Brexit-Debatte: Deutsche Bank lernt aus Schottland-Panne

Brexit-Debatte: Deutsche Bank lernt aus Schottland-Panne

, aktualisiert 13. April 2016, 18:52 Uhr
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Keine „proaktiven“ Äußerungen zur „Brexit“-Debatte.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Deutsche Bank verhängt sich einen Maulkorb: Mitarbeiter sollen sich nicht zum Votum über den möglichen Abschied Großbritanniens aus der EU äußern. Vor anderthalb Jahren gab es solche Zurückhaltung ganz und gar nicht.

DüsseldorfDie Deutsche Bank legt sich Selbstzensur auf: In der heißen Phase vor der britischen Abstimmung über einen Austritt des Landes aus der Europäischen Union („Brexit“) will die Bank nach Recherchen der WirtschaftsWoche „proaktiv“ keine Analysen mehr zum Thema veröffentlichen. Ein Grund: Die Vorgaben einer britischen Wahlkommission sind diskussionswürdig und werden unterschiedlich ausgelegt.

Einige Banken mit großem Geschäft in London haben Sorge, Kunden zu verunsichern oder durch unterschiedliche Auffassungen zu dem für den 23. Juni angesetzten Votum zu verprellen. Vom 15. April bis zum Wahltag sollen von der Deutschen Bank keine Analysen zum Brexit veröffentlicht werden, die die Öffentlichkeit in irgendeiner Weise bei ihrer Wahlentscheidung beeinflussen könnten. Ein Sprecher wollte dazu keinen Kommentar abgeben.

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Mitarbeitern der Bank werde empfohlen, bei öffentlichen Veranstaltungen oder Konferenzen nicht über das Referendum zu sprechen, schreibt die WirtschaftsWoche. Offiziell äußern darf sich zum Thema Brexit bei der Deutschen Bank jetzt nur noch die Abteilung „Government Affairs“ (Regierungsangelegenheiten). Diese Abteilung leitet auch die vor einigen Monaten eingesetzte Arbeitsgruppe, die sich mit den Konsequenzen eines möglichen EU-Austritts für die Bank befasst. Auf Fragen von Kunden will die Bank freilich weiterhin Auskunft zum Brexit erteilen.

Die Entscheidung der Bank könnte auch mit einer unrühmlichen Erfahrung in der Vergangenheit zu tun haben. Als im Jahr 2014 die Schotten aufgerufen waren, über die mögliche Unabhängigkeit von Großbritannien abzustimmen, zeigte die Deutsche Bank keinerlei Zurückhaltung. Ganz im Gegenteil: Chefvolkswirt Daniel Folkerts-Landau wurde extrem deutlich. „Schottland: Falsche Richtung“ betitelte der Ökonom einen Bericht, der etwa eine Woche vor dem Referendum im September 2014 veröffentlicht wurde.

Damals schrieb Folkerts-Landau, dass es Zeiten gebe, „in denen grundlegende politische Entscheidungen negative Folgen haben, die weit über das gehen, was sich Wähler und Politiker vorstellen können“. Die Abstimmung über die schottische Unabhängigkeit sei ein solcher Moment. Dann zog er Parallelen zu zwei Ereignissen, die ähnlich folgenschwer gewesen seien wie ein möglicher Abschied Schottlands aus dem Vereinten Königreich:

  •          Die Wiedereinführung des Gold-Standards durch den damaligen britischen Finanzminister Winston Churchill im Jahr 1925.

  •          Die restriktive Politik der US-Zentralbank in den frühen 1930er-Jahren, die zur sogenannten „Großen Depression“ führte.

Die klaren Worte brachten die Deutsche Bank zum Beispiel auf die Titelseite der schottischen Zeitung „Daily Record“, die mit Bezug auf die Deutsche-Bank-Studie die Worte „Nein, danke“ auf deutsch auf Seite 1 druckte. Die Einmischung des deutschen Kreditinstituts wertete die Redaktion als unziemlich. Ein Sprecher des schottischen Finanzminister wies die Analyse damals ebenfalls scharf zurück.


„Gut für das Land, gut für Europa“

Laut WirtschaftsWoche wollen viele Banken in London demnächst auf ihren Websites einen Hinweis an ihre Kunden veröffentlichen, dass sie sich während der offiziellen Kampagne nicht mehr öffentlich zur „Brexit“-Debatte äußern werden. Die Schweizer Großbank Credit Suisse hat ihre Mitarbeiter in London und im Ausland in einem Memo angewiesen, nicht an Veranstaltungen für Kunden teilzunehmen oder solche zu organisieren, bei denen das Thema diskutiert wird.

Die Zurückhaltung erklärt sich aus Richtlinien, welche die britische Wahlkommission für das Verhalten im Vorfeld des EU-Referendums veröffentlicht hat. Diese gelten auch für Investmentbanken und Finanzhäuser. Die Richtlinien sind sehr vage gehalten und lassen Raum für verschiedene Interpretationen. In ihnen heißt es aber wörtlich: „Jedes Individuum oder jede Organisation darf während der offiziellen Kampagne nur bis zu 10.000 Pfund ausgeben. Sie dürfen nicht mehr ausgeben, wenn Sie sich nicht bei uns als 'Kampagne' registriert haben.“

Die Wahlkommission warnt auch: „Ausgaben für Analysen gelten als Referendumsausgaben, wenn sie darauf abzielen, ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen oder sonst irgendwie in Verbindung mit einem solchen Ergebnis stehen.“

Der Chef der US-Großbank Morgan Stanley, James Gorman, hatte im Interview mit dem Handelsblatt zuletzt keinerlei Zurückhaltung mit Bezug auf den „Brexit“ geübt. „Als Unternehmen sprechen wir uns dafür aus, dass Großbritannien in der EU bleibt, was unserer Ansicht nach gut für das Land und gut für Europa wäre“, sagte er. „Wenn ich den Briten ein wenig schmeicheln darf, dann würde ich sagen, dass sie im Laufe der Geschichte ein ungewöhnliches Maß an gesundem Menschenverstand bewiesen haben. Und ich hoffe, dass sie das auch dieses Mal beweisen werden.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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