Brexit und die Fischer: Die verlorene Seeschlacht

Brexit und die Fischer: Die verlorene Seeschlacht

, aktualisiert 23. Juni 2016, 12:51 Uhr
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Die Fischer wollen für den Brexit stimmen, weil die EU mit Fangquoten ihre Arbeit behindere.

von Michael BrächerQuelle:Handelsblatt Online

Auch die britischen Fischer geben heute ihr Votum beim Brexit-Referendum ab. Sie werden für den Austritt aus der Europäischen Union stimmen. Dabei trägt die eigene Regierung die Schuld für viele ihrer Probleme.

PlymouthAn die guten alten Zeiten denkt David Pessell gerne zurück: „In den 1960ern konnte man als Fischer noch schnell zu richtig viel Geld kommen“, sagt er, und nippt an seiner Tasse Tee. „Heute können viele Leute hier nicht mehr von ihrem Job leben“. Pessell spinnt keinen Seemannsgarn – er weiß, wovon er spricht: Er fuhr selbst 35 Jahre zur See. Heute leitet der 70-Jährige die „Trawler Agents“ in der englischen Hafenstadt Plymouth.

An dieser Börse kommt unter den Hammer, was den Fischern vor der englischen Südwestküste ins Netz geht. Doch an der Kaimauer vor dem Fenster seines Büros machen immer weniger Schiffe fest: Die Flotte der Stadt schrumpft schneller als das Eis, auf dem die fangfrischen Rotzungen gelagert werden. Im Hafen von Plymouth machen sieben Schleppnetzfischer fest. Noch. Die Fischer von Plymouth verlieren in der Seeschlacht gegen die Konkurrenz.

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Über die Ursache muss Pessell nicht lange nachdenken. „Fische sind genügend da, aber wegen der Fangquoten der Europäischen Union dürfen wir einfach zu wenig rausholen.“ Er will heute für den EU-Austritt stimmen. Deshalb gibt es im Büro der Trawler Agents auch T-Shirts der „Fishing for Leave“-Kampagne zu kaufen, für zehn Pfund das Stück. 

Wie Pessell denken fast alle Fischer in Großbritannien. Dabei gehen deren Probleme längst nicht nur auf das Konto der EU: Erst die britische Regierung hat die Lage so richtig verschärft. Experten warnen, dass der Brexit den Fischern nur noch mehr Probleme machen dürfte. Doch solche Argumente gehen in der Boulevardpresse oft unter.

Als Großbritannien 1973 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft beitrat, wurde noch knapp eine Million Tonnen Fisch in englischen Häfen angeliefert. Heute ist es weniger als die Hälfte. Zugleich schrumpfte die englische Flotte schrumpfte seitdem massiv. In ganz Großbritannien gibt es nur noch 12.000 Fischer, viele Küstenstädte haben die Fischereidocks in schicke Yachthäfen verwandelt.

Die Schuld für den Untergang der Fischindustrie geben die Fischer den Bürokraten aus Brüssel. So groß ist die Wut, dass aufgebrachte schottische Fischer mit Ukip-Chef Nigel Farage sogar die Themse in bis in die Londoner City hochfuhren, um für den EU-Austritt zu demonstrieren. Dort enterten sie das Boot der Musikerlegende Bob Geldof, der für den Verbleib in der EU eintritt. Eine bizarre Seeschlacht, mit der es die Fischer in die Abendnachrichten schafften.

Was dort dagegen selten erwähnt wird: Für die europäischen Quotenregeln gibt es durchaus gute Argumente. Denn Fische halten sich nicht an Seegrenzen. Wissenschaftler versuchen deshalb zu bestimmen, wie viele Tiere gefangen werden dürfen, ohne dass der Bestand gefährdet wird. Dann wird in Brüssel verhandelt, welchem Land wie viele Fische zustehen. Für Pessell ein fauler Kompromiss: „Gemessen an der Größe unserer Flotte haben wir ein viel zu kleines Stück vom Kuchen erhalten“. Die Folge: Britische Fischer, die vor der englischen Küste ihre Quoten ausgeschöpft haben, müssen den Hafen von Plymouth anlaufen – die Fische gehen der Konkurrenz aus Frankreich oder Belgien ins Netz.


Was Fischereiminister Eustice verheimlicht

Der Brexit soll das ändern. „Wenn wir die Europäische Union verlassen, können wir einen besseren Deal aushandeln“, sagt Pessell. Dabei erhält Großbritannien schon heute den zweitgrößten Anteil der Gesamtquote in der EU. Und auch ein unabhängiges Großbritannien müsste sich mit den Nachbarn darüber einig werden, wer wie viel fangen darf.

Fischereiminister George Eustice, selbst flammender Brexit-Befürworter, pocht darauf dass es den Fischern nach einem Brexit besser ginge. Doch führende Fischereiexperten widersprechen: Es drohe ein jahrelanges bürokratisches Tauziehen, wenn Großbritannien die EU verlässt, schrieben sie in einem gemeinsamen Brief.

Zudem habe Eustice ein wichtiges Detail unterschlagen: Die Quote für Großbritannien wird zwar von der Europäischen Union zugewiesen – aber es sei seine Sache, sie aufzuteilen. Während die Fischer in kleinen Städten wie Plymouth leiden, verdienen Fischereiriesen in großen Häfen wie dem schottischen Peterhead prächtig. Unterm Strich wachsen die Profite der britischen Fischindustrie sogar.

Die Fischer von Plymouth wird das wohl kaum umstimmen – sie wollen raus aus der EU. Dabei hat die sogar den Umbau des Hafens bezuschusst, auch die neuen Kühlräume wurden mit Geldern aus Brüssel subventioniert. Hafenmeister Pete Bromley kann den Groll der Fischer nachvollziehen. „Wenn es so weitergeht, bleibt vielen zu wenig zum Leben“. Auch er sieht die bestehenden Quotenregeln kritisch, hält einen Teil der Probleme aber für hausgemacht. Da wäre zum Beispiel die Sache mit den Fischereilizenzen. „Das ist so verrückt, das kannst Du nicht erfinden“, sagt Hafenmeister Bromley und streicht sich über den Schnurrbart.

Jeder Fischer braucht eine Lizenz, die ihm für bestimmte Fischarten eine Fangquote zuweist. Weil sich die Ausfahrt für die Besitzer kleinerer Boote immer weniger lohnt, haben viele Fischer ihre Boote samt Lizenz an Fischereifirmen im europäischen Ausland verkauft.

Deren Trawler gehen mit der britischen Lizenz auf große Fahrt. Das drückt die Preise und setzt die kleinen britischen Fischer weiter unter Druck. Dieses „Quoten-Hopping“ ist legal, solange die Schiffe unter britischer Flagge fahren – über Jahre hat die britische Regierung daran nichts geändert. Deshalb geben viele Fischer auf, gerade erst hat ein Freund von Hafenmeister Bromley sein Boot verkauft.

Die guten alten Zeiten für die Fischer von Plymouth sind für immer vorbei – aber die Europäische Union trägt daran wohl allenfalls eine Teilschuld. Das alles hätten Brexit-Befürworter und Gegner erklären können, doch Argumente waren selten gefragt – stattdessen wurden nationale Ressentiments geschürt. Fische fängt man mit Angeln, Leute mit Worten. 

Quelle:  Handelsblatt Online
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