BT-Chef warnt vor Brexit-Folgen: Ein Weckruf aus London

BT-Chef warnt vor Brexit-Folgen: Ein Weckruf aus London

, aktualisiert 09. Juni 2016, 16:20 Uhr
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In wenigen Tagen entscheiden die Briten über den Verbleib in der EU.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Wenige Wochen vor dem Brexit-Votum mahnt der Vorstandschef des britischen Telekommunikationsriesens BT, Gavin Patterson, eindringlich vor den Folgen eines EU-Ausstiegs und nennt ihn einen Alptraum.

LondonDer Mann sieht aus, als ob er einem Modemagazin entsprungen ist. Der maßgeschneiderte Anzug sitzt perfekt, die schulterlangen Haare von Gavin Patterson sind wie stets modisch frisiert. Doch die harten Worte, die der Vorstandschef des britischen Telekommunikationsriesens BT am Donnerstag zur bevorstehenden Abstimmung über einen EU-Ausstieg Großbritanniens spricht, stehen in deutlichem Kontrast zu dem glatten Äußeren, mit dem der 48-Jährige aufzutreten pflegt. „Ich befürchte, dass ein EU-Austritt Investitionen zurückhalten würde, Jobs bedrohen und die Wirtschaft in Gefahr bringen könnte“, mahnte der Boss des Telekomriesens, der Partner der Deutschen Telekom ist, am Donnerstag bei einem Pressegespräch in der Zentrale in London.

Ein Weckruf aus London. Mit deutlichen Worten mischt sich der einflussreiche Topmanager damit zwei Wochen vor dem britischen Referendum am 23. Juni über einen Verbleib in der EU noch einmal in die öffentliche Debatte auf der Insel ein. Es ist eine Mahnung, für die vor allem die EU-Befürworter dankbar sein dürften.

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Denn kurz vor dem Referendum ist der Ausgang der Schicksalsfrage auf der Insel ungewisser denn je: So liegen Befürworter und Gegner eines Brexits weiter Kopf an Kopf. Nach der jüngsten Umfrage des Instituts WhatUKThinks lagen die Befürworter eines Austritts Großbritanniens aus der EU am 5. Juni sogar erstmals seit längerer Zeit wieder vorne. 48 Prozent sprachen sich für einen Austritt aus. 43 Prozent dagegen. Neun Prozent waren danach noch unentschlossen.

Die Perspektive eines Brexits, also der freiwillige Abschied der zweitgrößten Volkswirtschaft Europas aus der Europäischen Union, wird damit von einem fernen Schreckgespenst zu einer ernstzunehmenden Möglichkeit, die dramatische Folgen für ganz Europa – und die Insel selbst – haben könnte. So käme für Patterson ein möglicher Abschied des Vereinigten Königreiches vom größten globalen Wirtschaftsraum mit über 500 Millionen Menschen einem Albtraum gleich. „Ich weiß, dass die EU nicht perfekt ist, aber für unser Unternehmen und unser Land ist es deutlich besser, in der Gemeinschaft zu sein als außerhalb“, sagte Patterson.

Auch für den ehemaligen Staatskonzern BT selbst, an dem die Deutsche Telekom nach dem Verkauf ihrer EE-Mobilfunkbeteiligung rund 12,5 Prozent der Anteile hält, wäre ein Austritt ein Rückschlag, der das Geschäft schwerer machen würde. „Wir machen den Großteil unserer Umsätze in Großbritannien“, stellte Patterson klar. „Aber rund ein Fünftel unserer Erlöse machen wir jenseits der britischen Grenzen – und das meiste davon in Europa“, sagte Patterson. Selbst bei einem Austritt müsste BT deshalb weiter die Auflagen der EU befolgen, weshalb das Austritts-Szenario für ihn auch keinen Sinn mache. Extern wie intern will Patterson darum in den nächsten Tagen noch für einen Verbleib in der EU trommeln – und steht damit nicht allein.


Stars sprechen sich für Verbleib aus

Knapp 300 Stars aus der britischen Film-, Kunst- und Musikszene haben sich ebenfalls jüngst für den Verbleib ihres Landes in der Europäischen Union starkgemacht. Die Insel sei nicht nur stärker in Europa, sie bleibe auch einfallsreicher und kreativer, wenn der Brexit abgewendet werde, schrieben die Prominenten in einem offenen Brief. Um einen Brexit zu verhindern, bietet die Koalition der Austrittsgegner, die sogenannte Remain-Kampagne, damit noch einmal zahlreiche prominente Namen auf.

Doch es ist unklar, ob die Argumente am Ende den Ausschlag geben werden. Denn was die Briten mindestens ebenso umtreibt, wie eine drohende wirtschaftliche Unsicherheit im Fall eines Brexits, ist die von vielen Briten als bedrohlich empfundene Einwanderung auf die Insel. So stellten die Brexit-Befürworter vor wenigen Tagen Pläne für ein verschärftes Einwanderungsrecht vor. EU-Bürger sollen demnach nicht länger das „automatische Recht“ haben, in Großbritannien zu leben und zu arbeiten. Statt dessen soll ein Punktesystem wie in Australien für "Gerechtigkeit" zwischen EU-Bürgern und anderen Zuwanderern sorgen, erklärte die Brexit-Kampagne Vote Leave.

Für Patterson ist das keine gute Alternative. Der Vorstandschef, der dank des Kaufs der britischen Telekom-Beteiligung EE zum größten Mobilfunker der Insel aufgestiegen ist, sorgt sich im Fall eines EU-Abschieds um neue Handelsbarrieren und Zöllen sowie um die Möglichkeit, qualifizierte Fachleute auf die Insel zu locken.

„Am Ende würde der Brexit dafür sorgen, dass einige der hochqualifizierten Studenten an den britischen Colleges nicht in Großbritannien arbeiten können, weil sie das falsche Visa haben“, warnte Patterson. Doch erst in der Nacht des 23. Juni wird der BT-Boss wissen, welche Angst die Briten als schwerer erachten – die vor den ökomischen Kosten oder die vor einer zunehmenden Einwanderung.

Quelle:  Handelsblatt Online
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