hugo Chávez nutzte die Erdöleinnahmen vielmehr dazu, die Auslandsschulden des Landes in die Höhe zu treiben. Für das lateinamerikanische Land wird eine Einigung mit den Großen des Erdöl-Exportclubs höchste Zeit. Die zaghafte Erholung des Dax ist angesichts dieser Unsicherheiten wenig überraschend.

Quellle:  Handelsblatt Online
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