Britta Heidemann: „Jede schlechte Phase ist irgendwann zu Ende“

Britta Heidemann: „Jede schlechte Phase ist irgendwann zu Ende“

, aktualisiert 24. November 2016, 09:23 Uhr
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Die Kölner Fecht-Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin, gewann drei Medaillen bei drei olympischen Spielen.

Quelle:Handelsblatt Online

Wer mit Elan durchs Leben geht, dem bieten sich viel mehr Möglichkeiten. Trotzdem geht es nicht immer bergauf, weiß Fecht-Olympiasiegerin Britta Heidemann. Ein Gastbeitrag über die schlimmste Niederlage ihrer Karriere.

KölnZu einem glücklichen, erfüllten Leben gehören auch Herausforderungen – und je mehr Spaß wir bei deren Bewältigung haben, desto eher meistern wir sie. Durch das Fechten hat die Olympiasiegerin Britta Heidemann gelernt, dass die innere Einstellung entscheidend ist. Denn wer sein richtiges Tempo findet und mit Druck umgehen kann, bewahrt auch in kritischen Situationen das innere Gleichgewicht. In ihrem Gastbeitrag, den sie für unser Businessnetzwerk Leader.In geschrieben hat, erzählt Britta Heidemann, wie sie mit Niederlagen umgeht und warum die Freude an der eigenen Leistung der Schlüssel zum Glück ist.

Was das Leben so spannend macht? Dass es so unvorhersehbar ist. Vor ein paar Monaten wurde ich bei den Olympischen Spielen in Rio von den teilnehmenden Athleten in die internationale Athletenkommission gewählt, um als Stimme der Athleten an der Olympischen Bewegung mitzuwirken. Gerade erst komme ich zurück aus Lausanne vom Internationalen Olympischen Komitee, wo ich einen Einblick in die unterschiedlichen Aufgaben bekommen habe, die in den nächsten acht Jahren auf mich zukommen. Vor ein paar Jahren noch hätte ich nicht gedacht, dass ich einmal in die internationale Sportpolitik gehen würde, dass ich Autorin von zwei Büchern sein oder beruflich Vorträge zu meinen Erfahrungen aus dem Spitzensport halten würde.

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Eine Grundüberzeugung von mir ist: Chancen erarbeitet man sich, und wer offenen Auges und mit Elan durchs Leben schreitet, dem bieten sich ganz einfach mehr Möglichkeiten. Trotzdem geht es nicht immer nur bergauf. Auf der Fechtbahn ist es nämlich wie im echten Leben: Es gibt emotionale Höhenflüge ebenso wie Momente der totalen Verzweiflung. Bei den Weltmeisterschaften 2011 in Catania beispielsweise lief alles schief und bescherte mir die schlimmste Niederlage meiner Karriere.

Noch heute erinnere ich mich an diese bitteren Stunden, als sei es erst gestern gewesen. Nach dem Ende der Vorkämpfe war ich wie benebelt. Apathisch saß ich, immer noch schwitzend von der Anstrengung der vorangegangenen Gefechte, in der deutschen Teambox. Ich konnte nicht fassen, was gerade passiert war: Von sechs Gefechten hatte ich nur eines gewonnen! Den ganzen Morgen stand ich neben mir und hatte mir gewünscht, überhaupt nicht hier zu sein. Die Ergebnisse der Vorkämpfe wurden auf den Aushängen am anderen Ende der Halle angeschlagen. Wie ferngesteuert stand ich auf und schlich mich hinüber – mit der dumpfen Hoffnung, es möge doch durch ein Wunder irgendwie gereicht haben, um die nächste Runde der besten Vierundsechzig zu erreichen.

Mein Körper gehorchte mir kaum, jeder Schritt war ein Kampf, meine Beine waren schwer wie Blei. Ich näherte mich der Tafel, wo sich schon eine Traube aus Fechterinnen und Trainern versammelt hatte. Aus dem Augenwinkel nahm ich die Blicke der deutschen Presse wahr, die in der Nähe stand. Ich hielt unwillkürlich die Luft an, während ich auf die Ergebnisliste schaute und nach meinem Namen suchte. Dann sah ich es: Heidemann – Platz 126. Natürlich hatte es nicht gereicht!


Unangenehme Konfrontationssituation annehmen

Ein Tiefpunkt meiner Karriere, von dem ich mich erst Monate später erholte. Leider war dieses schlechte Ergebnis eine beinahe logische Konsequenz der Monate zuvor. Ich war damals überanstrengt, ausgelaugt, hatte nicht den Mut besessen, zum richtigen Zeitpunkt die notwendige Erholungspause einzulegen. Zugleich lehrte mich diese Erfahrung folgendes: Wer sich der Herausforderung nicht stellt, kann nur verlieren.

