Buchauszug New Work: Das Ende der Work-Life-Balance

Buchauszug New Work: Das Ende der Work-Life-Balance

, aktualisiert 24. August 2016, 15:11 Uhr
Bild vergrößern

„Zeit, Arbeit neu zu denken. Zeit für New Work!“, fordert Markus Väth in seinem neuen Buch.

Quelle:Handelsblatt Online

Globalisierung, Digitalisierung, Subjektivierung, Emanzipation: Faktoren, die die Grenze zischen Arbeit und Privatleben aufweichen, sagt Markus Väth. „Zeit, Arbeit neu zu denken. Zeit für New Work!“, fordert der Autor.

NürnbergArbeit 4.0, New Work, Zukunft der Arbeit – wie man es auch nennt: Unsere Arbeitswelt befindet sich derzeit in einem radikalen Umbruch. Markus Väth hat dazu ein provokantes Debattenbuch verfasst, das heute im GABAL Verlag erscheint. Der Verfechter einer neuen Arbeitskultur klärt auf, wie der Megatrend „New Work“ unsere Arbeitsrealität revolutioniert, wie die „Spielregeln“ dieser neuen Arbeitswelt aussehen und wie wir sie gemeinsam zu einer besseren machen können. Ein exklusiver Auszug aus dem Buch.

Stechuhren sind die Scharfrichter der Arbeitsgesellschaft. Jedenfalls waren sie das. Sie urteilten über Arbeit und Freizeit, drinnen und draußen, Werkhalle oder Fußballfeld. Mit einem kalten, klaren Druck protokollierten sie die Anwesenheit eines Arbeitnehmers und damit seine Berechtigung, in den Feierabend zu gehen oder eben nicht. Auch kulturell war der Rhythmus aus Arbeit und Feierabend fest verankert. So sang Sheena Easton im Jahr 1980: „My baby takes the morning train, he works from nine till five and then he takes another home again to find me waitin’ for him.“

Anzeige

Der Song „9 to 5“ über den festen Bürojob ihres Geliebten wurde ihr größter Hit und zum musikalischen Symbol des industriellen Taktes. Bis in die Mitte der 1990er-Jahre hinein dominierte dieser feste Arbeitsrhythmus und bildete mit der Vollzeitstelle und der Tarifbindung den harmonischen Dreiklang sozialer Marktwirtschaft. Doch spätestens mit Beginn der 2000er-Jahre klang der Dreiklang schief, disharmonisch. Das Gefüge von Arbeit und Privatleben lockerte sich, wurde kräftig durcheinandergewirbelt und setzte sich anders wieder zusammen.

Verantwortlich hierfür ist eine einzigartige Kombination mehrerer Faktoren: Globalisierung, Digitalisierung, Subjektivierung und Emanzipation. Ein Faktor allein wäre womöglich schon stark genug, eine Gesellschaft umzuwälzen. Doch diese vier Trends verstärken sich gegenseitig und höhlen – als eine von vielen Folgen – unser Verständnis von Work-Life-Balance aus. Die allgemein akzeptierte Entgrenzung der Arbeitswelt in ihrer zeitlichen, räumlichen und funktionalen Dimension bedeutet im Ergebnis, dass die strikte Trennung von Arbeit und Privatleben Geschichte ist, ein abgeschlossenes Kapitel der Managementliteratur, Abteilung „Relikte des 20. Jahrhunderts.“

Zunächst sorgt die Globalisierung dafür, dass zeitzonenübergreifend gearbeitet wird. Egal, ob Indien oder Hamburg, irgendwer arbeitet immer. Die Arbeitsteiligkeit der Prozesse, das Outsourcing über Länder- und kontinentale Grenzen hinweg und Konzepte wie Lean Production sorgen dafür, dass der Einzelne immer flexibler verfügbar sein muss. War schon die normale Schichtarbeit nicht gerade gesundheitsförderlich, doch immerhin berechenbar, lösen sich die Ruhezeiten mehr und mehr in nichts auf. 22 Uhr in München? Egal, in New York ist es gerade 16 Uhr, das Meeting ist wichtig, also geht da noch was. Globalisierte Prozesse wurden nicht nur ein fester Bestandteil des organisatorischen Alltags, sondern zum Lackmustest für die soziale Einstellung der Unternehmen.

