Brexit-Referendum: Zwei Städte – zwei Großbritanniens

Brexit-Referendum: Zwei Städte – zwei Großbritanniens

, aktualisiert 22. Juni 2016, 12:45 Uhr
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„Seitdem wir in der EU sind, holen sich andere unseren Fisch“

von Anna GautoQuelle:Handelsblatt Online

Das EU-Referendum entzweit das Königreich. Nirgends werden die Kontraste deutlicher als in Aberystwyth, einem kosmopolitischen Küstenort in Wales, und im englischen Romford, der EU-feindlichsten Stadt Großbritanniens.

Romford/AberystwythAuf dem Marktplatz von Romford bei London hat sich eine Gruppe alter Männer und Frauen zusammengefunden. Sie sind Vertreter der rechtspopulistischen UK Independence Party (Ukip) und versuchen Passanten davon zu überzeugen, am 23. Juni für den Brexit zu stimmen. Darunter ist der 72-Jährige John Glanville, einer von fünf Ukip-Abgeordneten im Bezirksrat.

Er verteilt „Vote Leave“-Flyer und redet auf ein Ehepaar ein: „Wir müssen die Zuwanderung besser kontrollieren. Der Arbeitsmarkt, Schulen, Wohnungen und Gesundheitsämter geraten immer stärker unter Druck.“ Sein Kollege David Johnson, 69, schließt sich an und sagt: „Die Übergriffe in Köln – so etwas wollen wir hier nicht haben. Angela Merkel wird für ihre Flüchtlingspolitik im nächsten Jahr die Quittung bekommen.“

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In der walisische Küstenstadt Aberystwyth, fünf Zugstunden nordwestlich von Romford, denken die Menschen anders über Zuwanderung. In einem Bio-Café im Zentrum von Aberystwyth reden sich die Studentinnen Milly Price, Emily England und Elli Jackson, alle Anfang 20, in Rage. „Es ist üble Rattenfängerei, wenn Ukip behauptet, Migranten würden Jobs rauben und die Sozialsysteme belasten“, sagt England. Sie rührt energisch in ihrem grünen Tee. „Sie zahlen Steuern, genau wie wir Briten“. Viele Einheimische, wirft auch Price ein, seien sich zu fein, um bei McDonald‘s zu kassieren. „Ohne Zuwanderer hätten wir ein Problem.“ Die drei jungen Frauen wollen unbedingt in der EU bleiben.

Bleiben oder gehen – kurz vor dem historischen Volksentscheid ist Großbritannien ein ziemlich uneiniges Königreich. Die Brexit-Frage teilt die Menschen in zwei Lager. EU-Befürworter versprechen sich wirtschaftlichen Wohlstand und Sicherheit. Oder zumindest weniger Turbulenzen als nach einem EU-Austritt. EU-Gegner meinen, auch ohne Brüssel prosperieren zu können. Sie fühlen sich von Bürokraten gegängelt und von Zuwanderern umzingelt.

Nirgends wird dieser Kontrast deutlicher als in Romford, im östlichsten Londoner Bezirk Havering, und in Aberystwyth, im walisischen Bezirk Ceredigion. Das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes YouGov unter 80.000 Briten. Demnach ist Havering die EU-skeptischste, Ceredigion die EU-freundlichste Region Großbritanniens. Romford und Aberystwyth sind die größten Städte in ihren Bezirken. Geographisch trennen sie 400 Kilometer, politisch sind es Welten.


Aberystwyth: "Brexit würde entsetzlich hohen Preis kosten"

Während an den Pubs von Romford England-Flaggen hängen, zieren die Fahnen europäischer Länder und ihrer Regionen die Strandpromenade von Aberystwyth. Sie symbolisieren die kulturelle Vielfalt Europas, erklärt ein Schild. Vom Meer weht eine sanfte Brise, es ist warm. Was vom Himmel tropft, hat weniger mit dem Wetter, mehr mit den vielen Möwen zu tun.

Vor der Eingangstür des Rathauses hängen Poster mit der Aufschrift „Wales stärker in Europa“ oder „Ich bin in Europa“ auf Englisch und Walisisch. Im Sitzungssaal wartet Endaf Edwards, bis Mai war er Bürgermeister von Aberystwyth. Jetzt erklärt Edwards, warum Aberystwyth mit seinen 13.000 Einwohnern unbedingt Teil der EU bleiben will.

