Bundestagswahl: Auf Ströbeles Spuren in Kreuzberg

Bundestagswahl: Auf Ströbeles Spuren in Kreuzberg

, aktualisiert 14. September 2017, 11:03 Uhr
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Nach der Wahl soll sie Hans-Christian Ströbele im Bundestag beerben.

Quelle:Handelsblatt Online

Kreuzberg ohne Ströbele? Schwer vorstellbar. Notgedrungen setzen die Grünen bei der Bundestagswahl in ihrer Hochburg auf einen Generationenwechsel. Eine Anwältin soll es richten. Und setzt schon mal ein Ausrufezeichen.

BerlinEs gibt so Tage, da ändern sich Dinge schlagartig. Für Canan Bayram war der 16. Juni so ein Tag. Beim Parteitag der Grünen knüpfte sich die Berliner Partei-Linke die beiden Spitzenkandidaten Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt vor. Eine Rentnerin habe ihr gesagt, das grüne Spitzenduo für die Bundestagswahl erinnere „weniger an Grüne als an Ortsverein-Vorsitzende der CDU“. Dann bekam auch noch Boris Palmer sein Fett weg, dessen Thesen zur Begrenzung der Zuwanderung polarisieren. Der möge doch „einfach mal die Fresse halten“, befand Bayram - und wurde plötzlich bundesweit bekannt.

„Das war gerechter Zorn“, sagt die 51-jährige Anwältin, die seit elf Jahren im Berliner Abgeordnetenhaus Landespolitik macht und erst über die SPD den Weg zu den Grünen fand. „Wenn ich etwas ungerecht finde, werde ich emotional. Aber ich muss ja auch nicht jedem gefallen.“

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Damit liegt sie schon ganz auf der Linie der grünen Lichtgestalt Hans-Christian Ströbele (78), den sie am 24. September im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg beerben will. Eine echte Aufgabe: Es geht um nicht weniger, als das bundesweit einzige Direktmandat für die Grünen zu verteidigen. Ströbele holte es vier mal hintereinander.

Bayram spricht von einer „Ehre“. Als sie bei der Abgeordnetenhauswahl vor einem Jahr wieder in das Landesparlament einzog, sei der Bundestag für sie kein Thema gewesen. Sie bezeichnet sich als „sozial und empathisch“, als „Fan von Rot-Rot-Grün in Berlin“, handelte den Koalitionsvertrag mit aus, fungiert als Sprecherin ihrer Fraktion für Rechtspolitik sowie für Integration und Flüchtlinge.

Doch als Ströbele seinen altersbedingten Rückzug ankündigte, „da kam die Anfrage“, sagt sie. „Ich habe mit vielen darüber gesprochen, wie ich was beitragen kann. Und dann irgendwann gesagt: Das gehe ich an.“ Ob Mietenpolitik oder Bleiberecht für Flüchtlinge - auf vielen Themenfeldern seien die Möglichkeiten der Landespolitik begrenzt.

Bayram wird 1966 in Malatya im Osten der Türkei geboren und kommt mit sechs Jahren nach Deutschland. Der Vater Lehrer, die Mutter in der Fabrik, vier Geschwister. Kindheit und Jugend verlebt sie am Niederrhein, macht eine kaufmännische Lehre, holt in der Abendschule das Abitur nach. „Mir sind auch nichtakademische Kreise bekannt“, sagt sie. „Ich weiß, was arbeiten heißt, ich weiß, was Fleiß heißt.“

Nach Politik- und Jura-Studium arbeitet Bayram zunächst in mehreren Ministerien, ehe sie 2003 nach Berlin kommt und eine Anwaltskanzlei für Familien- und Ausländerrecht eröffnet. Sie lebt und arbeitet in Friedrichshain, nicht im benachbarten Multikulti-Hotspot Kreuzberg, wo der 68er und Ex-RAF-Anwalt Ströbele seine politischen Wurzeln hat.

„Ich wollte unbedingt in den Osten“, sagt sie. Seither kämpft sie gegen Mieterverdrängung und den Wandel ihres einst linksalternativ angehauchten Stadtteils zu einem von Akademikern und Touristen dominierten Kiez. Nun macht Bayram in beiden Stadtteilen Wahlkampf. Ihre größten Herausforderer dürften die Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe (SPD), die ebenfalls türkische Wurzeln hat und in Kreuzberg aufwuchs, sowie der Linke Pascal Meiser sein.

Auf die Migrantenkarte setzt Bayram nicht: „Das würde nur in Kreuzberg funktionieren.“ Sie will mit Themen überzeugen, plakatiert „Bayram wählen, SpekulantInnen quälen“. Am liebsten würde sie Immobilien- und Mietspekulanten enteignen. Zu radikal? „Als die ersten Leute Atomkraftwerke abschalten wollten, dachten auch alle, die sind verrückt.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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