Business-Outfit: Bloß nicht auffallen

Business-Outfit: Bloß nicht auffallen

, aktualisiert 29. Juli 2016, 12:28 Uhr
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"Kleidung ist wie Mimik und Gestik Teil unserer nichtverbalen Kommunikation", sagt Expertin Mayer.

von Jan GuldnerQuelle:Handelsblatt Online

Kleider machen nicht nur Leute, sie erleichtern auch die Karriere. Dunkler Anzug oder Kostüm in gedeckten Farben sind für viele Mitarbeiter auch Protektion. Denn wer sich optisch anpasst, sticht seltener negativ hervor.

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Es gibt Dinge, mit denen man als leitender Angestellter bei einem firmeninternen Überlebenstraining eher nicht rechnet. Zum Beispiel mit der zweifelhaften Ehre, nach einem Tag in der Wildnis am Lagerfeuer den Preis als am schlechtesten angezogener Manager zu gewinnen. Das Training, das das Führungsteam eigentlich zusammenschweißen sollte, endete so mit einem blamierten Kollegen. „Der Gewinner stand da wie ein begossener Pudel“, erinnert sich Stilberaterin Ulrike Mayer an das unschöne Erlebnis eines Kunden. „Sein Selbstbewusstsein sackte in den Keller.“

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Mayers Job war es dann, sein Ego wieder aufzubauen – mit der richtigen Garderobe. Sie ist Textilwirtin, hat ein Maßkleidungsatelier und berät Unternehmen und Angestellte in Sachen Outfit und Karriere. Mayers erster Schritt bei der Beratung: Sie lässt sich einen Querschnitt des Kleiderschranks ihrer Klienten präsentieren. Beim wenig stolzen Besitzer des Worst-dressed-Awards sei dort tatsächlich nicht mehr viel zu retten gewesen.

Ein Risiko für seinen beruflichen Aufstieg, denn: „Kleidung ist wie Mimik und Gestik Teil unserer nichtverbalen Kommunikation“, sagt Expertin Mayer. Nachdem sie seine textilen Karrierehindernisse ausgemistet und ihm die Grundlagen der Geschäftskleidung vermittelt hatte, ging er auf Shoppingtour. „Er hat dann einen Rundumschlag gemacht und sich neue Anzüge, Hemden und Krawatten zugelegt“, erklärt Mayer. „Key pieces“ nennt sie die. Der neue Look kam besser an. Von einer weiteren Auszeichnung ist nichts bekannt.

Jede Branche hat eigenes Regelwerk Kleider machen nicht nur Leute, sie machen zugleich Karrieren - oder verhindern selbige. Dem Einheitslook im Unternehmen kann man so tatsächlich auch etwas abgewinnen: Der Dresscode ist für viele auch ein Schutzmechanismus, denn wenn jemand seine Kleidung frei wählen muss, ist die Gefahr größer, negativ aufzufallen.


Kleidung wird zum Karrierhelfer

Damit wird Kleidung zum Karrierehelfer, auch wenn das nur ungern zugegeben wird. Wenn man den Chef beindrucken will, dann doch mit guter Arbeit, die das Unternehmen voranbringt, und nicht etwa, weil man zum gleichen Schneider geht. Und auch Vorgesetzte lassen sich nicht gerne sagen, sie würden ihre Leute anhand von Äußerlichkeiten beurteilen oder gar bevorzugen.

Das gilt insbesondere in einer Zeit, in der auch Konzernlenker schon mal auf Turnschuhe umsteigen und die Krawatte im Schrank lassen. Und doch ist es Alltag: Wer mit bunt gemustertem Hemd oder zu kurzem Rock auffällt, wird nicht als fleißiger, integrer Kollege, sondern im schlechtesten Fall nur als mies angezogener abgespeichert, der aber auch gar nichts auf die Reihe bekommt.

Ob man aber als gut oder schlecht gekleidet gilt, hängt nicht nur vom eigenen Stil ab, sondern vor allem davon, wie sich der Rest der Firma kleidet. „Es gibt in vielen Unternehmen sehr ausgefeilte Dresscodes, die sozial vermittelt werden, ohne explizit ausformuliert zu werden“, sagt Guido Hertel, geschäftsführender Direktor des Instituts für Psychologie an der Universität Münster.

Jede Branche und jede Firma hat dabei ihr eigenes Regelwerk. Ist es also sinnvoll, sich einfach sklavisch dran zu halten? Um diese Frage zu beantworten, muss man den Code überhaupt erst einmal entschlüsseln, denn nur in den seltensten Fällen ist er explizit niedergeschrieben. Eine bekannte Ausnahme war das 43 Seiten umfassende Stilbuch der Schweizer Bank UBS, das im Jahr 2010 ans Licht kam und von vielen Beobachtern mit Häme bedacht wurde.

Darin konnten angehende Banker nachlesen, wie man potenzielle Kunden mit einem gepflegten Auftritt überzeugt. Geregelt wurde nicht nur die Anzugfarbe der Männer (dunkelgrau, marineblau oder schwarz) oder die Rocklänge bei Frauen (bis zur Mitte des Knies), sondern auch die Farbe der Unterwäsche (hautfarben) und die Länge der Socken (beim Sitzen darf man keine Haut sehen). Was nach eidgenössischer Überkorrektheit klingt, hatte für die Bank jedoch einen tieferen Sinn.


