Brexit : Die jungen Wilden sagen „goodbye“

Brexit : Die jungen Wilden sagen „goodbye“

, aktualisiert 30. Juni 2016, 20:30 Uhr
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Viele junge Finanztechnologiefirmen zweifeln, ob London noch der richtige Standort ist. Einige liebäugeln mit Berlin als neuem Hauptsitz. Auch Frankfurt buhlt um neue Fintechs.

von Elisabeth Atzler und Katharina SchneiderQuelle:Handelsblatt Online

Wenn Großbritannien aus der EU ausscheidet, droht der Verlust von Jobs in London. Banken dürften Jobs verlagern. Auch Fintechs drohen abzuwandern. Ein möglicher Profiteur: Berlin. Frankfurt will ebenfalls mitmischen.

Frankfurt Für Großbritannien stehen nach dem Brexit-Votum große Veränderungen an. Viele davon sind schmerzhaft. So droht der Verlust von tausenden Arbeitsplätzen in der Finanzbranche. Der Finanzsektor gehört zu den wichtigsten Branchen in Großbritannien. 2,2 Millionen Menschen arbeiten bei Banken, Fondsgesellschaften und bei deren Dienstleistern. Nach einer Studie der Beratungsgesellschaft PwC könnte der EU-Austritt bis zu 100.000 Arbeitsplätze kosten.

Zu denen, die Jobs verlagern, dürften auch junge Finanztechnologiefirmen, kurz Fintech, gehören. Damit zumindest rechnen die Unternehmen selbst. Bisher ist London der wichtigste Standort für europäische Fintechs. Sie befürchten nun aber vor allem, dass ihr Zugang in die EU beschnitten wird – oder dass sie künftig die EU-Vorgaben nur durch mehr Aufwand und Kosten erfüllen können. Das brächte britischen Firmen Nachteile gegenüber Fintechs aus der EU.

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Simon Black, Chef des Zahlungsdienstleisters Pro Group, sieht eine „unvermeidliche Abwanderung“. Der Grund: Ihr Status als von der EU anerkannte Finanzinstitutionen sei nun gefährdet. „Sie dürften sofort damit beginnen, zumindest Teile ihres Geschäfts in andere Länder der EU auszulagern. Dabei wird die Mehrzahl neuer Arbeitsplätze außerhalb Großbritanniens geschaffen werden“, erwartet Black.

Einige Fintechs überlegen sogar, das Land ganz zu verlassen. So heißt es von Revolut, einer Payment-App aus London: „Wir werden ernsthaft überlegen, Großbritannien zu verlassen“, zitiert das Onlinemagazin „Gründerszene“ eine Revolut-Sprecherin. Die EU-Zahlungsrichtlinien seien essentiell für ihr Geschäft.

Der Verein und Think Tank cnetz fordert nun die Bundes- und Landesregierungen auf, „potenziell wechselwillige britische Start-Ups proaktiv anzusprechen und bei einer Ansiedlung in Deutschland zu unterstützen“. Dies könne beispielsweise durch einen Umzugskostenzuschuss geschehen. Thomas Jarzombek, Bundestagsabgeordneter und Vorstandssprecher des Vereins erklärte dazu: „Viele britische Start-Ups denken derzeit über den eigenen Brexit nach. Es kommt nun darauf an, diese in Deutschland anzusiedeln und nicht in andere EU-Länder abwandern zu lassen.“

Schon vor dem Brexit hatte Taavet Hinrikus, Chef der Firma TransferWise, gesagt: „Andere Städte wie Berlin oder Paris würden als europäisches Drehkreuz dann attraktiver erscheinen als London. Wir prüfen derzeit unsere Optionen.“

BrickVest ist schon einen Schritt weiter. Die Firma, die Privatanlegern Investitionen in Gewerbeimmobilien ermöglicht, will ihren Hauptsitz entweder nach Paris oder nach Berlin verlegen. „Europa ist unser wichtigster Markt”, sagt Thomas Schneider, einer der BrickVest-Gründer, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Paris oder Berlin kommen für ihn als Alternative in Frage.

