Bund-der-Versicherten-Chef Kleinlein: „Jetzt nicht in Hysterie verfallen“

Bund-der-Versicherten-Chef Kleinlein: „Jetzt nicht in Hysterie verfallen“

, aktualisiert 14. März 2016, 12:32 Uhr
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Die Niedrigzinspolitik macht es Versicherern schwer, am Kapitalmarkt Geld zu verdienen. Nicht selten kündigen Kunden ihre Verträge wegen der niedrigen Erträge.

von Kerstin LeitelQuelle:Handelsblatt Online

Die EZB lockert die Geldpolitik noch weiter – das erhöht den Druck auf die Marge der Versicherer. Axel Kleinlein erklärt, wieso Versicherungen zwar noch zur Absicherung dienen, nicht aber als Sparprodukt.

MünchenAxel Kleinlein beschäftigt sich als Chef der Organisation Bund der Versicherten tagtäglich mit dem Thema Versicherungen und ist in der Branche als scharfer Kritiker bekannt. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erklärt er, was Versicherungskunden nun nach dem Schritt der Europäischen Zentralbank tun sollten – und was lieber nicht.

Was bedeutet die erneute Senkung der europäischen Leitzinsen durch die EZB für Versicherungskunden?
Man sollten jetzt nicht in Hysterie verfallen und seine Versicherung vorschnell kündigen. Aber man sollte schon überprüfen, ob sich die Versicherung noch lohnt. Das Urteil dazu kann von Vertrag zu Vertrag unterschiedlich ausfallen. Generell lässt sich aber sagen, dass alle Versicherungen mit denen man sparen will – etwa Policen für die private Altersvorsorge wie Lebensversicherungen, Riester-Renten – durch den Schritt der EZB noch unattraktiver geworden sind.

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Sie haben schon früher zuvor derartige Produkte kritisiert…
In der privaten Altersvorsorge sind schon seit einigen Jahren die fatalen Folgen der Niedrigzinspolitik spürbar. Die Renditen, die die Versicherer zahlen, sinken schon lange. Der jüngste Schritt der EZB stellt somit zwar nur eine Fortsetzung einer langen Entwicklung dar, mit den Nullzinsen wurde nun aber ein historischer Moment erreicht: Sparen lohnt sich gar nicht mehr. Jetzt wird die Gesamtverzinsung vieler Versicherungsprodukte weiter sinken und damit auch die Attraktivität solcher Produkte.

Sind die neuartigen Lebensversicherungspolicen ohne Garantiezins, die viele Versicherer anbieten, eine Alternative?
Nein. Denn diese neuartigen Angebote eint eigentlich nur, dass sie oft besonders intransparent sind und zusätzliche Risiken auf den Kunden abwälzen. Wenn die Zinsen niedrig sind, dann kann man kapitalgedeckt eben auch mit solchen Produkten nur wenig erwirtschaften. Da hilft keine neuartige komplizierte Produktkonstruktion.


„Neue Konzepte für die Bürger entwickeln“

Also sollte man jetzt gar keine Versicherungen mehr kaufen?
Zur Risikoabsicherung schon. Aber eben nicht als Sparprodukt.

Wie groß ist das Risiko, dass mein Versicherer nun pleitegeht?
Da habe ich keine Angst. Die Unternehmen haben viele Sicherheitsnetze eingezogen, und für die Branche gibt es die Auffanglösung Protektor. Man muss man sich also keine Sorgen machen, dass seine Versicherungspolice wertlos ist – aber die Verzinsung auf die eingezahlten Beiträge sinkt eben weiter. Die Unternehmen müssen sich den Vorwurf machen lassen, dass sie keine Lösungen für die private Altersvorsorge bieten. Da ist die Politik gefordert, neue Konzepte für die Bürger zu entwickeln.

Was für Konzepte könnten das sein?
Wir verfolgen mit großem Interesse Initiativen die Diskussionen um die von Land Hessen vorgeschlagene Deutschland-Rente, die Idee Sozialkonto oder Vorsorgekonto. Besonders letzteres ist ein erster Ansatz, den man weiterdenken sollte.

Herr Kleinlein, danke für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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