Brexit-Verhandlungen: London, die Stadt der Verlierer?

Brexit-Verhandlungen: London, die Stadt der Verlierer?

, aktualisiert 01. Dezember 2016, 17:10 Uhr
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Bankenviertel in London: Sind Jobs in der britischen Hauptstadt gefährdet?

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Der britische Notenbankpräsident hat die Stimme erhoben: Europa dürfe die Insel in den Brexit-Verhandlungen nicht schwächen. Denn das Land sei der „Investmentbanker Europas“ – und seine Stärke daher im Interesse der EU.

LondonDie Angriffe der Brexit-Befürworter auf den britischen Notenbank-Präsidenten sind dieses Mal ausgeblieben. Dabei gehören die kritischen Stimmen seit Monaten stets dazu, sobald sich Mark Carney über die Europäische Union und den Austritt der Briten auslässt. Denn er hat bereits vor dem Referendum im Juni heftig vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU gewarnt. Doch dieses Mal war es anders.

Der Chef der Bank of England hat bei einem Auftritt Mitte der Woche etwas gesagt, dass selbst den Kritikern gefallen dürfte: „Großbritannien ist im Grunde der Investmentbanker Europas“, wenn man sich die dominante Rolle Londons im Aktien- und Anleihegeschäft anschaue, betonte Carney. „Es ist im größten Interesse der Europäischen Union“, dass es im Zuge des Brexit einen reibungslosen Übergang gebe und der Zugang der europäischen Wirtschaft zu diesen Dienstleistungen gewahrt bleibe.

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Der Notenbankchef hat damit ungewöhnlich deutlich gewarnt, dass die Staatengemeinschaft sich am Ende ins eigene Fleisch schneidet, wenn der Finanzplatz London durch einen Brexit massiv leiden sollte. Carney hat ähnlich klare Worte benutzt wie Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) nur wenige Tage zuvor – zu genau demselben Thema, allerdings mit entgegen gesetztem Tenor: Es sei vor allem Großbritannien, das von den Auswirkungen des Brexit am härtesten getroffen würde. Es würden sich Fragen stellen, wo künftig die Finanzgeschäfte der Eurozone betrieben würden.

Bisher waren es vor allem Politiker, die den Streit über die denkbaren Brexit-Folgen dominierten. Inzwischen haben sich auch die beiden führenden Notenbanker Europas mit eher undiplomatischen Worten eingeschaltet.

Carney hat Draghi in seiner Einschätzung aber nicht direkt widersprochen. Der Chef der britischen Notenbank hat lediglich ein anderes Risiko des britischen EU-Abschieds in den Vordergrund gestellt, das auch andere Fachleute als eine mögliche Brexit-Konsequenz sehen: Wenn wichtige Finanzgeschäfte und auch Bankmitarbeiter aus London abgezogen werden, dürfte nicht automatisch der Kontinent davon profitieren. Zwar macht etwa Frankfurt sich großen Hoffnungen und kann nach Informationen des Handelsblatts mit der neuen „Europe SE“ der Schweizer Großbank UBS einen Trumpf vorweisen. Doch möglicherweise würden Jobs und Abteilungen nach New York, Singapur oder Hongkong verlagert. Und in dem Fall wären Großbritannien und der Rest der EU die großen Brexit-Verlierer.

Sobald das Land der Staatengemeinschaft den Rücken kehrt, dürften Banken auf der Insel ihre so genannten Passport-Rechte verlieren. Diese erlauben es ihnen, von London aus Geschäfte auf dem Kontinent zu betreiben. Beendet der Brexit diese Vorteile, brauchen die Geldhäuser dafür die Lizenz einer kontinentaleuropäischen Bankenaufsicht und müssen voraussichtlich einen Teil ihrer Londoner Mitarbeiter verlagern.

Doch es sind nicht die Passport-Rechte allein, die die britische Hauptstadt zu Europas führendem Finanzzentrum machen und den Banken an der Themse viele Unternehmenskunden aus ganz Europa bringen. Das gut etablierte britische Rechtssystem trage ebenso dazu bei und das vorteilhafte Schiedsverfahren, sagte Wim Bischoff, ein Veteran des britischen Finanzsektors, nach dem Brexit-Referendum in einem Handelsblatt-Interview. „Es ist ein ganzes Cluster von Dienstleistungen, das Kunden anlockt. Andere Finanzzentren wie Paris und Dublin sind wunderbare Städte, aber sie bieten einfach nicht diesen Cluster-Effekt und diese Größenvorteile“, so Bischoff. Genau das spreche für Finanzmetropolen wie New York.


Großbritannien könnte weiter in EU-Haushalt einzahlen

Auch John Nelson, Verwaltungsratschef des Londoner Versicherungsmarktes Lloyd’s, sieht die Sache ähnlich: Es gebe in der EU keine andere Stadt, der Londons bisherige Rolle in der Finanzbranche übernehmen könnte, sagte Nelson in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Es gibt nur eine Stadt in der Welt, die das kann, und das ist New York.“

Die konkreten Brexit-Folgen für London sind derzeit aber noch unklar. Großbritanniens Premierministerin Theresa May will mit den offiziellen Austrittsgesprächen mit Brüssel bis Ende März 2017 beginnen. Was der Austritt aber konkret bedeutet, damit hält sich die Regierung zurück. Bisher signalisierte May nur, dass Einwanderungskontrollen für sie Priorität haben werden – und nicht so sehr der volle Zugang zum europäischen Binnenmarkt.

Brexit-Minister David Davis hat das am Donnerstag etwas relativiert. Das Land sei möglicherweise doch bereits noch weiter in den EU-Haushalt einzuzahlen, um so weiterhin den Zugang zum Binnenmarkt behalten zu können.

Notenbankchef Mark Carney macht sich derzeit vor allem für eines stark: eine möglichst lange Übergangsperiode für die Zeit nach dem EU-Austritt Großbritanniens und bevor neue Handelsverträge zwischen London und Brüssel vereinbart sind. Wenn Premierministerin May wie angekündigt bis Ende März die Scheidungsgespräche in Gang setzt, sind eigentlich zwei Jahre bis zum Brexit vorgesehen. Experten zufolge wird diese Zeit aber nicht reichen, um beispielweise neue Handelsverträge abzuschließen. Carney plädiert dafür für eine Übergangsphase, in der nach Möglichkeit die bisherigen Rahmenbedingungen zwischen London und Brüssel weiter gelten. Ein harter Bruch soll so vermieden werden.

Bei den Brexit-Befürwortern ist diese Forderung auf wenig Gegenliebe gestoßen: Ex-Minister Michael Gove sagte der BBC, er sei nicht davon überzeugt, dass Großbritannien eine Übergangslösung mit der EU brauche. Es gebe wohl „einige Leute“, die einfach nicht darüber hinwegkämen, „dass das britische Volk für den EU-Austritt“ gestimmt habe. Und die wollten „eine Übergangsregelung, die einer EU-Mitgliedschaft so nahe wie möglich“ käme.

Doch auch ein europäischer Politiker erteilte Carney eine Abfuhr: In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP hat Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel eine Übergangslösung ausgeschlossen, um die Folgen des britischen EU-Austritts zumindest zeitweise abzumildern. Man sei entweder EU-Mitglieder oder kein EU-Mitglied, sagte Bettel, es gebe nichts dazwischen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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