Boris Johnson: Triumph für Mr. Brexit

Boris Johnson: Triumph für Mr. Brexit

, aktualisiert 24. Juni 2016, 06:31 Uhr
Bild vergrößern

Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist ein Sieg für Boris Johnson, hier mit seiner Frau Marina Wheeler.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Der 51-Jährige Ex-Bürgermeister von London war der Wortführer der EU-Austritts-Kampagne. Nun könnte das Votum für Boris Johnson den Sprung nach ganz oben bedeuten.

LondonDen „Brexit Blitz“, hatte er seine Kampagne in Anspielung auf die deutsche Luftwaffe genannt, ein so alberner wie politisch unkorrekter Name. Wochenlang war Alexander Boris de Pfeffel Johnson, der Mann, den alle wie einen Popstar in Großbritannien nur Boris nennen, damit bis zum Tag des EU-Referendums am 23. Juni kreuz und quer über die Insel gereist, um wortreich mit nicht immer korrekten Fakten und skurrilen Witzen gegen Brüssel zu argumentieren.

Doch am Freitag ist es augenscheinlich nicht der britische Premierminister David Cameron, sondern Johnson, dem nach wochenlanger Kampagne erneut nach Lachen zu Mute ist. Nach den Prognosen der TV-Sender BBC und Sky wird Großbritannien aus der EU austreten - und den 51-Jährige damit zum Sieger küren.

Anzeige

Es ist ein Triumph für Mr. Brexit – der für den Tory-Politiker nun der Sprung nach ganz oben bedeuten könnte. Zu verlieren hatte das Tory-Schwergewicht beim Referendum über einen EU-Austritt schon von Anfang an kaum etwas, zu gewinnen dagegen viel. In der Brexit-Debatte ging es auf der Insel schließlich nicht nur um die Zukunft Europas, sondern auch um Karrieren und politische Egos. So leichtfüßig der Mann aus der konservativen Tory-Partei, den viele als Clown und Kindskopf abtun, auch nach außen daherkommt, so wirkungsmächtig ist Johnsons Einfluss auf die britische Politik, wie er mit der Leave-Kampagne noch einmal bewies: Kaum einen Politiker mögen die Briten so sehr wie diesen Nonkonformisten, der mit der Anwältin Marina Wheeler verheiratet ist.

Der Mann mit den Wuschelhaaren ist ein Volkstribun, dessen Beliebtheit sich auch daraus speist, dass Johnson Gegensätze mühelos vereint: Er ist Vertreter der Oberschicht und bestens vernetzt, andererseits gilt er aber als Parteirebell, der seinen eigenen Kopf hat. Doch die Brexit-Debatte legte auch eine Schwäche des Mannes offen, der in New York geboren wurde. „Johnson sei ein „großer Entertainer“, ein „Clown“ und „brillanter Redner“. „Aber ein guter Redner ist noch kein guter politischer Führer“, urteilte vor wenigen Tagen noch Financial-Times-Chefredakteur Lionel Barber über den Polit-Pumuckl, bei dem er die Seriösität vermisst. Rechtspopulistische Entgleisungen – sein Vergleich zwischen Hitler und der EU, der Hinweis auf US-Präsident Barack Obamas „halb kenianische Vorfahren“ – ließen Zweifel wachsen, dass er für höchste Ämter geeignet ist.

Dennoch hatte Premierminister David Cameron lange um den Parteifreund geworben und ihm angeblich einen Ministerposten angeboten, falls er sich an seine Seite stellen würde. Aber Johnson hatte sich gegen einen Posten im Kabinett entschieden und sich zusammen mit Justizminister Michael Gove zum Wortführer der Rebellen aufgeschwungen. Viele halten Johnsons Europaskepsis dabei für pure Inszenierung. Die Vorwürfe gegen Brüssel aus dem Munde des Mannes, der in der belgischen Hauptstadt zur Schule gegangen ist, seien reines Machtkalkül, weil er das Land regieren möchte, mutmaßen sie. So ist auch Barber unmissverständlich in seiner Einschätzung über die Motivation von Johnson: „Er will der nächste Premierminister werden.“

Genau das könnte nun schneller geschehen als von vielen gedacht. Rund 80 britische Tory-Politiker appellierten in der Nacht zum Freitag zwar an Cameron, im Amt zu bleiben. Die meisten politischen Beobachter gehen jedoch davon aus, dass Cameron ein Leave-Votum als Regierungschef nicht überstehen wird – und Johnson dürfte nun als einer der aussichtsreichsten Nachfolge-Kandidaten gelten. Es hat dabei eine gewisse Pikanterie, das ausgerechnet Johnson so indirekt zum Sturz seines Premiers beiträgt. Denn die Herren kennen sich seit Jahrzehnten gut.

Cameron und Johnson besuchten beide die Eliteschule Eton, studierten beide in Oxford, gehörten beide dem elitären Bullingdon-Studentenclub an. Es sind zwei konservative Vertreter der britischen Elite auf Augenhöhe, doch in der Politik hat Cameron bis in die Downing Street geschafft, Johnson bisher nur ins Londoner Rathaus und ins Unterhaus – das will er ändern. Dass der Ex-Bürgermeister der Metropole über den nötigen Machthunger verfügt, ist keine Frage. Der Berufswunsch, den der junge Boris schon als Kind nannte, ist ebenso kurios wie bezeichnend: „König der Welt“.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%