Der Mensch bleibt nur noch so lange „im Mittelpunkt“, wie er dem globalisierten, örtlich und zeitlich entgrenzten Produktionsrhythmus ohne Murren folgt. Wer in den globalisierungseuphorischen 1990er-Jahren nicht recht einsah, warum er seinen Nachtschlaf für ein Telefonat mit Hongkong unterbrechen sollte, konnte sich ja etwas anderes suchen. Es standen genug andere vor der Tür, die bereitwillig den Job übernahmen. Anders als heute, wo sich Diskussionen über Fachkräftemangel, über den „Krieg um Talente“ oder das Schlagwort der Caring Company bei den Unternehmertagungen die Klinke in die Hand geben. Die Segnungen der Globalisierung – die zweifellos vorhanden sind – haben ihren Preis. Der Wohlstand der Weltgemeinschaft wird zumindest in den Industrieländern mit einem Übergreifen der Arbeit in die Privatsphäre bezahlt, mit Überstunden, Burn-out und schlechtem Gewissen gegenüber der Familie.


Schädliches Multitasking und permanenter Stress

Parallel zur enthemmten Globalisierung entfaltete die Digitalisierung in praktisch allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen einen enormen weltweiten Produktivitätsschub und eine Arbeitsverdichtung in noch nie dagewesenem Ausmaß. So müssen in Deutschland bereits 58 Prozent der Arbeitnehmer „verschiedene Aufgaben gleichzeitig betreuen“, 52 Prozent sehen sich einem „starken Leistungs- und Termindruck“ ausgesetzt und immerhin 39 Prozent betonen, dass sie „sehr schnell arbeiten müssten“.

Diese Anforderungen sorgen für schädliches Multitasking, permanenten Stress, für verkürzte Pausen und ein Hinauszögern des Feierabends, allein schon aus sozialem Druck heraus. Das Ergebnis: Die Deutschen leisteten 2014 die meisten Überstunden in Europa, durchschnittlich 2,7 pro Woche. Die tatsächliche Zahl dürfte allerdings höher liegen: „Neben Mehrarbeit erwartet mancher Arbeitgeber von seinen Mitarbeitern auch ständige Erreichbarkeit zumindest per Mail – ein Umstand, der in der […] Statistik nicht berücksichtigt wurde.“ Man will schließlich nicht als Faulpelz gelten, der noch an seinem Cappuccino nuckelt, während der wichtige Vertrag staubbedeckt auf dem Schreibtisch schlummert.

Was die Verdichtung von Zeit und Arbeit angeht, gingen in den letzten Jahren technische Quantensprünge und sozialer Anpassungsdruck Hand in Hand. Das große Versäumnis der Digitalisierungsoffensive der letzten 20 Jahre bestand darin, nicht zu fragen: Wie kann uns dieser technologische Fortschritt in unserem Menschsein, in unserer täglichen Arbeit unterstützen? Natürlich sind die Möglichkeiten der neuen digitalen Techniken und ihrer Vernetzung faszinierend. Sie lassen uns Informationen zu jedem Thema finden, erleichtern die Produktion von Waren und das Erbringen von Dienstleistungen.

Doch mit der technischen Revolution in Form von Smartphones, Laptops und Industrie 4.0 haben sich auch die Ansprüche an unsere technischen und geistigen Fertigkeiten, an Selbstorganisation und Impulskontrolle erhöht. Wer schon einmal zwei abendliche Stunden sinnlos im Netz gesurft ist, weiß, was gemeint ist. Wir sind oft unkonzentriert, müde, fühlen uns gehetzt und kommen nicht mehr zur Ruhe. Die ständige Erreichbarkeit, die allgegenwärtige digitale Vernetzung ist Segen und Fluch unserer Zeit zugleich.