Dabei ist es keineswegs ausgemacht, dass ein großer Teil der Fintechs nach Berlin zieht. Auch Paris, Amsterdam und Dublin gelten als mögliche Umzugsziele. Und obendrein versucht die deutsche Bankenmetropole Frankfurt, attraktiver für Fintechs zu werden.


Deutsche Bank und Deutsche Börse in Frankfurt vorneweg

So sind das Land Hessen und die Stadt Frankfurt derzeit dabei, ein Fintech-Zentrum anzuschieben. Weil sie Dienste schaffen, die Bankgeschäfte vereinfachen, gelten Fintechs als Bedrohung für die etablierten Geldhäuser. Zugleich ergeben sich Chancen für die Banken, wenn sie selbst zeitig auf Fintech-Idee aufspringen oder in ihre Angebote einbauen.

Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) hat die Banken kürzlich angeschrieben und sie auch förmlich um Unterstützung für seine Initiative gebeten. Für die Geldhäuser gibt es drei Optionen: Entweder beteiligen sich die Banken an einer Betreibergesellschaft – deren Gründung ist für Spätsommer vorgesehen. Oder sie mieten in dem Gebäude, in dem das Zentrum seinen Sitz hat, Büroflächen an. Oder sie werden Sponsor.

Immerhin drei große Akteure wollen bereits mitziehen – wenngleich sie noch keine Details nennen. So wolle die Deutsche Börse das Fintech-Zentrum finanziell unterstützen, sagte ein Sprecher des Konzerns dem Handelsblatt. „Wir wollen Start-ups am Finanzplatz fördern und dazu beitragen, dass Frankfurt Deutschlands führender Fintech-Standort wird.“ Die Börse hat im Frühjahr bereits ihr eigenes Fintech-Hub in Frankfurt eröffnet.

Die Deutsche Bank signalisierte ebenfalls, dass sie die Initiative begrüßt und „gerne dabei ist“, wie ein Sprecher sagte. Auch das größte deutsche Geldhaus, hat mit seiner Digitalfabrik einen eigenen Fintech-Standort in Frankfurt. Und auch das genossenschaftliche Spitzeninstitut DZ Bank hat angekündigt, es werde sich an dem Fintech-Zentrum beteiligen. „Letztlich geht es darum, Frankfurt zur Fintech-Metropole Deutschlands zu machen“, sagte DZ-Bank-Chef Wolfgang Kirsch vergangene Woche.

Dafür müsste Frankfurt allerdings erst einmal an Berlin vorbeiziehen. „In Berlin geht die Post ab, es ist cooler, billiger, da will man sein und da sind die Programmierer“, sagt Andreas Hackethal, Finanz-Professor an der Uni Frankfurt. Es müsse nicht zwingend ein Kampf Frankfurt gegen Berlin sein, die Städte könnten auch zusammenarbeiten. „Ab einer bestimmten Entwicklungsstufe brauchen die Start-ups aber den Kontakt zur Bankbranche und zur Regulierung, das spricht für Frankfurt.“ Dahinter stecke auch die Überzeugung, dass Fintechs und Banken in Zukunft noch stärker kooperieren werden.

Das sieht auch André Bajorat, Gründer und Chef des Fintechs Figo, so: „Es ist ohnehin so, dass Banken und Fintechs viel mehr und viel öfter zusammenarbeiten, als man vor zwei Jahren noch gedacht hat.“ Er meint, dass das Frankfurter Fintech-Zentrum „eine starke Persönlichkeit an der Spitze“ vertragen könnte. Wichtig sei auch, so Bajorat, dass die Banken ein ernsthaftes Interesse an der Zusammenarbeit mit Fintechs zeigen würden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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