Britische Gründer contra Brexit: Start-ups bangen um Köpfe und Kapital

Britische Gründer contra Brexit: Start-ups bangen um Köpfe und Kapital

, aktualisiert 23. Juni 2016, 19:52 Uhr
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Wie bei Zzish arbeiten in den meisten Tech-Firmen in Großbritannien junge Leute aus diversen Nationen.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

Lange war London das Start-up-Mekka in Europa. Doch nun sorgen sich viele um ihr Geschäft, sollte Großbritannien aus der Europäischen Union austreten. Einige Gründer drohen bereits mit einem Wegzug von der Insel.

LondonLondon war schon immer ein Schmelztiegel der Kulturen. In der pulsierenden Start-up-Szene offenbaren sich die Vorteile eines „Melting Pots“ ganz besonders – zum Beispiel bei Zzish. Enthusiasten aus acht Nationen und zwölf verschiedenen Kulturen basteln in einem kleinen Büro mitten in Southwark im Süden der Metropole an der Zukunft des Lernens. „Bei Zzish arbeiten sechs Briten, vier von ihnen haben asiatische Wurzeln, einer ist Waliser. Außerdem haben wir einen Italiener, einen Spanier, einen Kanadier, eine Kolumbianerin, eine Ungarin und eine Taiwanesin“, erzählt Gründer Charles Wilson, graumeliertes Haar, schwarzes T-Shirt.

Die Programmier-Plattform will das Online-Unterrichten für Lehrer und Schüler auf der ganzen Welt revolutionieren. Bis Zzish damit Geld verdient, wird es allerdings noch ein paar Jahre dauern. Doch Gründer Wilson ist voller Elan. Immerhin hat der Ex-Google-Mitarbeiter schon in diversen Start-ups Erfahrung gesammelt.

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Eines aber dämpft Wilson Optimismus gehörig – der drohende Brexit. „Londons Start-ups sind nur deshalb so erfolgreich, weil wir die kreativsten Köpfe und besten Programmierer anziehen – insbesondere aus Europa“, betont der Gründer. Viele britische Start-ups wären ohne ihre ausländischen Mitarbeiter gescheitert, ist Wilson überzeugt.

Denn in London herrscht ein Mangel an Talenten. Der wird noch eklatanter, falls EU-Bürger nicht mehr visafrei in Großbritannien arbeiten dürfen. Die junge Zzish-Mitarbeiterin aus Ungarn geht deshalb lieber auf Nummer sicher. „Noch ein Jahr, dann kann ich einen britischen Pass beantragen. Da darf ich immer in England arbeiten – selbst wenn der Brexit kommt.“ Gründer Wilson weiß: „Die EU weit entfernt davon, perfekt zu sein. Aber helfen wir lieber mit, sie besser zu machen und ihre Vorteile zu auszuschöpfen.“

London war lange das Start-up-Mekka in Europa. Allein seit 2010 sind hier schätzungsweise 15.000 neue Firmen entstanden – vor allem im Digitalbereich. Der drohende Brexit bereitet den jungen Firmen Sorgen. Nach einer Umfrage der Tech London Advocates sind 87 Prozent der britischen Start-ups gegen einen Brexit.

Hunderte Unternehmer und Gründer von Tech-Start-ups haben einen offenen Brief unterzeichnet, der in der „Financial Times“ veröffentlicht wurde: „Entrepreneurs In!“ Darin schreiben die Gründer von Deliveroo, Digital Shadow, TransferWise, Zoopla oder King.com und vielen anderen: „Es ist besser, in der EU zu bleiben und die Regeln mitzugestalten als nur reagieren zu können. Der wirtschaftliche Schock bei einem EU-Austritt würde unseren Geschäften enorm schaden.“

Einige Start-ups, die enge Geschäftsbeziehungen zur EU unterhalten, machen sich sogar ernsthafte Existenzsorgen. So auch Tom Cridland. Der 25-jährige Designer hat mit seiner gleichaltrigen Partnerin Deborah Marx vor zwei Jahren in Cambridge eine Firma für nachhaltige Mode gegründet. Angefangen haben beide ganz klein mit einem 6000 Pfund Start-up-Darlehen der britischen Regierung. Inzwischen macht die Jungfirma Tom Cridland einen Umsatz von einer halben Million Pfund.