Die Medienberaterin Kati Krause berichtet: „Ich versuchte, Bücher zu lesen – und scheiterte. Ich versuchte, Filme zu gucken – und konnte mich nur wenige Minuten lang darauf konzentrieren. Meine Aufmerksamkeitsspanne war zu einem Würmchen zusammengeschrumpft. Also klammerte ich mich an mein Smartphone und wechselte stundenlang zwischen Facebook, Instagram und Twitter hin und her. Nicht um etwas zu posten – ich konnte ohnehin keinen Gedanken fassen –, sondern um zu konsumieren. Und mit jeder Aktualisierung der Timeline wurde es schlimmer.“

In der Gestalt der Social Media zeigt sich die radikalste Variante der zeitlichen und örtlichen Entgrenzung. Immer online hat sich zum kollektiven Dauerzustand der Gesellschaft entwickelt, privat und beruflich. Dadurch zerstört die Digitalisierung endgültig die verletzliche Grenze zwischen Arbeit und Privatleben. Diese Grenze wird nicht mehr von der Technik oder sozialen Normen gezogen. Vielmehr muss man sie selbst wieder instand setzen: „Ich […] traf […] eine der wichtigsten Entscheidungen in meinem Leben: Ich löschte die Facebook-App. Danach Instagram. Dann Twitter. Ich stellte alle Benachrichtigungen aus, und das waren viele. Bis auf SMS und Anrufe meiner besten Freunde und Familie war mein Telefon nun still. Plötzlich war die Welt viel kleiner, viel besser zu bewältigen, viel vertrauter. Ich konnte mich erholen.“


Sehnsucht nach Sinn ausnutzen

Neben der Globalisierung (mit ihrer Auflösung der wirtschaftlich-geografischen Grenzen) und der Digitalisierung (mit ihrer Auflösung der kommunikativen Grenzen) spielt die sogenannte Subjektivierung von Arbeit eine immer größere Rolle in der Auflösung der Work-Life-Balance. Subjektivierung bedeutet „eine Veränderung der Arbeitswelt, die mit der Postindustrialisierung einsetzt. Dabei werden […] Prozesse der Entkollektivierung und eine gesteigerte Bedeutung des Individuums ausgemacht. In diesem Zuge wird das Subjekt wieder über seine einzelnen Rollen und Funktionen hinaus in den Blick genommen. So werden Geschlechterfragen, Fragen der Reproduktionsarbeit und Fragen der Wertorientierung von Arbeitern thematisiert.

Es geht also um die Bedeutung des „ganzen Menschen“, um die Rolle des menschlichen Subjekts in der Arbeitswelt. Der zum Arbeitssubjekt aufgewertete Mensch betont: Ich mache nicht nur einen Job, sondern frage nach dem Sinn meiner Arbeit. Ich will nicht nur ein Rädchen im Getriebe sein und Geld verdienen. Meine Arbeit stellt einen wichtigen, vielleicht den wichtigsten Teil meines Lebens dar. Und genau hier wird es gefährlich, denn: Grundsätzlich kann man diesen Prozess der Bewusstwerdung begrüßen. Langfristig sollte dieser Trend dazu beitragen, „dumme“ Arbeiten, die niemand machen will, abzuschaffen oder an Maschinen zu delegieren.

Dazu dürfte schon die Automatisierung industrieller Prozesse noch gewaltig beitragen, die gerade erst in den Kinderschuhen steckt. Doch auch qualifizierte, abwechslungsreiche Arbeit kann zur „dummen“ Arbeit werden, wenn man der Sinnsuche in der Arbeit seine Gesundheit opfert, seine Beziehung, seine Mitte. Dann bedeutet Subjektivierung nicht mehr Zentrierung und Selbstvergewisserung des Ich, sondern Überreizung und Auflösung des Ich.

Die Arbeit wird unangemessen überladen mit existenzieller Bedeutung für das eigene Leben. Der gesellschaftliche und individuelle Prozess der Subjektivierung ist sinnvoll, das Stellen der Frage: Was trägt Arbeit zu meinem Lebensglück bei? Was und wie will ich arbeiten? Doch die Jagd nach diesem Ideal kann durchaus schiefgehen. Manchmal nutzen auch Unternehmen diese Sehnsucht nach Sinn aus, versprechen keinen dicken Dienstwagen mehr, sondern machen sich die Motivation eines Menschen zunutze, um ihn über die Grenzen seiner Zeit und seiner Belastung hinauszutreiben. „Alles für die Firma“ stand auf seinem Grabstein. Subjektivierung stellt somit eine dritte Gefahr der Entgrenzung dar: eine Auflösung des Ich in fragwürdige Abhängigkeiten von eigenen Idealen einerseits und subtil-manipulativen Motivationstechniken andererseits.

