Bundesbank und Europäische Zentralbank: Weidmann sieht keine „Enteignung“ der Sparer

Bundesbank und Europäische Zentralbank: Weidmann sieht keine „Enteignung“ der Sparer

, aktualisiert 29. April 2016, 12:27 Uhr
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Der Bundesbank-Präsident macht keine Hoffnung auf bald steigende Zinsen auf Erspartes.

Quelle:Handelsblatt Online

Je schärfer Angriffe auf EZB-Präsident Mario Draghi werden, desto mehr rückt ein bislang scharfer Kritiker an seine Seite: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Der erkennt in Niedrigzinsen keinen Angriff auf Sparer.

MünchenBundesbank-Präsident Jens Weidmann verteidigt die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) unter deren Chef Mario Draghi gegen Angriffe aus der Politik. „Es ist Aufgabe der Notenbanken, die Menschen vor Inflation zu schützen. Eine Mindestrendite für Sparer können sie nicht versprechen“, sagte Weidmann am Freitag in München laut dem veröffentlichten Redetext.

Die Geldentwertung durch Inflation sei gegenwärtig so gering, dass die reale Verzinsung von Spareinlagen über null liege und damit höher als in den 1970er-Jahren und auch in den Jahren 2011 bis 2014. Kritiker hatten der EZB eine „Enteignung“ deutscher Sparer vorgeworfen.

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„Natürlich kann ich die Sorgen der Sparer nachvollziehen, die derzeit auf ihre sicheren Anlagen kaum oder keine Erträge erhalten“, erklärte Weidmann, der im EZB-Rat über die Geldpolitik mitentscheidet. „Allerdings ist gleichzeitig die Entwertung des Geldes durch die Inflation so gering, dass die reale Verzinsung von Spareinlagen über null liegt.“

In den vergangenen Tagen hatte auch EZB-Präsident Draghi auf eine Studie der Bundesbank hingewiesen, wonach die von Sparern erzielte reale Rendite (also eingestrichene Zinsen abzüglich der Inflation) auch in der Vergangenheit schon zeitweise niedrig war und durchaus auch niedriger als in den letzten Jahren. Die reale jährliche Gesamtrendite der privaten Haushalte über alle Sparformen hinweg lag laut Bundesbank von 2008 bis Anfang 2015 im Mittel bei 1,5 Prozent.

„Wir alle sind (...) nicht nur Sparer, sondern auch Arbeitnehmer, Häuslebauer, Steuerzahler und Unternehmer - und aus dieser Perspektive erscheinen die niedrigen Zinsen nicht nur negativ“, fügte Weidmann hinzu. Draghi hatte in dieser Woche in einem Zeitungsinterview darauf hingewiesen, dass es auf der Suche nach Rendite auch Alternativen zu kaum verzinsten Anlageformen wie Sparbüchern gebe. (Unsere Redaktion hat einige Ideen für mehr Rendite zusammengestellt – mit Berücksichtigung der Risiken)


0,05 Prozent Zinsen gelten als „Geschenk“

Für Banken ist es derzeit eine große Herausforderung, Zinsen auf Spargelder oder Girokonto-Guthaben zu zahlen. Denn früher wirtschafteten sie mit dem Geld der Kunden und konnten so viele Dienstleistungen kostenlos anbieten. Mittlerweile jedoch müssen Banken bei der EZB für eigene Guthaben Posten Strafzinsen in Höhe von 0,4 Prozent zahlen (negativer Einlagezins). Daher seien derzeit schon „0,05 Prozent Zinsen ein Geschenk“, so Arno Walter, Vorstandschef der Direktbank Comdirect im Gespräch mit dem Handelsblatt. Viele Banken reagieren auf die Situation nicht nur mit sinkenden Zinsen auf Erspartes, sondern erhöhen auch die Gebühren etwa für die Kontoführung.

Der Bundesbank-Präsident mahnte die Politik erneut, bessere Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt sowie auf den Güter- und Produktmärkten zu schaffen. „Je eher Strukturreformen greifen, desto eher gelingt der Ausstieg aus der ultra-lockeren Geldpolitik“, so Weidmann. „Es wäre fatal, wenn sich die Politik auf die kurzfristigen Wirkungen der ultra-lockeren Geldpolitik verlassen und darüber das Reformieren vergessen würde.“

Die Inflation im Euro-Raum ist seit Monaten im Keller, im April lag sie bei minus 0,2 Prozent, wie das Europäische Statistikamt am Freitag auf Basis vorläufiger Daten mitteilte. Dauerhaft niedrige oder gar sinkende Preise gelten als Konjunkturrisiko.

Die EZB strebt daher mittelfristig eine Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent an - weit genug entfernt von der Nullmarke. Um dieses Ziel zu erreichen, senkte die EZB den Leitzins auf null Prozent und flutet die Märkte mit billigem Geld.

Quelle:  Handelsblatt Online
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