Das nachhaltige Modelabel hat sich in der internationalen Fashionszene einen Namen gemacht. Bekannt ist Tom Cridland für das „30 Year Sweatshirt“, auf dessen Stoff die Firma 30 Jahre Garantie gibt. Filmgrößen wie Ben Stiller, Leonardo di Caprio oder Daniel Craig tragen Hosen von Tom Cridland.


Wandert Wagniskapital aus London nach Berlin ab?

Tom Cridland selbst, den die Presse den „Schneider der Stars“ nennt, ist halb Brite, halb Portugiese. Seine Mode wird in Großbritannien designt und in Serra da Estrela in Portugal genäht. „Wir hängen stark von Importen aus der EU ab. Hohe Zölle, die nach einem Brexit anfallen würden, könnten wir gar nicht zahlen. Damit wären wir aus dem Geschäft“, konstatiert Cridland. Mitgründerin Deborah Marx fügt hinzu: „Selbst wenn nach einem Austritt Freihandelsabkommen ausgehandelt würden, würde das nicht schnell genug gehen. Bis dahin wäre unsere Arbeit, die uns eine Herzenssache ist, schon irreversibel geschädigt.“

„Ein Brexit würde kein gutes Klima zum Gründen schaffen. Die britische Start-up-Szene würde eindeutig geschwächt werden“, erwartet auch Jens Lapinski, der die Deutschlandgeschäfte von Techstars leitet. Der weltweit zweitgrößte Accelerator macht Start-ups in drei Monaten fit für den Markt. Pro Jahr sind das etwa 30 Jungfirmen allein in London und 20 in Berlin. Lapinski selbst hat 16 Jahre in der britischen Start-up-Szene gearbeitet.

Ob im Falle eines Brexits Risikokapital von London nach Berlin oder andere aufstrebende Start-up-Zentren wie Dublin oder Helsinki abwandert? Darüber kann auch Lapinski nur spekulieren. Denn schon 2014 überholte die deutsche Hauptstadt London beim Wagniskapital. Rund 2,2 Milliarden Dollar davon flossen in Berliner Firmen, nach London nur 1,5 Milliarden Dollar. Das ermittelte Dow Jones Venture Source. 80 Prozent der britischen Tech-Gründerfirmen finden es heute schon „herausfordernd“, an Kapital zu kommen. Die Lage dürfte sich im Falle eines Brexits noch deutlich zuspitzen.

Einige Fintechs ziehen gar einen Wegzug aus Großbritannien in Betracht - sollte das Land aus der EU austreten. Dazu zählen Monese, Property Partner und TransferWise, eine Währungstausch-Plattform. „Wie so viele Unternehmen in London haben wir unsere Zentrale hier in London aufgeschlagen wegen des Zugangs zu internationalen Spezialisten und globalen Märkten“, so Taavet Hinrikus, CEO von TransferWise gegenüber „Forbes“. Wenn sich Großbritannien vom EU-Finanzmarkt abkoppelt, werden es auch Fintechs, die grenzüberschreitend Finanzdienstleistungen anbieten, wohl deutlich schwerer haben.

Auch der Finanzinformationsdienst DueDil, bekannt als das „britische Bloomberg“, ist verunsichert. Gründer Damian Kimmelman spekuliert laut über einen möglichen Umzug in die USA. Die offene Visa-Politik der EU habe es der Firma bisher ermöglicht, 80 Leute aus 25 Nationen anzustellen. „Wer weiß schon, ob das nach einem Brexit noch möglich ist?“

Quelle:  Handelsblatt Online
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