In einem Zweikampfsport wie dem Fechten geht es genau um diese Qualität: Sich dazu zu entscheiden, eine unangenehme Konfrontationssituation anzunehmen. Ob beim Fechten oder im Leben: Niemand gewinnt immer, und es wird immer Momente geben, in denen man von sich selbst enttäuscht ist oder Erwartungen sich nicht erfüllen. Doch können wir unseren Teil dazu beisteuern, die Chance zu erhöhen, dass wir den letzten Treffer setzen können. Wenn es dann nicht reicht, können wir wenigstens mit Überzeugung sagen, dass wir wirklich alles gegeben haben. Und genau das hatte ich an diesem Morgen nicht getan.

Es dauerte damals ein paar Monate, bis ich wieder gewagt habe, einen nächsten Wettkampf zu bestreiten. Zu groß war meine Sorge, wieder zu versagen. Das hemmte mich. Mein Trainer nahm mich irgendwann zur Seite: „Britta, jede schlechte Phase ist zwangsläufig irgendwann zu Ende. Die Kurve wird auch wieder nach oben ausschlagen. Du kannst selbst beeinflussen, wann. Du musst Dich überwinden, wieder nach vorne zu schauen.“

Das klang logisch, vor allem, weil ich mich in meinem Negativstrudel ausschließlich auf die Vergangenheit konzentrierte und etwas selbstmitleidig die Schuld bei anderen suchte. Die Rahmenbedingungen waren zwar tatsächlich zu bemängeln, dennoch muss man im Leben häufig mit lästigen Konditionen umgehen und das Beste daraus machen. Also ging ich das Risiko ein, setzte mich der Möglichkeit aus, wieder schlecht abzuschneiden und nahm am nächsten Weltcupturnier teil. Und obwohl ich dort vor lauter Nervosität nicht besonders gut abschnitt, war ich danach glücklich beziehungsweise erleichtert, mich überwunden zu haben. Der Bann war gebrochen. Meine Freude daran, mich zu verbessern und Fortschritte festzustellen, war zurück. Wenige Monate später gewann ich bei den Olympischen Spielen in London sogar die Silbermedaille.


Das Leben stellt uns vor Gefechtssituationen

Was Sie persönlich als Erfüllung oder Erfolg ansehen, weiß ich natürlich nicht, denn das ist bei jedem Menschen anders. Doch bei einer Sache bin ich mir ganz sicher: Die innere Haltung, wie man sich Herausforderungen stellt und auf Ziele hinarbeitet, wie man mit Rückschlägen umgeht, ist im Fechten ebenso wie im wahren Leben entscheidend. Das Leben stellt uns immer wieder vor unterschiedliche Gefechtssituationen. Es liegt in unserer Hand, wie wir diesen Herausforderungen begegnen wollen, wir haben die Wahl.

Mit Begeisterung und Neugierde behält man die Leichtigkeit. Mit Konsequenz setzt man sich besser durch. Mit Mut zu Ruhephasen ist man umso erfolgreicher, denn mit aufgeladener Batterie und einem freien Kopf lassen sich Dinge beschwingter und effizienter angehen. Voller Elan lassen sich Chancen im Leben besser erarbeiten und erhöhen die Wahrscheinlichkeit für das persönliche Glück.

Über die Autorin

Britta Heidemann, Jahrgang 1982, lebt in Köln. Sie ist Fecht-Olympiasiegerin, Welt- und Europameisterin, gewann drei Medaillen bei drei olympischen Spielen. Die Diplom-Regionalwissenschaftlerin Chinas berät Unternehmen, hält Vorträge und veranstaltet Fecht-Workshops. Als China-Expertin begleitet sie regelmäßig Delegationen in das Land der Mitte und ist auch Autorin des Buches „Willkommen im Reich der Gegensätze. China hautnah“. Sie engagiert sich vielfach vor allem für die Jugend und den Sport. Seit 2016 ist sie IOC-Mitglied und vertritt die Interessen der Sportler in der Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees.

Zum Buch

Britta Heidemann: Glück ist eine Frage der Haltung. Stark durch die Gefechte des Lebens
255 Seiten, Taschenbuch

€ (D) 9,99 /€ (A) 10,30 /SFr. 13,90*
ISBN 978-3-404-60899-7
*unverbindliche Preisempfehlung

Quelle:  Handelsblatt Online
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