Brexit-Debatte: Der Staatsmann und der Stänkerer

Brexit-Debatte: Der Staatsmann und der Stänkerer

, aktualisiert 08. Juni 2016, 07:47 Uhr
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Erst wurde Euro-Gegner Nigel Farage (rechts) eine halbe Stunde befragt, erst danach der britische Premierminister David Cameron.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Gut zwei Wochen vor dem Brexit-Votum liefern sich der britische Regierungschef David Cameron und der rechte Ukip-Boss Nigel Farage ein erstes großes TV-Duell. Über den Sieger der Debatte sind sich die Briten uneins.

LondonDer Rahmen ist eng gesetzt, die Regeln minutiös definiert. Erst wird Nigel Farage eine halbe Stunde befragt, erst danach David Cameron. Eine lebendige Diskussion zwischen dem rechten, europaskeptischen Ukip-Chef sowie dem britischen Premierminister ist nicht vorgesehen. Stattdessen darf das Publikum beim ersten großen TV-Gipfel im britischen Fernsehen zum EU-Referendum Fragen an die beiden Spitzenpolitiker stellen.

Doch wer denkt, dass allein schon das strenge Regelwerk in der Nacht zum Mittwoch für gepflegte Langeweile auf den Bildschirmen sorgt, der sieht sich getäuscht. Schon nach wenigen Minuten geht es hoch her. Als eine Zuschauerin Farage das Zitat von EU-Präsident Jean-Claude Juncker vorhält, Großbritannien werde im Fall eines Brexits als Deserteur behandelt, geht der Ukip-Chef steil. „Wir sind Briten“, ruft er aus. „Wir lassen uns nicht einschüchtern, schon gar nicht von einem Mann, der nicht mal demokratisch gewählt ist.“

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Der Staatsmann und der Stänkerer. Schon früh ist damit der Akkord gesetzt, mit dem die beiden Kontrahenten in diesem Fernduell in den folgenden 60 Minuten zu punkten versuchen. Cameron, in dunklem Anzug mit dunkelblauer Krawatte, bemüht sich, staatsmännisch aufzutreten, unterstützt seine Rede immer wieder mit Gesten seiner Hände, blickte ernst und bedankte sich für jede Frage, die aus dem Publikum kommt.

Farage, ein absoluter Gegner der Europäischen Union, übt sich dagegen in der Rolle des Angreifers. Der Brite setzt sich gerne als Mann aus dem Pub von nebenan in Szene, das Wort Populist dürfte er in diesem Sinne eher als Kompliment denn als Schimpfwort auffassen. Mit Leidenschaft trommelt er für den britischen EU-Ausstieg – bekommt für seine Position – ebenso wie Cameron - allerdings auch viel Widerspruch aus dem Publikum zu hören.

Wochenlang hatte Downing Street No. 10 um die Modalitäten der Debatte gerungen. Die Konservativen wollten verhindern, dass sich Cameron live im Fernsehen in einen Bruderkampf mit anderen Schwergewichten seiner Partei verwickelt. So wollte der Premier weder mit seinem ärgsten Widersacher in der eigenen Partei, dem Brexit-Wortführer und früheren Londoner Bürgermeister Boris Johnson, noch mit seinem Justizminister Michael Gove, der als intellektueller Kopf der Leave-Kampagne gilt, verbal die Klinge kreuzen. Zu sehr hätte die Debatte offengelegt, wie tief der Riss in der Schicksalsfrage durch die regierende Tory-Partei geht.

Doch mit Farage gerät Cameron nun in der Debatte, die der britische Privatsender ITV veranstaltete, an einen unangenehmen Gegner. Denn der Rechtspopulist ist für seine schnörkellose Sprache, seine populistischen Sprüche und sein breites Lachen berüchtigt – und davon machte er auch in der Nacht zum Mittwoch durchaus Gebrauch.


„Wer sein Land liebt, der beschädigt es jedoch nicht.“

Die Eurozone bezeichnet er unverblümt als „Katastrophe“, dem Anführer der Pro-Europa-Kampagne Lord Rose wirft er vor, in den „Winterschlaf“ gefallen zu sein, und demonstrativ schwenkt er im Studio seinen Pass und ruft dem Publikum zu, er werde wieder britische Passkontrollen und einen Ausweis mit britischen Enblemen zurückbringen.

