Börsenhochzeit: Eine Charmeoffensive aus Eschborn

Börsenhochzeit: Eine Charmeoffensive aus Eschborn

, aktualisiert 11. Januar 2017, 16:26 Uhr
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Der Vorstandschef der Deutschen Börse hat ein Gutachten in Auftrag geben, das sich für den Zusammenschluss mit der Londoner Börse ausspricht.

von Michael BrächerQuelle:Handelsblatt Online

Die Deutsche Börse wirbt mit einem Gutachten für ihre Fusion mit London. Doch die Kritiker des Milliardendeals überzeugt das nicht. Denn auf die vielleicht wichtigste Frage geht die Untersuchung gar nicht ein.

FrankfurtEs geht um Geld, viel Geld: Rund 25 Milliarden Euro wären Deutsche Börse und London Stock Exchange zusammen wert. Zum dritten Mal proben beide Marktplatzbetreiber den Zusammenschluss. Seit der Deal vor knapp einem Jahr publik wurde, haben beide Börsen viele Millionen Euro an Berater, Anwälte und Lobbyisten bezahlt, um die Börsenhochzeit vorzubereiten. Doch dass sie glückt, ist längst nicht ausgemacht – denn auch die Aufseher haben ein Wort mitzureden.

Schon früh entbrannte in Frankfurt eine Debatte über das Für und Wider der Fusion. Jetzt erhöht der Konzern aus Eschborn den Druck mit einem Gutachten. Wirtschaftsprofessor Dirk Schiereck von der Universität Darmstadt erklärt darin, „warum der Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange den Finanzplatz Frankfurt stärkt“. Doch Kritiker des Megadeals überzeugt das nicht. Denn auf die vielleicht wichtigste Frage für das Schicksal der Fusion geht die Untersuchung gar nicht ein.

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Schiereck argumentiert, dass nicht nur der Finanzplatz Frankfurt, sondern auch die Kunden der Börse von dem Zusammenschluss profitieren. Der Finanzplatz habe in den vergangenen Jahren bereits an Stellenwert verloren. „Dem dadurch drohenden Bedeutungsverlust kann mittels eines Zusammenschlusses mit einem starken Partner entgegengewirkt werden.“ Zudem benötige die deutsche Wirtschaft eine starke Börse, um sich das notwendige Kapital zu verschaffen, etwa, um den Umbau zur „Industrie 4.0“ zu finanzieren. Auch sollen Startups durch die Fusion leichter an die „ungleich reifere und sehr viel kapitalstärkere Frühphasenfinanzierungsszene in London“ kommen.

Für den Fall, dass der Zusammenschluss platzt, malt Schiereck ein Schreckensszenario aus: Ohne die Fusion, so der Ökonom, werde die Börse „und damit der Finanzplatz Frankfurt mittelfristig erheblich an Bedeutung verlieren“. Ähnliche Argumente führt auch Börsenchef Carsten Kengeter ins Feld, um für den Milliardendeal zu werben. Wider und wider warnte er vor einem Bedeutungsverlust für Frankfurt, sollte der Deal platzen.

Doch die Kritiker der Fusion überzeugt das nicht. Dass der Zusammenschluss mit London sich grundsätzlich lohnt, bezweifelt in Frankfurt kaum jemand. Doch die Konditionen des Deals brachten der Börse harsche Kritik von Aufsehern, Aktionären und Politikern ein. Kristallisationspunkt für den Streit sind die Standortpläne: Der Rechtssitz des Konzerns soll in London angesiedelt werden. Nach einem Brexit läge der Sitz der wichtigsten Börse in Europa damit außerhalb der EU. Bafin-Chef Felix Hufeld nannte das „schwer vorstellbar“. Doch formell hat Deutschlands höchster Finanzaufseher für den Deal nur eine beratende Funktion.

Derzeit klopft die EU-Kommission die wettbewerbsrechtlichen Folgen der Fusion ab. Wenn Brüssel den Deal genehmigt, ist die hessische Börsenaufsicht gefragt. Sie kann die Fusion untersagen, wenn sie die Fortentwicklung der Börse gefährdet sieht. Noch hat sich der zuständige Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) nicht festgelegt.


Opposition will Gegengutachten vorstellen

Hinter den Kulissen wird kräftig für den Deal geworben. Landtagsabgeordnete in Wiesbaden berichteten von einer regelrechten Charme-Offensive der Börse. Zugleich vermeidet es der Konzern nach Kräften, die Standortdebatte nochmal aufzugreifen. Denn mit der London Stock Exchange wurden die Eckpunkte des Deals festgezurrt. „Wir haben einen Vertrag mit unserem Fusionspartner abgeschlossen“, sagte Kengeter im Dezember im Handelsblatt-Interview. Die Börse argumentiert, dass die zuständigen Aufseher ihrem Job auch dann nachgehen können, wenn der Sitz des Konzerns in London liegt.

Auf diesen Aspekt geht das Gutachten der Börse jedoch nur am Rande ein. Es handele sich um eine „rein ökonomische Betrachtung“, heißt es in der Einleitung. Man wolle und könne „keinerlei rechtliche Würdigung“ vornehmen. Ökonomisch sei der Deal aber in jedem Fall sinnvoll.

Kein Wunder, dass sich die hessische Opposition von dem Gutachten der Börse wenig überzeugt zeigt: „Dass die Börse hier ein eigenes Interesse hat, mit Gutachten ihre Rechtsposition so stützen, ist nicht überraschend“, sagt Florian Rentsch, der Vorsitzende der FDP-Fraktion im hessischen Landtag. „Zur Klärung der genehmigungsrechtlichen Fragen hat die FDP-Fraktion ein umfassendes börsenrechtliches Gutachten bei einem renommierten Experten in Auftrag gegeben, dessen Ergebnisse wir vor der Entscheidung der EU-Kommission vorlegen werden.“

Das Gutachten soll der Magdeburger Professor Ulrich Burgard erstellen. Auch er ist in Frankfurt kein Unbekannter: Er hatte im Jahr 2011 ein Gutachten zur Fusion der Deutschen Börse mit der New York Stock Exchange vorgestellt. Sein Fazit damals: Durch den Zusammenschluss mit den Amerikanern drohe die Börse, marginalisiert zu werden, argumentierte Burgard. Der Deal kam damals nicht zustande, weil die EU-Kommission aus wettbewerbsrechtlichen Gründen untersagte. Bis zum 30. Juni bleibt Börsenchef Kengeter und seiner Mannschaft Zeit, um die Bedenken auszuräumen. Gelingt es ihm nicht, scheitert auch der dritte Anlauf für eine Fusion mit London.

Quelle:  Handelsblatt Online
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