Brexit-Referendum: Die Schwäche des britischen Orakels

Brexit-Referendum: Die Schwäche des britischen Orakels

, aktualisiert 20. Juni 2016, 21:00 Uhr
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Geht es nach den bisher veröffentlichten Umfragen, wird die Nacht zum Freitag zu einem dramatischen Nervenspiel.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Vor dem EU-Referendum richten sich alle Blicke auf die Meinungsumfragen der Institute. Doch bei wichtigen Abstimmungen auf der Insel lagen die Vorhersagen bisweilen bedenklich falsch. Das hat einen triftigen Grund.

LondonDie Stunde der Wahrheit schlägt in der Nacht zum Freitag auf der Insel – und zwar nicht nur für die Politik. Wenn vermutlich in den frühen Morgenstunden des Freitags die ersten Hochrechnungen zum Ergebnis des EU-Referendums eintrudeln, werden nicht nur der britische Premier David Cameron und sein Widersacher in Sachen Brexit, Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson, die Zahlen gebannt verfolgen. Auch die Meinungsforscher werden sorgenvoll auf die Balkendiagramme blicken.

Die Herren der Zahlen, die mit ihren Umfragen derzeit im Tagesrhythmus die weltweiten Finanzmärkte in die Höhe und in die Tiefe jagen, wissen, dass auf ihnen auf der Insel ein besonderes Augenmerk liegt. Die Meinungsforschung scheint dem Land zwar einen Blick in die Kristallkugel zu ermöglichen. Doch bei den letzten beiden zwei großen wichtigen Abstimmungen auf der Insel war dieser Blick leider arg unscharf.

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Geht es nach den veröffentlichten Umfragen, wird die Nacht zum Freitag zu einem dramatischen Nervenspiel. Praktisch alle aktuellen Umfragen sagen ein enges Rennen voraus; zuletzt sahen einige Meinungsforscher sogar das Brexit-Lager deutlich in Führung. Doch liegen die großen Umfrageinstitute dieses Mal auch richtig? Zweifel daran sind erlaubt, denn bereits zwei Mal irrten die Orakel massiv.

So schreckte das renommierte Meinungsforschungsinstitut YouGov kurz vor der wichtigen Abstimmung über eine Unabhängigkeit Schottlands im Herbst 2014 die britische Öffentlichkeit mit der Vorhersage auf, dass erstmals eine knappe Mehrheit für die Abspaltung votieren würde. Bis zur Wahl rechneten die renommierten Demoskopen mit einer knappen Mehrheit der Abtrünnigen von sensationellen zwei Punkten. Doch als die Wahlurnen ausgezählt wurden, war das Ergebnis vergleichsweise klar: 55 Prozent hatten für einen Verbleib im Königreich gestimmt.

Bei der Parlamentswahl im Mai 2015 lagen die Demoskopen sogar noch dramatischer daneben. Bis zur ersten Prognose um kurz nach 22 Uhr hielten sie es für ziemlich sicher, dass Labour-Spitzenmann Ed Miliband in die Downing Street einzieht und der amtierende Premierminister Cameron eine schallende Niederlage erleidet.

Doch genau das Gegenteil trat ein. Der konservative Regierungschef mit seiner Koalition mit den Liberalen wurde nicht nur wiedergewählt – er holte mit seiner Partei sogar überraschend eine absolute Mehrheit und regiert seitdem ohne Hilfe eines Koalitionspartners.

Für manchen unter Druck geratenen EU-Freund, der zuletzt einen wachsenden Rückhalt des Brexit-Lagers in den Umfragen registrieren musste, birgt diese Vergangenheit eine tröstliche Erkenntnis: Die Umfragen in Großbritannien mögen die aktuelle Stimmung wiedergeben, sie sind jedoch keine sichere Prognose des Ausgangs – und das hat auf der Insel einen triftigen Grund.


Gleicher Tag, unterschiedliche Ergebnisse

Denn ein Urnengang wie das EU-Referendum oder das Schottische Unabhängigkeitsvotum ist auch für die Meinungsforscher Neuland, für das sie keine historischen Vergleichsdaten haben, die Unschärfen in den Umfragen nivellieren könnten. So schwankten die Umfragen in den letzten Wochen auffällig stark: Einige Prognosen sahen einen klaren Sieg der EU-Befürworter, andere zeigten dagegen einen Vorsprung des Brexit-Lagers an.

„Die Stimmung vor Volksabstimmungen ist schwerer zu erfassen ist als bei Parlamentswahlen, wo die Parteiausrichtung schon eher klar ist“, gibt Stephen Shakespeare zu, Chef des Meinungsforschungsinstituts YouGov. So ist im britischen Mehrheitswahlrecht die prozentuale Stimmverteilung zwischen den Parteien nicht so bedeutend, weil nur der Kandidat durchkommt, der die meisten Stimmen bekommt.

Landesweite Stimmverteilungen sind dagegen Nebensache, doch genau darum geht es beim EU-Referendum: Für die britischen Demoskopen ist das Referendum daher eine Sondersituation. Und es könnte sein, dass sie auch diesmal wieder eine Enttäuschung erleben. Denn die Diskrepanzen ergeben sich teilweise auch durch die unterschiedlichen Methoden, mit denen gefragt wird. So nehmen an Meinungsumfragen per Telefon traditionell mehr ältere Menschen teil, die auf der Insel häufiger für einen Brexit plädieren. Online-Umfragen erreichen dagegen eher Jüngere, die eher zum EU-Lager zählen.

So kann es passieren, dass Umfragen, die am selben Tag veröffentlicht werden, zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dass in den letzten Tagen das EU-Lager wieder zulegte, könnte auch allein dem Umstand geschuldet sein, dass viele Brexit-Befürworter nach dem Tod der Labour-Abgeordneten Jo Cox nicht mehr so offen über ihre Präferenz sprechen, unken Kritiker.

Des öffentlichen Argwohns bewusst, versichern die Demoskopen, wie viel präziser ihre Umfragen dieses Mal seien, vor allem je näher der Termin des Urnengangs rückt. Doch richtig ist auch, dass sowohl beim Schottland-Referendum als auch bei den Parlamentswahlen im Jahr 2015 eine völlig andere Sparte deutlich bessere Resultate aufwies als die Demoskopen: die britischen Wettanbieter.

Sollte dies auch diesmal wieder der Fall sein, dürfen die EU-Befürworter ungeachtet aller Umfragen jedoch Hoffnung schöpfen. Denn die Zocker im wettverrückten Großbritannien haben weiterhin einen klaren Favoriten für den Urnengang: Die Gegner eines EU-Austritts werden ihrer Vorhersage nach die Schicksalswahl gewinnen. Spätestens am Freitag werden die Briten und Europa wissen, ob auch diesmal die Logik des Wettscheins weiser ist als die der demoskopischen Glaskugel.

Quelle:  Handelsblatt Online
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