Brexit-Wetten: Warum die Buchmacher so falsch lagen

Brexit-Wetten: Warum die Buchmacher so falsch lagen

, aktualisiert 26. Juni 2016, 16:56 Uhr
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Vier Millionen Briten hatten beim Wettanbieter Ladbrokes auf den Ausgang des EU-Referendums gesetzt. Brexit-Auguren hatten jedoch viel geringere Summen gewettet als Remain-Zocker.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Das EU-Referendum war die wohl größte politische Wette der britischen Geschichte. Doch diesmal blamierten sich die „Bookies“, die sonst als verlässliche Auguren gelten. Für diese Panne gibt es zwei Erklärungen.

LondonFür Nigel Farage, einen der Köpfe der „Leave“-Bewegung, hat sich das Referendum nicht nur politisch, sondern auch finanziell ausgezahlt. Der Chef der rechtspopulistischen Ukip-Partei hatte Anfang Juni beim Wettanbieter Ladbrokes 1000 Pfund darauf gesetzt, dass die Briten für einen Brexit stimmen. Eine riskante Wette, die ihm aber nun satte 2500 Pfund Gewinn einbrachte. Als in der Nacht des Referendums die Wahllokale schlossen, war die Wahrscheinlichkeit für „Remain“ bei den Buchmachern noch weiter gestiegen. Im Schnitt lagen die Quoten bei deutlichen 80 bis 90 Prozent. Trotzdem kam es ganz anders.

Dabei hatten sich die „Bookies“ in Großbritannien in den vergangenen Jahren einen Ruf als verlässliche politische Auguren erworben. Denn im Gegensatz zu den etablierten Meinungsforschungsinstituten, die zuletzt voll daneben lagen mit ihren Prognosen – sei es beim Schottland-Referendum 2014 oder den Unterhauswahlen 2015 – hatten die Buchmacher meistens Recht behalten. Beim EU-Referendum aber blamierten sich diesmal auch die „Bookies“ bis auf die Knochen.

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Schätzungsweise 80 Millionen Pfund hatten die britischen Wettliebhaber auf „Remain“ oder „Leave“ gesetzt, berichtet die „Sunday Times“. Ladbrokes rechnet mit branchenweit etwa 100 Millionen Pfund Umsatz. Nicht nur historisch gesehen war das EU-Referendum wohl die größte politische Wette aller Zeiten für die Briten.

Bei der Online-Wettplattform Betfair, die inzwischen zum Wettanbieter Paddy Power gehört, übertrumpfte das EU-Referendum sogar den bisherigen Rekordhalter, eine Sportwette. 60 Millionen Pfund wurden diesmal gesetzt und damit mehr als bei Andy Murrays US-Open-Sieg 2012. Ein Zeichen dafür, dass politische Wetten ein immer größerer Markt werden.

Insgesamt liegt der Branchenumsatz der britischen „Bookies“ bei schätzungsweise 6,3 Milliarden Pfund im Jahr. Die Wettindustrie schafft laut Deloitte etwa 100.000 Arbeitsplätze. Rund 9000 lizensierte Wettbüros gibt es auf der Insel, etwa die Hälfte wird laut „Guardian“ von den beiden Rivalen Ladbrokes und William Hill betrieben. Beide sind börsennotiert und machten einen Umsatz von jeweils mehr als einer Milliarde Pfund.

„Wir Buchmacher müssen uns nun harten Fragen stellen“, räumt Matthew Shaddick, Leiter politische Wetten von Ladbrokes, am Tag danach zerknirscht ein. Gleichzeitig verteidigt er die Rolle seiner Zunft: Buchmacher seien nicht dafür da, exakte Vorhersagen über einen Wahlausgang zu treffen. „Wir machen das, weil wir Geld verdienen wollen – und in dieser Hinsicht hat sich das Referendum für uns sehr wohl ausgezahlt.“ So hat Ladbrokes insgesamt vier Millionen Wetten auf das Referendum erhalten. Über den Profit schweigt sich Shaddick aus. An der Börse jedenfalls wurden die Wettanbieter wie auch Meinungsforscher wie YouGov am Freitag erstmal abgestraft. Der Kurs von William Hill fiel zwischenzeitlich um fast zehn Prozent, der von Ladbrokes um fast sechs Prozent.

Warum aber lagen die Buchmacher diesmal so falsch? Es gibt zwei Erklärungsansätze.


Mehr Zocker setzten auf „Leave“, aber mit niedrigeren Summen

Wettquoten resultieren aus den Summen, die jeweils gesetzt werden. Und auf „Remain“ wurden deutlich höhere Geldbeträge gewettet als auf „Leave“. Jessica Bridge von Ladbrokes sagte dem Handelsblatt wenige Tage vor dem Referendum: „Im Schnitt wurden 415 Pfund auf „Remain“ gesetzt, aber nur 68 Pfund auf „Leave“. Tausende Spieler wetten kleine Beträge auf den Brexit wie zehn oder 50 Pfund. Dagegen setzen hunderte Wetter hohe Summen von 1000 bis 35.000 Pfund auf den Verbleib in der EU.“
Letztlich zeigte sich: Wesentlich mehr Zocker wetteten auf den Brexit als auf „Remain“ - was sich in den Quoten allerdings nicht widerspiegelte.

Beim Referendum aber zählt jede Stimme gleich – unabhängig vom Geldbeutel. Bei Ladbrokes wurden 80 Prozent der Wettsummen auf „Remain“ gesetzt, jedoch wetteten 63 Prozent der Zocker auf “Leave”. Bei William Hill kam 69 Prozent des eingenommenen Geldes von der Remain-Fraktion, während 69 Prozent der Wetter auf den Brexit setzten.

Das mag daran liegen, dass vor allem die kleinen Leute mit geringerem Einkommen für den Austritt aus der EU stimmten. Während die reicheren Briten für den Verbleib votierten und offenbar auch höhere Summen setzten. Shaddick weist jedoch den Vorwurf zurück, die Wetten seien vom „großen Geld“ manipuliert worden. Außerdem seien Wetter nicht repräsentativ - allein schon, weil sie hauptsächlich Männer seien.

Leighton Vaughan Williams, Professor am Betting Research Institute an der Nottingham Business School, hat noch eine andere Erklärung, warum die „Bookies” diesmal falsch lagen. Viele Briten waren bis zuletzt unentschlossen. „Die Wähler haben diesmal in letzter Minute emotional entschieden.“

Die Briten, die auf „Remain“ gesetzt haben, können versuchen, ihre Verluste wieder wettzumachen. Zum Beispiel mit der aktuellen Wette, wer nach David Cameron neuer Chef der Tories wird. Die Wettquoten für Brexit-Verfechter und Londons Ex-Bürgermeister Boris Johnson stehen bei William Hill derzeit bei 4/5.

Quelle:  Handelsblatt Online
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