Für Cameron ist der Clinch ein heikler Balanceakt. Vor Jahren hatte Cameron Ukip noch als Partei der Spinner und Rassisten abgetan, doch nun muss er zur besten Sendezeit im britischen Fernsehen dessen Vorsitzenden als ebenbürtigen Redner akzeptieren. Denn es waren auch die Wahlerfolge von Ukip, die Cameron letztlich mit dazu drängten, in diesem Monat die Abstimmung über den Verbleib Großbritanniens in Europa abzuhalten.

Gut zwei Wochen sind es noch bis zum EU-Referendum, am 23. Juni stimmen die Briten über die für die Insel und den Rest Europas schicksalhafte Frage ab, ob die Briten als erstes Land freiwillig die Europäische Union verlassen wollen. Doch selbst kurz vor der Abstimmung ist der Ausgang des Votums ungewiss. In Umfragen liegen Gegner und Befürworter beinahe gleichauf.

So schmilzt der Vorsprung für einen Verbleib Großbritanniens in den letzten Wochen kontinuierlich. Nach der jüngsten Umfrage des Instituts WhatUKThinks lagen die Befürworter eines Austritts Großbritanniens aus der EU am 5. Juni sogar erstmals seit längerer Zeit wieder vorne. 48 Prozent sprachen sich für einen Austritt aus. 43 Prozent dagegen. Neun Prozent waren danach noch unentschlossen.

Vor allem für Cameron steht an diesem Abend deshalb viel auf dem Spiel: Ein Fehltritt, eine falsche Antwort, und die Sympathie der Wähler könnte endgültig kippen. Gebetsmühlenhaft wiederholt Cameron darum an diesem Abend sein stärkstes Argument: dass sich Großbritannien mit einem Austritt selbst schaden würde.

Farage erzählt ihnen, es werde keinen Stellenabbau geben. Aber nach einem Brexit müsste Großbritannien Zölle zahlen wie die USA, was zweifellos Stellen kosten werde. „Ich liebe mein Land“, ruft Cameron pathetisch. „Wer sein Land liebt, der beschädigt es jedoch nicht.“ Zudem warnte er vor einer Spaltung des Landes. „Ich befürchte ein zweites schottisches Unabhängigkeits-Referendum, falls wir austreten sollten“, warnte der Regierungschef.


Keinen klaren Sieger im ersten TV-Duell

Der Brexit-Anhänger Farage zeigt sich davon jedoch unbeeindruckt. Er spielt immer wieder das wichtigste Gegenargument der Europa-Gegner aus: das Thema Zuwanderung aus anderen EU-Staaten. „Cameron wird Ihnen gleich erzählen, wie großartig die Einwanderung für die britische Wirtschaft ist“, stichelt Farage bei diesem Fernduell gegen den Regierungschef.

„Aber wir dürfen nicht allein auf die Ziffern des Wirtschaftswachstums schauen, sondern müssen auch die Befindlichkeit der Bevölkerung im Auge haben“, betont der Ukip-Chef. Ja, die Einwanderung sei eine Herausforderung, hält Cameron dagegen. „Aber ihr kann man nicht begegnen, indem man den EU-Binnenmarkt verlässt und damit unserer Wirtschaft und unserem Land schadet." Da ist es wieder, das stärkste Argument der EU-Befürworter um den britischen Premier.

Dennoch machten die Experten nach der Debatte keinen klaren Sieger im ersten TV-Duell zum Brexit aus. Das Ergebnis einer Online-Umfrage der konservativen britischen Zeitung „Times“ unmittelbar während der Ausstrahlung der TV-Debatte ist zwar eindeutig: Farage erhält deutlich höhere Zustimmungswerte als der Premier.

Aber die linke Tageszeitung Guardian verortete eher Farage als Verlierer, der gereizt und ständig in der Defensive gewirkt habe. Auch George Eaton, politischer Kommentator des New Statesman, machte nach der Debatte einen anderen Sieger aus als die „Times“: Cameron.

In den restlichen Wochen bis zum Referendum kann der Premier darum nur hoffen, dass die Insel am Ende bei dieser grundlegenden Entscheidung nicht die lautesten Sprüche zur Grundlage macht - sondern vor allem durchdachte Argumente.

Quelle:  Handelsblatt Online
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