Brexit-Debatte in Oxford: Gespaltene Elite der Zukunft

Brexit-Debatte in Oxford: Gespaltene Elite der Zukunft

, aktualisiert 23. Juni 2016, 10:47 Uhr
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Die Universität ist die Keimzelle von Englands Elite: Sieben der letzten zehn Premierminister waren in Oxford.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Club der Visionäre: Was eint Großbritanniens Premier David Cameron und seinen Brexit-Widersacher Boris Johnson? Beide studierten in Oxford. Heute streiten dort ihre Nachfolger über die Zukunft des Landes.

LondonOb er sich nochmal umentscheiden könne, fragt Student Harrison Edmonds den Kellner. „Wenn ich jetzt auch noch Fish and Chips esse, erfülle ich ja vollkommen das britische Klischee“, erklärt der Brexit-Befürworter und Präsident der Oxford University Conservative Association. Er sitzt im King’s Arms Pub in Oxford, trägt einen Dreiteiler und blickt streng über seine kantige Brille.

Es fällt schwer, dem Stereotypen des britischen Traditionalisten zu widerstehen. „Natürlich geht es im Referendum um Patriotismus und britische Identität, nur darüber sprechen wir nicht gerne“. Deshalb hält er sich lieber zurück, hofft im Stillen. Wartet ab und trinkt Tee, könnte man vermuten.

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So wie Harrison geht es den meisten Oxforder Brexit-Befürwortern. Gerade an jener Universität, an der das halbe britische Kabinett und fast alle wichtige Protagonisten der Brexit-Debatte studiert haben, offenbart sich, wie tief der Graben zwischen den beiden Lagern ist. In den Vorlesungsräumen der altehrwürdigen Uni trifft der hippe Londoner Liberalismus auf den konservativen Traditionalismus mit Familienwappen. Im Kern der Debatte geht es hier nicht um Wirtschafts- oder Souveränitätsargumente, sondern um den Streit um die britische Identität. Doch das will kaum einer öffentlich zugeben.

Jeden Samstag um 19 Uhr trifft sich „Vote Leave Oxford“ im King’s Arms, angeblich Winston Churchill’s Lieblingspub. Ein signiertes Porträt von ihm thront über dem Tresen. Etwa zwanzig Aktivisten sind heute gekommen. Die meisten trinken aber lieber ein italienisches Peroni, anstatt des warmen Ales. „Man kann sich auch europäisch fühlen, ohne Teil der EU zu sein“, erklärt Paul. Er war bis vor Kurzem Labour-Mitglied, doch dann kam das Referendum.

Sein rotes Shirt mit dem Aufschrift „Vote Leave, Take Control“ ist schon ein wenig verwaschen. „Seit Monaten stehe ich jedes Wochenende auf der Straße und verteile Flyer“. Sie sind alle an einem Tisch im Pub vereint, von UKIP, Conservatives und Labour bis hin zu den Greens. Die anfängliche Skepsis haben sie überwunden. Der Brexit ist längst keine Links-Rechts-Debatte mehr. „Für die einen ist die Queen die britische Kultur, für andere sind es die Sex Pistols - aber sie eint das Gefühl, dass diese Kultur langsam zerbröselt“, erklärt Paul etwas melancholisch.


Viele Premierminister waren in Oxford

Aber auch für seine Universität könnte ein Brexit verheerende Folgen haben: Fast jeder fünfte Student ist EU-Bürger. Sie profitieren von Austauschprogrammen wie Erasmus und vergünstigten Studiengebühren. Damit könnte bald Schluss sein. „Gerade dieser internationale Geist macht uns als Universität aus“, erklärt Oxford-Professor Timothy Garton Ash.

Er macht sich für einen Verbleib in der EU stark, denn ein Austritt würde auch seine Kollegen treffen. Zwischen 2007 und 2013 sind etwa 3,4 Milliarden Euro EU-Fördermittel an Forschungsprogramme britischer Universitäten geflossen. Das European Research Council verteilt seine Gelder vor allem an Projekte in der EU. „Der Verlust dieser Fördergelder wäre für alle britischen Universitäten und die Forschung insgesamt ein Desaster“, meint Ash. Offiziell vertritt die Universität Oxford, die allein sieben der jüngsten zehn Premierminister stellte, eine pro-europäische Position.