Schließlich trägt noch ein vierter Faktor zum Aufweichen der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben bei: die Emanzipation. Die Emanzipation mit ihrer Auflösung der Geschlechterrollen hat in der Arbeitswelt einiges bewegt. In insgesamt drei historischen Phasen gelang es, die Rolle der Frau im Arbeitsprozess nicht nur zu verankern, sondern aufzuwerten und im Gegenzug die Rolle des Mannes für Vielfalt zu öffnen. In der ersten Phase dieser arbeitsbezogenen Emanzipation ging es noch um die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt selbst, zum Beispiel um die Schaffung von Teilzeitstellen für arbeitende Mütter.

In der zweiten Phase erweiterte man die gesellschaftliche Perspektive. Unternehmen wurden gedrängt, sich zu bewegen: betriebliche Kindertagesstätten zu schaffen, Arbeit ins Homeoffice zu verlagern und eine Personalentwicklung zu betreiben, die sich nicht mehr am klassischen Dreiklang aus Ausbildung, Berufstätigkeit und Rente orientiert, sondern an immer individuelleren Lebensabschnitten.


Die Sucht nach Selbstoptimierung

In der dritten Phase steht die Emanzipation des Mannes im Vordergrund. Männer sollen sich aktiver als bisher an der Kindererziehung beteiligen; manche Männer folgen auch bewusst dem Motto „Weniger Arbeit, mehr Freizeit“. Diesem Trend entgegen stehen immer noch der Mythos der produktiveren Vollzeitstelle (gegenüber Teilzeitmodellen), eine Unkultur des Präsentismus und der Druck von Chefs auf ihre männlichen Mitarbeiter, doch bitte nur die zwei Monate Alibi-Elternzeit zu nehmen. Sonst sei leider, leider die Karriere in Gefahr.

Die Emanzipationsbewegung trägt eine enorme Dynamik in traditionelle Rollenbilder hinein und stellt herkömmliche Modelle zur Arbeitszeit und zur Vereinbarkeit von Familie und Arbeit grundlegend infrage. Dieser sozial-disruptive Impuls löst die früher klar geregelte Trennung von Arbeit und Privatleben auf und fordert eine individuelle Alltags- und Arbeitsgestaltung offensiv heraus. Klassische Work-Life-Balance hat keine Zukunft mehr.

Globalisierung, Digitalisierung, Subjektivierung und Emanzipation sind die vier großen Treiber für den Untergang des bisherigen Konzeptes der Work-Life-Balance. Die Auflösung wirtschaftlich-geografischer Grenzen, kommunikativer Grenzen, subjektiver Grenzen der Entfaltung und geschlechtsspezifischer Rollengrenzen führen schließlich zu einem Reset, einer kompletten Neudefinition des Verhältnisses von Arbeit und Privatleben. Diese Neudefinition ist noch längst nicht abgeschlossen, im Gegenteil stecken wir immer noch in der Symptomanalyse und versuchen, Teillösungen für Teilprobleme zu finden.

Beispielsweise beantworten nach dem „Arbeitsbarometer 2015“ des Personaldienstleisters Randstad immerhin knapp die Hälfte der Befragten auch in ihrer Freizeit umgehend dienstliche Anrufe oder E-Mails. Randstad beschreibt dieses Phänomen mit dem Begriff „Work-Life-Blending“. „Blending“ statt „Balance“ bedeutet: Jede Biografie ist heute so individuell, dass der Einzelne selbst und für sich die Grenzen ziehen muss, denn die unterschiedlichen Bereiche seines Lebens sind zeitlich nicht mehr klar getrennt, sondern überlappen sich (engl. „to blend“). Somit zeichnet sich eine große Linie der neuen Lebensdynamik bereits ab: Wo institutionelle, organisatorische und kommunikative Grenzen fallen, muss der Mensch die Verantwortung für seine Gesundheit, seine psychische Dynamik und seine Balance übernehmen. Dieser Gewinn an persönlicher Freiheit muss Hand in Hand gehen mit der Fertigkeit der Selbstorganisation, der Entscheidungsfähigkeit und einem soliden Alltagsmanagement.

