Börsenfusion: Europa, aufgepasst!

Börsenfusion: Europa, aufgepasst!

, aktualisiert 11. März 2016, 16:28 Uhr
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Im Übernahmekampf der Börsen sind einige Bieter im Rennen.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Wer Angst vor dem Zusammenschluss der Börsen Frankfurt und London hat, sollte sich erst recht vor der US-Konkurrenz fürchten. Fusionen sind wegen der rasanten technischen Entwicklung nämlich alternativlos.

New YorkGerade hat es ein Computer mit künstlicher Intelligenz zwei Mal geschafft, den Weltmeister im Brettspiel Go zu schlagen. Ob ein Computer eines Tages auch darüber entscheiden wird, welcher Bieter bei einem Übernahmepoker mit mehreren Beteiligten der Gewinner ist? Warum nicht? Börsenstrategien werden bereits zu einem erheblichen Teil von Computern umgesetzt, und künstliche Intelligenz schlägt Ökonomen-Hirne zunehmend bei wirtschaftlichen Prognosen. Vielleicht bekommen Top-Manager, deren IQ wahrscheinlich unter dem von Go- oder Schachweltmeistern (und vielleicht auch Ökonomen) liegt, irgendwann Computer als Vorgesetzte.

Noch werden Übernahmen aber von Menschen entschieden. Zum Beispiel beim gerade stattfindenden, ziemlich komplexen Übernahmepoker zwischen den internationalen Börsenanbietern. Die Börsen in London und Frankfurt wollen sich zusammenschließen. Die ICE in Atlanta möchte wahrscheinlich für London mitbieten. Die CME in Chicago möchte vielleicht für London mitbieten, eventuell aber auch in Frankfurt statt in London einsteigen. Insgesamt eine verwirrende Situation.

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CME und ICE sind die größten Börsenbetreiber weltweit. Wenn die Europäer nicht aufpassen, könnte sich die ICE London und die CME Frankfurt schnappen. Diese Kombination wäre sinnvoll, weil bei einer Verbindung von Chicago und London eher Monopole in einzelnen Marktbereichen und daher Probleme mit Regulatoren zu erwarten wären. Außerdem ist nicht bekannt, ob die ICE im Zweifel auch Interesse an Frankfurt hätte, während sie das für London schon explizit angedeutet hat.

Wenn die europäischen Börsen in amerikanischer Hand wären, ginge die Welt davon nicht unter. Entscheidend für die Kapitalmärkte ist, dass die Börsen funktionieren, nicht, wo der Chef sitzt. Die Aktienbörse an der Wall Street, die größte weltweit, wird vom ICE-Chef im fernen Atlanta beherrscht. Trotzdem bleibt New York die Finanzmetropole der USA, die Banker ziehen nicht alle in die Südstaaten um. Wenn Banker in Frankfurt also Angst haben, bei einem Zusammenschluss mit London könnten die Briten zu viel Einfluss gewinnen, dann stellt sich die Frage, ob das angesichts der US-Konkurrenz nicht zu kurz gedacht ist.


International fallen die Grenzen

Börsen waren, vor gar nicht so langer Zeit, mehr oder minder regionale Handelsplätze. Auf nationaler Ebene hat sich das weitgehend erledigt. Für den Aktienhandel spielt in Deutschland außer Frankfurt kein Platz mehr eine große Rolle. Aber auch international fallen die Grenzen. Das Geschäft wird heute weitgehend von zwei Komponenten bestimmt: der Liquidität und der Technik. Beides hängt zusammen. Die Nutzer gehen dahin, wo die Technik gut funktioniert oder wo sie preiswert angeboten wird. Und die Nutzer gehen dorthin, wo es möglichst viele andere Nutzer gibt. Das ist die Liquidität.

Insofern sind Börsenbetreiber nicht nur Tech-Unternehmen, weil sie viel Technik brauchen: Auch die Struktur ihres Geschäfts ähnelt dem von Google, Facebook & Co. Nur, dass man dort von Netzwerk-Effekten statt von Liquidität spricht, aber letztlich ist beides fast dasselbe.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt. Nicht umsonst knüpft etwa die Deutsche Börse ähnlich wie Banken Kontakte zu neuen Fin-Tech-Unternehmen, die der Finanzbranche den Einsatz neuer Technik wie der Blockchain ermöglichen wollen. Zwar ist hier etwas Ernüchterung eingetreten. Kein Mensch rechnet mehr damit, dass wir alle in ein paar Jahren Wertpapiere nur noch per Blockchain handeln und verwalten oder gar keine Broker und Börsen mehr benötigen. Aber es kann sehr gut sein, dass sich diese Technik innerhalb der Unternehmen nach einigen Anlaufschwierigkeiten doch für wichtige Bereiche des Wertpapierhandels durchsetzt. Sie würde wahrscheinlich für erhebliche Kostenvorteile sorgen. Aber wenn die Kosten in einem Geschäftsbereich verschwinden, dann schmelzen durch die Konkurrenz häufig die Gewinne gleich mit. Das ist ein Grund mehr für die Börsenbetreiber, ihr Heil in Fusionen oder Übernahmen zu suchen. Und, wie gesagt, noch fechten die Manager aus, wer zum Zug kommt - und nicht die künstliche Intelligenz, die sie in ihren Computern entwickeln lassen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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