Bürgermeisterin will Straßen umbenennen: Madrid streitet über Franco

Bürgermeisterin will Straßen umbenennen: Madrid streitet über Franco

, aktualisiert 07. September 2016, 17:21 Uhr
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Madrids Bürgermeisterin Manuela Carmena hat mit ihrem Vorstoß alte Wunden aufgerissen. Denn auch 40 Jahre nach dem Tod des Diktators haben die Spanier ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer Vergangenheit.

von Sandra LouvenQuelle:Handelsblatt Online

Die neue Bürgermeisterin Madrids will Straßennamen aus Zeiten der Franco-Diktatur umbenennen. Die Debatte, die sie damit auslöst, zeigt das gespaltene Verhältnis der Spanier zu ihrer jüngeren Geschichte.

MadridIn der spanischen Hauptstadt Madrid erregt in diesen Tagen nicht nur die wieder gescheiterte Regierungsbildung die Gemüter. Die Hauptstadt diskutiert auch die Folgen einer längst vergangenen politischen Epoche: Madrids linke Bürgermeisterin Manuela Carmena will Straßen, die Namen aus der Ära der Franco-Diktatur haben, umbenennen. Die Auswahl der Straßen und die Aktion per se führen zu hitzigen Debatten.

Die neue Bürgermeisterin, die ein Bündnis unter Beteiligung der linkspopulistischen Partei Podemos vertritt, hat mit ihrem Vorstoß Wunden aufgerissen, die in Spanien auch 40 Jahre nach dem Tod des Diktators noch nicht verheilt sind. Die Spanier haben ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer jüngeren Vergangenheit, das Land hat sie nie richtig aufgearbeitet. „Franco hat 40 Jahre lang regiert, viele ältere Spanier sehen ihn nicht nur als Diktator, sondern als Teil ihres Lebens“, erklärt José Faraldo, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Complutense in Madrid. „Und einige denken, dass es richtig war, was Franco getan hat.“

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Der Diktator hat Schätzungen zufolge über 100.000 tatsächliche oder vermeintliche Regime-Gegner töten lassen. Als Francisco Franco 1975 starb, wollte Spanien das Land nicht in Sieger und Besiegte teilen. In der so genannten „transición“, der Übergangszeit zur Demokratie, einigte man sich darauf, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Zu frisch waren die Erinnerungen an den Bürgerkrieg, den der Putsch Francos 1936 gegen die junge spanische Republik ausgelöst hatte – und bei dem Nachbar gegen Nachbar und Bruder gegen Bruder gekämpft hatten.

Zwar arbeiteten Historiker die Epoche auf, aber in Schulen fand die Zeit jahrelang kaum Eingang in den Lehrplan. Auch an öffentlichen Plätzen wie der Basilika, die sich Franco noch zu Lebzeiten im Tal der Gefallenen in den Bergen bei Madrid errichten ließ, fehlt jeder Hinweis darauf, dass das riesige Mausoleum von Zwangsarbeitern und politischen Gefangenen erbaut worden ist.


Gesetz zur „Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses“

Dabei hat der sozialistische Ministerpräsident Luis Zapatero bereits im Jahr 2007 das Gesetz zur „Wiedererlangung des historischen Gedächtnisses“ erlassen. Dieses erkennt die Rechte der Menschen an, die unter dem Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur gelitten hatten. Das Gesetz impliziert auch, dass Symbole und Monumente, die von einem der kriegsführenden Lager stammten, entfernt werden. Das betraf 2007 fast nur noch franquistische Statuen oder Straßennamen. Doch passiert ist seitdem nicht viel.

„Das Gesetz hat den lokalen Behörden viele Freiheiten gelassen“, erklärt Historiker Faraldo. In den Regionen, wo die konservative Partido Popular (PP) stark war, sei deshalb nichts passiert. „Die PP sei eine Art Nachfolgepartei der Franco-Zeit“, sagt Faraldo. Die Partei, deren Chef Mariano Rajoy seit acht Monaten versucht, eine neue Regierung zu bilden, ist aus der Alianza Popular hervorgegangen, die 1976 von dem früheren Tourismusminister Francos gegründet wurde.

Als Carmena im vergangenen Frühjahr in Madrid an die Macht kam, nahm sie sich die franquistischen Straßen gleich vor. Doch einfach ist eine solche Aktion bis heute nicht: Eine zunächst eingesetzte Arbeitsgruppe erstellte eine Liste mit zu tilgenden Straßennamen, auf der auch Künstler wie der Maler Salvador Dalí standen.

Die Liste wurde noch im Stadium des Entstehens so heftig kritisiert, dass Carmena eine andere Kommission beauftragte.
Diese hat jetzt 27 von insgesamt 200 Straßennamen ausgewählt, die in einem ersten Schritt geändert werden sollen. Doch auch diese Entscheidung erregt die Gemüter. „Das ist ein finsterer Versuch, die Wunden wieder zu öffnen, die durch eine freiwillige Übereinkunft geheilt worden waren“, schimpfte Esperanza Aguirre, Sprecherin der PP im Madrider Rathaus jüngst bei einer Sitzung über die Namen. „Per Gesetz ein Gutachten darüber zu erstellen, wie die Geschichte war und wie ihre Protagonisten bewertet werden sollen, ist ein Akt des Totalitarismus des Sowjetstaates, nach dem sich einige von Ihnen vielleicht sehnen.“

Historiker Faraldo wundern solche Vorwürfe nicht. „Ich habe viel zu dem Thema geforscht und zuerst habe ich gedacht, mit der Zeit wird man sich einigen“, sagt er. „Aber der Dialog wird immer schwieriger, ich habe keine Ahnung, wie eine richtige Aufarbeitung gelingen soll.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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