„Wir sind eine internationale Stadt, was vor allem an unserer Universität liegt“, sagt Edwards. Dort studieren etwa 10.000 Studenten, 2.500 davon kommen aus anderen Ländern, viele aus Europa. „Unsere lokale Wirtschaft braucht die Uni, sie ist Arbeitgeber und zieht Menschen aus der ganzen Welt an“. Ihre Studiengebühren bringen der Stadt Geld, die Studenten kaufen in lokalen Geschäften ein, ihre Freunde und Familien übernachten in den Gasthäusern von Aberystwyth.

„Außerdem lieben wir die Vielfalt“, sagt Edwards, dessen Frau an der Grundschule unterrichtet, die Kinder aus 30 unterschiedlichen Ländern besuchen. Deren Eltern, sagt er, arbeiten an der Universität oder als Ärzte und Krankenschwestern im Krankenhaus. Es sind Spanier, Portugiesen, Polen. Edwards sorgt sich, dass nach einem Brexit weniger europäische Studenten nach Aberystwyth kommen. In der EU herrscht das Prinzip der Freizügigkeit, EU-Bürger können entscheiden, wo sie arbeiten oder studieren wollen. „Wir müssten einen entsetzlich hohen Preis für einen EU-Austritt zahlen. Die ganze Region würde leiden und ärmer werden.“

Denn das Land mit den grünen Wiesen bezieht jedes Jahr 500 Millionen Pfund, schließlich gehört es zu den „strukturschwachen“ Regionen Europas. Zwischen 2014 und 2020 werden zwei Milliarden Pfund nach Wales fließen, vorausgesetzt, Großbritannien bleibt in der EU. West-Wales, wo auch Ceredigion liegt, bekommt mehr Zuschüsse als jedes andere Gebiet im Königreich. Besonders die Bauern profitieren von Subventionen, sie erhalten 200 Millionen Pfund jährlich. Der Präsident der Waliser Bauerngewerkschaft Glyn Roberts warnte schon vor Wochen, ein Brexit wäre ein Desaster für die heimischen Höfe.


„Leave“ würde Ende Großbritanniens einläuten

Der kleine Bauernhof von Tim Strang schmiegt sich in die grünen Hügel des mystischen Hinterlands von Aberystwyth. Dichter Nebel umhüllt Hecken und Steinmauern, Schafe mahlen Grashalme. Tim Strang bittet in sein Farmhaus, er serviert Tee und kippt eine dicke Katze von seinem Stuhl.

Um die Abhängigkeit der Bauern von EU-Geldern zu verringern, investiere Brüssel in die wirtschaftliche Weiterentwicklung und Diversifizierung, in Bauernhoftourismus etwa, sagt Strang. Den europäischen Umweltauflagen sei es zu verdanken, dass Bauern Wälder und Wiesen pflegten. „Unsere Landschaft ist heute vielfältig, Urlauber kommen gern", sagt Strang.

Für Strang, der seit den 1970er-Jahren Schafe züchtet, ist die EU „ein super Projekt", allerdings auch ein Riesentanker. Der bewege sich nun einmal langsam, dafür in die richtige Richtung. Nicht aus Eigennutz wirbt der Bauer auf Veranstaltungen für den Verbleib in der EU. Schließlich hat er neben dem Hof noch eine Firma, die seine Existenz auch nach einem Brexit sichern würde. Strang sorgt sich um die Stabilität Europas.

„Wir können globale Herausforderungen wie Terrorismus, Flüchtlingsströme und Klimawandel nicht allein meistern“. Die Abstimmung am Donnerstag sei daher „das wichtigste Votum einer gesamten Generation“. Ein Brexit, da ist Strang sicher, würde nicht nur Europa destabilisieren, er würde auch das Ende des Vereinigten Königreichs einläuten. Erst würden sich die London-kritischen Schotten, später die Nordiren und Waliser von Großbritannien lossagen.

Zurück auf dem Marktplatz von Romford. Eine ältere Ukip-Aktivistin spricht zwei Frauen an, die gefüllte Einkaufstüten tragen. „Wir waren Jahrhunderte ein souveränes Riesenreich. Glaubt ihr wirklich, dass Großbritannien die EU braucht?“. Sie finde es "schrecklich" Macht an Brüssel abgeben. „Eine Zentralregierung für 500 Millionen Menschen, das funktioniert nicht. Dann können wir gleich zurück zur Sowjetunion“. Europa solle aus kleineren, souveränen Demokratien bestehen, in denen Regierungsvertreter gegenüber Wählern Rechenschaft ablegten. Die Frauen nicken.