Doch Oxford lebt auch von seinem Kontrast zwischen Studenten und Townies, den Einwohnern der Stadt, die nichts mehr mit der kosmopolitischen Welt der Studenten zu tun haben. Sarah und Prudence waren in den 1980ern an der Uni, gemeinsam mit Boris Johnson und David Cameron. Jetzt leiten sie in Oxford die Vote Leave-Kampagne. „Boris hatte damals schon weiße Haare“, sagt Sarah mit ein wenig Verehrung. Er war damals gemeinsam mit Premierminister Cameron und Finanzminister Osborne Mitglied im elitären Trinkverein Bullingdon Club, den es bis heute gibt.

Man kennt sich, man hilft sich. Auf einmal regiert man das Land. Old Boys Networks nennt man das. Prudence ist inzwischen UKIP-Mitglied geworden. „Aber ich bin keine Rassistin, meine Vorfahren stammen aus Irland“. Am emotionalsten werden sie, wenn es um Immigration geht - aber auch am vorsichtigsten. „Darüber reden wir eigentlich kaum, es heißt dann immer, wir seien fremdenfeindlich und hätten etwas gegen Einwanderer“.


Zwei Drittel aller Studenten gegen einen Brexit

Für Harrison ist das kein überzeugendes Argument. Er hält die Entscheidung am Donnerstag für eine Grundsatzentscheidung. „Wir sind eine stolze Nation und vergessen manchmal, wieviel Bedeutung wir noch in der Welt haben könnten“. Sein Tonfall ist nüchtern, doch es schwingt gebrochener Stolz mit. In den Erzählungen seiner Großeltern lebt das Empire weiter, auch wenn Harrison sich auf keinen Fall in die alten Tage zurück wünscht.

Er träumt von einem einflussreicheren England, vielleicht auch wieder engeren Verbindungen mit dem großen Bruder „across the pond“. Ob er sich denn als Europäer fühle? Er sieht sich schnell um, schüttelt dann vorsichtig den Kopf. Auf keinen Fall möchte er vor seinen Kommilitonen als „Little Englander“, rückwärtsgewandter Nationalist, gelten. Laut Umfragen sprechen sich etwa zwei Drittel aller Studenten Großbritanniens für einen Verbleib in der EU aus, in Oxford sind es sogar 80 Prozent.

Eine davon ist Beth Davies-Kumadiro. Auch sie ist heute gekommen, möchte einen Blick auf die andere Seite werfen. Die 20-Jährige, mit Wurzeln in Simbabwe und dem britischen Örtchen Loughborough, studiert in Oxford Geschichte und englische Literatur. „Auch ich fühle mich zuerst britisch, dann europäisch“, sagt Beth. Dann überlegt sie noch einmal. „Aber wenn ich Britisch sage, meine ich multikulturell, vielfältig und weltoffen.“ Die EU mit ihrer Personenfreizügigkeit befördere das nur.
In zwanzig Jahren wird Beth zur Elite dieses Landes gehören, wenn sie will. Denn auch dann, so sind sich hier alle einig, werden Oxford-Absolventen das Land regieren. „Aber es werden nicht mehr die weißen Mittelklassegesichter sein, sondern die Vielfalt der britischen Gesellschaft“. Daran kann auch der Brexit nichts ändern. Doch das Land könnte dann ein anderes ein.

„Unsere Generation muss entscheiden, was ihnen Britisch-Sein im 21. Jahrhundert noch bedeutet“. Da sind sich Beth und Harrison heute Abend einig, als der Wirt zu den „Last Orders“ klingelt. Das heutige Referendum wird ihnen keine endgültige Antwort liefern, sondern ein zerrissenes Land offenbaren.

Quelle:  Handelsblatt Online
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