Nur mithilfe einer gewissen geistigen Klarheit übersteigt der Nutzen die Kosten dieser neuen Freiheit, können wir unsere berufliche und private Individualität ausschöpfen, ohne von den vielen Wahlmöglichkeiten, den permanenten Kommunikationsangeboten und unserer Sucht nach Selbstoptimierung überwältigt zu werden. Aber diese geistige Klarheit, diesen inneren Kompass muss man sich erarbeiten. Wir brauchen zumindest am Anfang ein gerüttelt Maß an mentaler Disziplin. Es kostet eben zunächst Kraft, achtsam nach innen zu schauen, bewusst Grenzen zu setzen und sich entschlossen für oder gegen bestimmte Dinge im Leben zu entscheiden.


Leute, die beim Sex ihre Mails checken

Ohne eine solche geistige Klarheit scheitert die Gestaltung von Arbeit und Leben, und zwar aus einem einfachen Grund: Wir kriegen unseren Kopf nicht mehr frei. Selbst wenn wir Fußball spielen, wenn wir unseren Kindern im Sandkasten zuschauen oder wenn wir einkaufen gehen, bleibt die Arbeit immer präsent. Und dabei muss nicht einmal das Smartphone in der Hosentasche klingeln. Viele Menschen berichten immer wieder vom kleinen Mann im Kopf, der von innen an ihre Stirn klopft und ruft: „Hast du an die Mail von Herrn Müller gedacht? Und was ist mit der Besprechung nächste Woche?“

Sie möchten einfach mal wieder ihre Ruhe – das gilt übrigens auch für die viel zitierte Generation Y. Hannes Grassegger schrieb dazu in der Zeit: „Kürzlich haben deutsche Arbeitgeberverbände gefordert, den Achtstundentag aus dem Arbeitsgesetz zu streichen, weil er angeblich ›Flexibilität‹ mindere. Ohnehin heißt es, die Generation der sogenannten Millennials interessiere sich besonders für die ›Work-Life-Balance‹. Das ist nichts als eine verlogene Verharmlosung der Tatsache, dass die Jungen verzweifelt auf der Suche nach 9-to-5-Jobs sind. […] Die Trennung von Arbeit und Freizeit, von Beruf und Privatleben ist vorbei. Der Kapitalismus kriecht nun in alle Ritzen. Es gibt Studien darüber, wie viele Leute mitten beim Sex kurz ihre Mails checken. Ergebnis: viele. Du wolltest Unabhängigkeit? Dann renn los! Die ganze Welt ist jetzt dein Office. Rund um die Uhr, als Dauerschicht.“

Nicht nur, dass Menschen auch einmal nicht erreichbar sein möchten. Physische Abschottung – wie sie manche Unternehmen bereits mit dem Abschalten der E-Mail-Server praktizieren – ist nur bedingt wirksam. Auch wenn man das Smartphone in den Kühlschrank legen würde, wäre man weiterhin unruhig. Die Arbeit und das Bewusstsein der besagten „Dauerschicht“ hat sich derart in das Alltagsdenken gegraben, dass man Gelassenheit und geistige Klarheit braucht, um wieder einen friedvollen Tag zu erleben, an dem man nicht an die Arbeit denkt.

Sogar wenn wir als Gesellschaft ab morgen flächendeckend um 17 Uhr die Bänder stoppen und die Bleistifte fallen lassen würden, hätten sehr viele von uns die ersten Wochen Entzugserscheinungen. Denn was sind wir schon ohne unsere Arbeit? Von daher gehört die Zukunft nicht einem starren Konzept wie Work-Life-Balance, sondern innerer Souveränität. Gelassene Entschlossenheit hilft uns, der Arbeit ihren geordneten Platz in unserem Leben zuzuweisen. Kommunikativ erreichbar sein, aber nicht daueralarmiert durch Telefon und E-Mail. Das eigene Leben in die Hand nehmen, ohne sich den Schneid abkaufen zu lassen. Das Gefühl der Sinnerfüllung, ohne von Organisationen oder Positionen emotional abhängig zu sein. Wir müssten nichts mehr ausbalancieren. Wir hätten unsere eigene Dynamik gefunden, im Hier und Jetzt. Von diesem Zustand sind wir allerdings individuell, wirtschaftlich und gesellschaftlich noch weit entfernt.

Bibliografie
MARKUS VÄTH
Arbeit – die schönste Nebensache der Welt
Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert
Mit einem Vorwort von Thomas Vollmoeller
256 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-86936-720-0
€ 24,90 (D)| € 25,60 (A)
Erscheint am 24.08.2016
GABAL Verlag, Offenbach 2016

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%