Kleidungskultur wird vom Vorstand vorgelebt

Die Kunden sollten sofort wissen, dass sie sich in einer UBS-Filiale befinden, sagte damals ein Sprecher. Die Kleidung der Angestellten gehört eben auch zum Außenauftritt. In Unternehmen, in denen es keine solche Stilfibel gibt, gilt für neue Mitarbeiter vor allem eines: Augen auf.

Vor dem Vorstellungsgespräch hilft ein Blick auf die Firmenhomepage und in Firmenvideos. Tragen alle schwarzen Anzug, weißes Hemd und rote Krawatte, dann macht man mit der gleichen Kombination keinen Fehler. Die Kleidungskultur wird zudem oft vom Vorstand vorgelebt. Beraterin Ulrike Mayer beobachtet das regelmäßig, wenn sie für Unternehmen Stilschulungen gibt. Ein Manager einer großen Bank trug zum Beispiel gerne braune statt schwarze Schuhe zum Anzug. Viele Mitarbeiter imitierten diesen leichten Stilbruch. Gerade für neue Mitarbeiter sei es sinnvoll, zunächst die vorherrschende Kleidungsnorm zu übernehmen.

„Ähnlichkeit hilft bei der Akzeptanz“, sagt Guido Hertel. Und mit ähnlicher Kleidung signalisiert man: Ich gehöre dazu. Argumente für die Konformität kommen auch aus der Stressforschung. Ein wichtiger Faktor, der den Umgang mit Stress erleichtert, ist die Unterstützung durch Freunde und Kollegen. Das funktioniere vor allem dann, wenn man das Gefühl hat, sich mit Unterstützern zu identifizieren, so Hertel. Und dabei helfen eben auch Jacke und Hose. Ihren Kunden rät auch Svenja Hofert zur Anpassung. „Auch wenn man sich damit nur verkleidet, sollte man sich anpassen“, sagt sie, „denn wer konform geht, hat in gewisser Weise die Unternehmenstarnkappe auf.“

So kann man sich eher einen Ausrutscher erlauben, als wenn man sowieso schon den Stempel des Unangepassten und Regelbrechers hat. Der Druck, sich anpassen zu müssen, existiert dabei nicht nur in den klassischen Anzug-und-Kostüm-Branchen. Klar gibt es Konzerne, bei denen es für Absolventen des Nachwuchsförderungsprogramms schwer wird mit der Karriere, wenn sie kein hellblaues Hemd tragen.

Aber auch in einer Werbeagentur kann die gelebte Unangepasstheit zum Dresscode werden. Wer dann nicht in hippen Sneakers oder Karohemd zur Arbeit kommt, gehört genauso wenig dazu. Der Bruch mit dem Dresscode kann sich demnach als riskant erweisen. „Eine Kleiderordnung erfüllt eine bestimmte Funktion, sie sorgt zum Beispiel für Zusammenhalt. Außerdem zeigt sie, je nach Branche, wer in der Hierarchie höher steht und wer damit das Sagen hat“, sagt Psychologieprofessor Hertel.


Im Anzug wird härter verhandelt

Kleidet sich ein Kollege absichtlich auffälliger als der Vorgesetzte, kann das auch als subtiles Untergraben der Autorität angesehen werden. Ist also gar kein bewusstes Brechen mit der Konvention erlaubt? Doch, in kleinen Details kann das als Ausdruck von Persönlichkeit im uniformierten Geschäftsalltag durchgehen. Bunt gemusterte Socken, eine besondere Uhr oder eine ausgefallene Brille werden den Aufstieg im Zweifel nicht verhindern. Übertreiben sollte man es aber nicht.

„Hierarchie kann sich auch dadurch ausdrücken, dass sich jemand in Details nicht an die Konventionen hält. Diesen Ausdruck von Status und Erfolg muss man sich aber erst verdienen“, sagt Guido Hertel. Wer sich als Berufsanfänger Ähnliches anmaße, könnte dagegen Konsequenzen zu spüren bekommen. „Das ist ein Statement“, so Hertel. „Man signalisiert, dass man nicht bereit ist, sich an die Regeln der Organisation zu halten.“

Bei Vorgesetzten können dadurch unterbewusst Fragen aufkommen: Zum Beispiel die, ob man diesem Mitarbeiter überhaupt vertrauen kann oder ob er seine Arbeit wirklich sorgfältig und gemäß der Firmenstandards erledigt. Wem das als Argumente noch immer nicht reicht, den könnte die Forschung überzeugen: Kleidung ändert nicht nur die Fremd-, sondern auch die Selbstwahrnehmung. Man schlüpft in Anzug und Kostüm und damit in eine Rolle. „Eingekleidete Kognition“ nennen das die Psychologen Hajo Adam und Adam Galinsky von der amerikanischen Northwestern University. In einem Experiment ließen sie Probanden einen Arztkittel anziehen, bevor sie einen Test absolvierten.

Wer den Arztkittel trug, war aufmerksamer und konnte diese Aufmerksamkeit auch länger aufrechterhalten. Das gilt auch für edlen Zwirn: Michael Kraus von der Yale School of Management ließ mehr als 120 Probanden in einem Experiment um den Verkauf einer fiktiven Fabrik verhandeln. Ein Teil der Verhandler trug dabei einen Anzug, ein anderer Teil Jogginghose. Die Anzugträger waren selbstbewusster, verhandelten härter und wichen im Experiment um einen wesentlich geringeren Betrag von ihrem Startgebot ab. Der gut sitzende dunkle Anzug oder das geschmackvolle Ensemble mögen für viele im Büroalltag eine Art Verkleidung sein. Aber eine, die funktioniert.

Quelle:  Handelsblatt Online
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