Brexit und Bildung: Großbritannien droht der Brain-Drain

Brexit und Bildung: Großbritannien droht der Brain-Drain

, aktualisiert 08. Juni 2017, 10:00 Uhr
Bild vergrößern

Unmittelbar nach dem Brexit-Votum stieg das Interesse britischer Absolventen an internationalen Jobs sprunghaft an.

von Claudia ObmannQuelle:Handelsblatt Online

Der Brexit macht Großbritannien als Arbeitsmarkt unbeliebt bei europäischen Absolventen. Britische Akademiker dagegen zieht es verstärkt ins EU-Ausland, zeigt eine Studie. Der Insel könnte ein „Brain-Drain“ bevorstehen.

DüsseldorfDie britische Premierministerin Theresa May stellt sich am heutigen Donnerstag zur Wahl. Manch eine Prognose bescheinigt ihr dabei gute Chancen auf ein stärkeres Mandat der Bevölkerung, speziell für den Austritt der Briten aus der Europäischen Union.

An anderer Stelle hat sie allerdings dadurch bereits Einbußen hinnehmen müssen: Eine Untersuchung der Mitgliederdaten des weltweit größten Karrierenetzwerkes Linkedin hat ergeben, dass der Brexit für einen Attraktivitätsverlust Großbritanniens unter europäischen Hochschul-Absolventen gesorgt hat. Gleichzeitig zieht es britische Akademiker verstärkt ins EU-Ausland.

Anzeige

Linkedin hat dazu die Profile von mehr als drei Millionen Absolventen in Europa ausgewertet und sich angesehen, in welchen Ländern diese nach freien Stellen gesucht haben. EU-Absolventen sehen sich dabei mit 15 Prozent fast doppelt so häufig nach Jobs im Ausland um als der weltweite Durchschnitt, der bei 8 Prozent liegt. Britische Absolventen bewegen sich innerhalb dieser Gruppe am unteren Spektrum mit 9 Prozent. Am häufigsten zieht es Italiener in die Ferne. Knapp ein Viertel von ihnen will im Ausland arbeiten, gefolgt von den Deutschen, von denen es 23 Prozent in die Ferne zieht, und den französischen Absolventen mit 17 Prozent.

Was das Interesse an Stellen im Land betrifft, lag Großbritannien vor dem Brexit-Votum hinter den USA weltweit auf Platz zwei. 21 Prozent aller angesehenen Stellenausschreibungen kamen aus den USA, 12 Prozent aus Großbritannien.

Unmittelbar nach dem Brexit-Votum stieg das Interesse britischer Absolventen an internationalen Jobs sprunghaft an. Etwa 14 Prozent der aufgesuchten Stellenanzeigen stammten Ende Juni 2016 aus dem Ausland. Dieser Peak ging zwar wieder zurück, doch durchschnittlich blieb ein gesteigertes Interesse an Stellen in den übrigen 27 EU-Ländern.


Viele Fachkräfte kommen aus der EU

Das Interesse von Absolventen aus der Europäischen Union an Jobs im Vereinigten Königreich dagegen sank nach dem Votum der Briten für den Brexit um fast ein Fünftel. Dieser Absturz wurde bis heute nur minimal abgemildert. Im Bereich IT-Jobs ging das Interesse um 14 Prozent zurück, im Finanzwesen um 12 Prozent.

Außerdem wurden die Daten von mehr als drei Millionen Europäern, die derzeit in Großbritannien tätig sind, analysiert. Linkedin deckt dort circa 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung ab. Die Untersuchung ergab, dass seit dem Referendum im vergangenen Juni die Bewerbungen von Fach- und Führungskräften aus dem europäischen Ausland über alle Branchen hinweg im Durchschnitt um zwölf Prozent zurückgegangen sind. Der Rückgang ist besonders hoch in britischen Kernindustrien – Bewerbungen bei IT-Unternehmen reduzierten sich um 18 Prozent, bei Banken, der Unternehmensberatung sowie dem Rechtswesen um zwölf Prozent.

Hinzu kommt, dass 40 Prozent der internationalen Fach- und Führungskräfte in britischen Kernindustrien aus den 27 EU-Staaten stammen. Sollten die Aufenthaltsgenehmigungen dieser Arbeitnehmer zurückgezogen werden, sieht sich Großbritannien einem weiteren „Brain Drain“ in der mittleren bis höheren Management-Ebene gegenüber. Aus Nordamerika stammen nur 17 Prozent und aus Asien 14 Prozent der sich in Großbritannien aufhaltenden Fach- und Führungskräfte.

Und nicht nur das. 61 Prozent der EU-Immigranten haben außerdem einen Universitätsabschluss und besitzen damit ein höheres Bildungsniveau als der Durchschnitt der britischen Bevölkerung (34 Prozent). Ein harter Brexit könnte Industriezweige wie das Finanzwesen, den IT-Sektor und die Beratungshäuser um talentierte Kräfte berauben.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%