Brexit-Referendum: Die Geschichte des Trump-Johnson-Graffitos

Brexit-Referendum: Die Geschichte des Trump-Johnson-Graffitos

, aktualisiert 21. Juni 2016, 20:23 Uhr
Bild vergrößern

Aus Bristol um die Welt: Der Bruderkuss des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump und des Brexit-Befürworters Boris Johnson.

von Lukas BayQuelle:Handelsblatt Online

Boris Johnson küsst Donald Trump – das Graffito aus Bristol ging um die Welt. Die Macher sind junge Aktivisten, die der Brexit-Debatte eine positive Botschaft entgegensetzen wollen: „In all dem Hass sind wir die Guten.“

BristolEs ist ein Bild, das Boris Johnson, den vehementen Brexit-Befürworter im Kuss mit dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zeigt. „Kuss des Todes“ haben es die Macher getauft. Das Motiv ist eine Reminiszenz an den berühmten Bruderkuss zwischen dem damalige KPdSU-Vorsitzenden Leonid Breschnew und dem DDR-Staatschef Erich Honecker, der einst auf die Berliner Mauer gesprüht wurde. Es ist ein Bild, das zwei große politische Debatten auf eine Szene konzentriert und damit zum Symbol der ganzen Brexit-Debatte geworden ist.

Wenn Zeitungen über den potenziellen EU-Ausstieg der Briten schreiben, ist der Kuss die Kulisse. Am Sonntag trafen sich hier halbnackte Demonstranten, um für den Verbleib in Europa zu werben. In den Straßen von Manchester haben Europafreunde mit dem Kuss ganze Straßenzüge plakatiert. Erdacht wurde er von der Initiative „We are Europe“.

Anzeige

Eine Initiative, die ihre Anfänge in Bristol genommen hat, genauer: in Stokes Croft. Das ehemalige Arbeiterviertel ist der Nukleus der alternativen Bewegung in Bristol und eine Freiluft-Galerie für Street Art. An etlichen Hauswänden hat sich der berühmte britische Künstler Banksy mit seinen Werken verewigt. Die Botschaften sind humorvoll, kritisch, aber vor allem plakativ.

Dass man sich am Ende für ein Graffito als politisches Werbeinstrument entschied, lag darum auf der Hand. Doch mit einem weltweiten Erfolg haben auch die Macher hinter dem Kunstwerk nicht gerechnet. Geboren wurde die Idee für das Graffito im „Cafe Kino“ wenige Schritte vom Kunstwerk entfernt. Hier treffen sich Menschen, wie man sie aus den angesagten Stadtteilen in jeder Großstadt kennt. Individualisten, Künstler, freie Autoren vor ihren aufgeklappten Macbooks.

An einem Tisch neben einem Kühlschrank mit Craft Beer und – Klischee lass nach- dem Berliner Hipsterdrink Club Mate saßen vor einigen Monaten auch die Aktivistinnen Bethan Harris und Harriet Kingaby, zwei junge Frauen aus Bristol, und unterhielten sich über die Brexit. Es war eine Statistik, die beide aufhorchen ließ. 75 Prozent aller jungen Briten seien für einen Verbleib in der EU, hatte ein Meinungsforschungsinstitut herausgefunden. Doch nur wenige hätten sich für die Wahl registriert. „Wir saßen an diesem Tisch und dachten, dass man was unternehmen müsste“, erinnert sich Bethan.

Denn die Ansprache der Europafreunde habe vor allem die jungen Menschen nicht erreicht. „Die politische Debatte hierzulande ist vergiftet“, sagt Harriet. Jeder, der sich engagiert habe, sei automatisch mit dem hier wenig beliebten Premierminister Cameron und seiner Bremain-Kampagne in Verbindung gebracht worden. Man habe genug gehabt von all den Verdrehungen und Halbwahrheiten. „In all dem Hass sind wir die Guten“, sagt die Harriet, die schon vorher als Kampagnenberaterin tätig war.

Mit der Verbreitung einer guten Idee kennt auch Bethan sich aus. Sie arbeitet für die nachhaltige Strategieberatung „Forum for the Future“. Beide betonen, dass ihre Initiative ohne große finanzielle Hilfe gestartet sei. Gerade die Gründung der Initiative wird von der Kritikern oft infrage gestellt. „Wir waren am Anfang vielleicht dreieinhalb Personen“, sagt Bethan. Eine Freundin habe Kontakte zu Grafikdesignern in London hergestellt. Über Whatsapp habe man sich abgestimmt. Anfangs arbeitete die Initiative noch auf freiwilliger Basis, mittlerweile könne man die Auftragsarbeiten mit Spenden finanzieren. Viele weitere Fürsprecher, unter anderem die ehemalige Vorsitzende der britischen Grünen, Caroline Lucas, haben sich der Initiative mittlerweile angeschlossen.