Ein anderer Ukip-Kollege mit Stoppelbart schimpft darüber, dass Großbritannien ausländische Verbrecher nicht in Flieger Richtung Heimat setzen kann. Schuld seien die Menschenrechtsgesetze der EU. Sie verhindern, dass Menschen in Länder abgeschoben werden, wo ihnen Verfolgung droht. "Das kostet uns mehre Millionen Pfund im Jahr", ruft er verärgert.

Viel Überzeugungsarbeit müssen die Parteifreunde in Romford nicht leisten. Dort wohnen nur wenige Menschen, die etwas mit der EU anfangen können. Schon im Januar votierte der Kommunalrat im Romforder Bezirk Havering als erste gewählte Körperschaft Großbritanniens mit großer Mehrheit für den Brexit. Konservative, die das alte Empire herbeisehnen, dominieren die politische Agenda. Die rechtspopulistische UK Independence Party (Ukip) ist zweitstärkste Kraft. Und das, obwohl mit dem Romforder Konservativen Andrew Rosindell einer der schärfsten EU-Gegner im britischen Parlament sitzt.

In Havering leben die Nachkommen der Arbeitergeneration, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem ärmlichen Londoner East End kamen. Das Durchschnittsalter ist dort höher als in London und England - YouGov schätzt, dass ältere Menschen eher für den Brexit stimmen.


„Unsere Insel sinkt vor lauter Migranten“

Der Fischhändler David Crosbie will lieber heute als morgen raus. Er fährt mit einem Blechbecher in einen Kübel Muscheln. Eine kleine Schlange hat sich vor seinem Stand gebildet. Aber die Zeiten waren schon einmal besser. „Seitdem wir in der EU sind, holen sich andere unseren Fisch“, klagt er in breitem Cockney, dem urtypischen Londoner Dialekt. Crosbie besaß selbst Fischkutter, musste sie aber verkaufen, weil sich der Fischfang für ihn nicht mehr lohnte.

„Portugiesen, Spanier, Holländer – sie alle fischen in unseren Gewässern, für uns bleibt immer weniger.“ Weil Fisch knapper werde, stiegen die Preise. Die Kunden kauften dann lieber den billigen Supermarktfisch aus Übersee. „Ich komme gerade durch“, sagt der kräftige Mann, „aber ich denke auch an meinen Sohn, der das Geschäft einmal übernehmen wird“. Für Crosbie heißt das, für den Brexit zu stimmen. „Wenn wir die EU verlassen, bekommen wir unser Meer zurück“. Seine Schwägerin packt Lachsfilets in eine Tüte und sagt: „Außerdem kommen zu viele Migranten. Wir sind eine kleine Insel, irgendwann sinken wir.“

Am Stand von John Last flattert eine England-Fahne. Der Schuhverkäufer aus dem Londoner East End stört sich nicht per se an Migranten. Er wünscht sich allerdings, dass nur die kommen, die Großbritannien nützen, Handwerker oder Ingenieure. Am meisten frustriert ihn, dass er die EU-Kommission nicht direkt wählen kann. Das findet er undemokratisch.

Er ist mit einer Deutschen verheiratet, trotzdem will er raus aus der EU. „Wir Briten sind einer Wirtschaftsgemeinschaft beigetreten, jetzt gehören wir zu den Vereinigten Staaten von Europa“. Last glaubt, dass ein Brexit vieles komplizierter machen und die Wirtschaft für eine Weile schwächen könnte. „In 15 Jahren sollten wir uns aber erholt haben. Wir haben es so lange in der EU ausgehalten, wir werden auch die Zeit nach dem Brexit überstehen.“

Im Hinterland von Aberystwyth blickt der Bauer Tim Strang in die Zukunft. Am Donnerstag, den 23. Juni, sagt er, werden er und seine Nachbarn ihre Stimmen in der kleinen Kapelle neben seinem Hof abgeben. Um zehn Uhr abends werden Wahlhelfer die Schachteln mit den Jas und Neins in die Stadt Aberaeron bringen. Strang wird mitfahren. Um Mitternacht werden sie die Schachteln öffnen und beginnen, zu zählen. „Um zwei Uhr morgens sollten wir ein Ergebnis haben“, sagt er. „Ich glaube, es wird ein guter Tag für Ceredigion. Ich weiß nicht, ob auch für Großbritannien.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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