Brexit : Deutsche Städte ringen um Londoner Firmen

Brexit : Deutsche Städte ringen um Londoner Firmen

, aktualisiert 06. Juli 2016, 08:37 Uhr
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Die Mainmetropole will vom Brexit-Votum profitieren. Tausende Jobs könnten nach Frankfurt verlegt werden. Aber auch Paris, Dublin und Luxemburg werben für sich.

von Elisabeth AtzlerQuelle:Handelsblatt Online

Die Marketinggesellschaft Frankfurt will in London auf Werbetour gehen. Doch internationale Topbanker mäkeln an Frankfurt herum – und für den „talk of town“ in London sorgt Berlin. Dank Werbehilfe der FDP.

Frankfurt An eines glauben alle: Frankfurt wird vom Brexit-Votum profitieren, der Finanzstandort an Bedeutung gewinnen. So groß das Bedauern darüber ist, dass die Briten die EU verlassen – so groß ist auch die Hoffnung auf einen neuen Schub. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) erkennt eine „Boomsituation“ für die Stadt und die Region. Er meint sogar, es werde künftig schwierig, in Frankfurt arbeitslos zu sein.

Mehr als 10.000 neue Jobs – manche Schätzungen reichen bis 20.000 – könnten in der deutschen Finanzmetropole entstehen. Denn viele Londoner Finanzhäuser dürften Arbeitsplätze in andere Städte verlagern, weil ein Sitz außerhalb eines EU-Staats künftig von Nachteil sein kann. Dublin, Luxemburg, Paris und eben Frankfurt gelten als mögliche Ziele.

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Werbetouren an der Themse

Mehrere Werbetouren an der Themse planen Frankfurt in Hessen, in Kürze soll es bereits losgehen. „Wir‎ sind schon kräftig dabei und wir werden die nächsten Wochen nutzen, um Entscheider in London gezielt anzusprechen: im direktem Gespräch, in Briefen und auch in Anzeigen“, sagt der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne).

Der Wettbewerb ist voll entbrannt. Denn während Frankfurt noch plant, wird in Berlin schon gefeiert. Die FDP setzte am Dienstag auf Guerilla-Werbung zugunsten der Hauptstadt. Sie schickte einen Lkw durch die britische Hauptstadt. Aufschrift: „Keep calm and move to Berlin.“

Was den Londoner Banken vor allem schaden dürfte, ist der Verlust der sogenannten Passport-Rechte. Bisher gilt: Wenn ein Institut in Großbritannien eine Banklizenz hat, kann es in allen anderen EU-Mitgliedstaaten ohne weitere Prüfungen Firmen an die Börse bringen, bei der Ausgabe von Anleihen beraten oder Zertifikate verkaufen. Das macht London für US-Banken so reizvoll und hat dazu beigetragen, dass die britische Hauptstadt zu einer der führenden Finanzmetropolen aufstieg. Jetzt müssen vor allem die US-Geldhäuser Alternativen suchen und sich in einem anderen EU-Land eine Banklizenz besorgen.

Eine enorme Chance für Frankfurt. Den ersten Schock über das Abstimmungsergebnis hat der Oberbürgermeister verdaut und setzt darauf, „dass wir gemeinsam das Beste daraus machen.“ Gemeinsam, denn die Wirtschaftsförderung und Marketinggesellschaft von Stadt sowie Region sind längst dabei, Londoner Bankern Frankfurt als Alternative schmackhaft zu machen.

Dabei geht es auch um die Frage, womit sich die Banker locken lassen und welche Informationen sie brauchen. „Der Köder muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler“, sagt Eric Menges, der Chef der Marketinggesellschaft Frankfurt Rhein Main. Auch wenn keiner mit dem Brexit-Votum gerechnet hat – eine Internetseite „Welcome to Frankfurt Rhein Main“ war wenige Minuten nach dem offiziellen Ergebnis des Referendums live geschaltet.


„Wir sind gerne auf Platz eins“

Trommeln für Frankfurt muss sein, auch weil die Konkurrenz längst auch dabei sind, für sich zu werben. In Frankreich hat das Staatspräsident François Holland persönlich schon in die Hände genommen. Er stellte gar Steuererleichterungen in Aussicht.

Die Stadt Main muss noch mehr tun: an ihrer Wahrnehmung arbeiten. Sie hat ein Imageproblem. Zu diesem Ergebnis kommt zumindest eine Umfrage der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) unter internationalen Topbankern. Sie zweifeln daran, dass in Frankfurt genug Englisch gesprochen und dass es ausreichend attraktiven Wohnraum gibt.

„Das ist eine Frage der Vermarktung, die man verbessern kann. Denn tatsächlich ist Englisch in Frankfurt als Geschäftssprache üblich“, sagt BCG-Partner Wolfgang Dörner. „Und Wohnungen und Büros sind viel billiger als in London, Paris oder New York.“

Dabei haben viele der leitenden Banker noch keine genauen Pläne, wie sie auf das Brexit-Votum reagieren werden. Die Mehrheit hält die Folgen für schwer abschätzbar. „Wir sehen eine große Unsicherheit im Markt“, sagt Dörner. In einem anderen Punkt erahnen die Banker klare Konsequenzen: dass allein in London 80.000 Jobs im Finanzsektor voraussichtlich verlagert werden könnten.

Acht Städte abgehängt

Bei der Frage „Wohin?“ gehen die Antworten der Befragten auseinander – je nachdem, ob man ihnen bestimmte Kriterien vorgibt oder offen fragt. In einem Vergleich von 14 Kriterien landet Frankfurt als beliebteste Alternative zu London auf dem ersten Platz und lässt acht andere Städte hinter sich. Dabei profitiert Frankfurt vor allem davon, dass die Befragten die wirtschaftliche und politische Stabilität in Deutschland schätzen. Gibt man allerdings keine Kriterien vor, dann sind New York und Dublin beliebter als Frankfurt.

So oder so: Die Banken werden nicht auf einen Schlag nach Frankfurt umziehen oder hierher Jobs verlagern. Es werde keinen Big Bang geben, sagt Lutz Raettig, Sprecher der Finanzplatz-Initiative Frankfurt Main Finance, in der sich vor allem Banken zusammengeschlossen haben. Die Herausforderung müsse man nun „mit der gebotenen Demut annehmen“. Ohnehin ist klar, dass London Europas wichtigster Finanzplatz bleibt, selbst wenn andere aufholen.

Ein langsamer Umzug hätte einen großen Vorteil für die Frankfurter: Die Mieten in der ohnehin stark wachsenden Stadt, die derzeit gut 700.000 Einwohner hat, sind bereits deutlich gestiegen. An höheren Preisen dürfte auch Feldmann kaum Interesse haben. Schließlich ist er auch damit angetreten, bezahlbaren Wohnraum in der Stadt zu schaffen - auch wenn er die Stadt "gerne auf Platz eins" sieht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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