"Die Menschen haben Angst"

Die Idee für das Graffito sei spontan in der Gruppe entwickelt worden. „Wir wollten ein Motiv, das sofort verstanden wird“, sagt Harriet. Auch in der Gruppe sei das Motiv kontrovers diskutiert worden. Einigen war die Botschaft zu platt, andere befürchteten, dass der Kuss zwischen den Männern am Ende als homophob ausgelegt werden könnte. Am Ende blieb es bei dem Motiv, das heute die Titelseiten ziert.

Gemeinsam schlagen sie vor, den Künstler zu treffen, der das Graffito gemalt hat: Felix Braun, Künstlerkürzel FLX, ein Nachfahre deutscher Einwanderer und ein Veteran der Street-Art-Szene in Bristol. „Totally bananas“, findet der 47-Jährige den aktuellen Hype um sein Bild. Total verrückt. Russia Today habe schon angerufen, die New York Times wollte mit ihm sprechen. Dabei ist Felix in Stokes Croft bekannt genug. Jeder zweite, der vorbeikommt, schüttelt ihm die Hand.

Während er die Geschichte des Graffitos erzählt, verstaut er seine Spraydosen in einem Hinterhof der People’s Republic of Stokes Croft, einer lokalen Initiative, von der viele politische und soziale Initiativen im Viertel ausgehen. Wir gehen durch die Porzellanmanufaktur der „Volksrepublik“ im Zentrum vom Bristol in eine kleine Druckerei. Felix möchte uns die Kunstdrucke seines Motivs zeigen, die er derzeit über einen lokalen Kunsthändler vertreibt.

In der weltoffene Atmosphäre von Stokes Croft kann man schnell den Eindruck gewinnen, dass eine deutliche Mehrheit für den Verbleib in der EU ist. Dabei liegen EU-Gegner und -Befürworter den jüngsten Umfragen zufolge auch in der britischen Universitätsstadt Kopf an Kopf. Kann Felix verstehen, warum in Bristol so viele für einen Ausstieg plädieren? „Die Menschen haben Angst“, sagt er. Dabei sei Bristol schon aus seiner Geschichte internationaler als viele andere britische Städte. Im 18. Jahrhundert sei der Hafen einer der wichtigsten Zentren des Sklavenhandels gewesen. Deswegen gebe es in Bristol auch eine starke, schwarze Community. Allerdings habe sich der Anteil der dunkelhäutigen Bevölkerung sich in den vergangenen Jahren noch einmal verdoppelt. Das ist die Klaviatur, auf der die Fremdenfeinde spielen. Felix sagt, dass man den Menschen die Angst nehmen müsse.

Harriet und Bethan pflichten ihm bei. Gerade in die harte Kampagne gegen Migranten sei beiden bitter aufgestoßen. „Vieles, was dieses Land so besonders macht, kommt von Einwanderern“, sagt Harriet. Die beliebtesten Gerichte auf der Insel seien mittlerweile Spaghetti Bolognese und Chicken Tikka Masala. Felix hat erst vor wenigen Tagen ein weiteres Motiv für die Kampagne fertiggestellt. Es prangt an einer Wand nur wenige Straßenzüge vom Trump-Johnson-Graffito entfernt. „Wir sind alle Einwanderer“, steht dort in Blockschrift.

Die Vorbehalte gegen ihren offen pro-europäischen Kurs, bekommt die Kampagne zu spüren. In den sozialen Netzwerke wurden die Gründer angefeindet, oft auch persönlich. Dabei stehen sie selbst den europäischen Institutionen kritisch gegenüber. „Natürlich ist auch in der EU nicht alles in Ordnung“, sagt Harriet. Trotzdem dürfe man Europa nicht für Probleme verantwortlich machen, die man selbst heraufbeschworen habe. Am Ende sei Abschottung keine Option. „All die wichtigen Themen unserer Zeit wie beispielsweise die Migration, müssen wir gemeinsam lösen“, sagt sie. Viele ihrer Landleute würden dagegen einer irrationalen Nostalgie nachhängen.

Während unseres zweistündigen Gesprächs muss Bethan mehrfach ans Telefon gehen. Es sind noch drei Tage bis zu Abstimmung, in den kommenden Tagen sollen etliche Videos der Kampagne online gehen. Den wichtigsten Tag hat die Kampagne allerdings schon hinter sich. Am Tag, an dem der Bruderkuss der Populisten um die Welt ging, hätten sich 400.000 Wähler registriert, sagt sie.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%