Cadillac CTS-V im Handelsblatt-Test: America is great again

Cadillac CTS-V im Handelsblatt-Test: America is great again

, aktualisiert 15. Juni 2017, 08:58 Uhr
Bild vergrößern

Übersehen kann man diesen amerikanischen Herausforderer des BMW M5 oder des Mercedes-AMG E 63 kaum. Die Business-Limousine, die technisch gewaltig auf Sport getrimmt wurde, zeigt auch optisch eine leicht aggressive Präsenz. Für einen Cadillac ist das eher ungewöhnlich.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Gute Nachrichten aus Amerika, die sind in diesen Tagen selten. Es sei denn, man ist V8-Freund und hat 100.000 Euro übrig. So kann man sich einen Cadillac leisten, der in puncto Power und Präzision eine exotische Waffe ist.

DüsseldorfDas Kürzel „CTS-V“ wird selbst unter den Fans potenter amerikanischer V8-Fahrzeuge die ein oder andere gerunzelte Stirnfalte hervorrufen. Ein Cadillac, der auf Supersportler macht? Ausgerechnet vom Erfinder des überlangen, sanft im Fahrwerk schaukelnden Town Cars? Kann das funktionieren?

Ja, und die Leistungsdaten sprechen eher dafür als die klassische Limousinen-Karosserie es vermuten lässt: Der 6,2-Liter V8 unseres strahlend weißen Testwagens kommt aus der Corvette, wurde sogar noch um einen leistungsfördernden Kompressor ergänzt. 649 PS und 855 Newtonmeter Drehmoment fallen über die Reifen her, Spitze 320 km/h ist drin, und 3,7 Sekunden für den Sprint von Null auf 100 km/h, versprechen die Amis. Das ist doch mal eine Ansage.

Anzeige

Wer auf die amerikanische Website von Cadillac geht, bekommt Klartext zu diesem Auto, das in Deutschland als absoluter Exot gelten darf: „Arm yourself with power and precision ...“, heißt es da, und es ist kein bisschen übertrieben. Dieses Auto ist eine scharfe Waffe. Präzise, und so explosiv, dass ängstlichere Gemüter besser die Finger davon lassen.

Formal gesehen mag der CTS-V eine Limousine der oberen Mittelklasse sein, mit viel Luxus an Bord, vier Türen, klassischem Kofferraum-Heck. Wenn da nicht die vielen schwarzen Karbonteile unmissverständlich andeuten würden: Vorsicht, der kann auch richtig böse werden. Einige finden das prollig. Ich sage, der darf das.

Emotionaler ausgedrückt ist der Cadillac CTS-V der leistungsstärkste und renntauglichste Serienwagen, den die Amerikaner bisher auf öffentliche Straßen gebracht haben, und für 98.500 Euro Basispreis (Testwagen: ab 104.600 Euro) ist er noch nicht mal exotisch bepreist.

Eine feine Achtgang-Automatik ist an Bord, es könnten aber ruhig auch neun oder zehn Gänge sein, die Kraft dafür ist im Überfluss vorhanden. Zwar hat der Wagen weder einen Komfort-, noch einen Eco-Fahrmodus, aber die Schaltung scheint intuitiv zu spüren, wann uns nach welchem Fahrverhalten zumute ist. Wer das Gaspedal nur streichelt, wird erstaunt fast unmerkliches Hochschalten bei 1200 bis 1400 Umdrehungen wahrnehmen, so lässt es sich wunderbar entspannt cruisen.

Doch das Gebrabbel der unüberhörbaren Auspuffanlage deutet selbst in der 30er-Zone an, das unter der Motorhaube eine Bestie schlummert, und die möchte von der Leine. Ein bisschen mehr Druck aufs Pedal, und die Automatik schaltet zwischen 3000 und 4000 Touren rauf, schon liegt mehr Leistung an der Kurbelwelle an, als jeder koreanische Kleinwagen überleben würde.

Wer großen Sport will, wählt in der Mittelkonsole per Knopfdruck aus einem der vier Fahrmodi (Tour, Sport, Track und Snow) aus, und greift darüber hinaus vielleicht sogar noch über die perfekt sitzenden Schaltwippen hinterm Lenkrad ins Geschehen ein. Wirklich nötig ist das aber im Alltag so gut wie nie, die Automatik macht stets alles richtig.

War die harte, aber herzliche Sitzschale anfangs etwas eng, so haben wir schnell gelernt: Einfach mal herzhaft aufs Gas steigen. Die verformbare Körpermasse wird garantiert so tief ins fein gelochte schwarze Leder gepresst, dass sie sich dem Recaro-Sportgestühl schlagartig perfekt anpasst. In Kopf und Körper passiert zu der Zeit folgendes: Tritt aufs Gas, Hirnmasse schwappt im Schädel nach hinten, Adrenalinausstoß, feuchte Hände, Stoßatmung, Tunnelblick.

Kurz vor dem vegetativen Overkill ein Tritt auf die Bremse, Hirnmasse schwappt zurück auf Defaultstellung, der Fahrer atmet und schluckt wieder. Aber nun mit einem ins Gesicht zementierten Grinsen, von dem man noch den Enkeln berichten kann.

Wie auch vom Gekreische der fetten Bereifung, die nicht einfach nur quietschen, sondern sekundenlang laut um Hilfe schreien kann. Das ist unbezahlbar, für alles andere haben wir Mastercard. Also zum Beispiel für die Tankrechnung.


Der schiebt, und schiebt, und schiebt

Die Kehrseite der Unvernunft, Sie ahnen es, das ist ein Verbrauch der Superlative, der jeden Tankstellenbesitzer begeistert die Cadillac-Fahne hissen lässt: Bei kommoder Fahrt auf der Autobahn schaffen wir 14 Liter, mit ein bisschen Spaß werden es aber auch gerne mal 23,7.

Wenn wir beispielsweise Lust haben, den Premiumdränglern der einschlägig bekannter teutonischer Marken in ihren Dienstwagenkombis ein ungläubiges Staunen ins Gesicht zu zaubern. Ja, der Tacho reicht bis 320 km/h, und nein, der Wagen hat eben so wenig eine Tempoabregelung wie eine Start-Stopp-Automatik. Und wer bei Tempo 240 den Gasfuß senkt, der kann kaum fassen, wie scheinbar unendlich der CTS-V dann immer noch schiebt, und schiebt, und schiebt.

Doch auch im Stand schindet der Cadillac Eindruck. Vorne prangt der markentypische, riesige Kühlergrill - in „Black Chrome“ - zwischen den aufrecht-schmalen und selbstbewusst Kante zeigenden Tagfahrleuchten, die Passanten förmlich zum Hingucken zwingen. Für den Geschmack der hiesigen Dorfjugend gut gelungen sind die Tuningteile, die uns respektvolles Nicken von schräg sitzenden Baseballkappen einbringen.

Cadillac nennt es schlicht das „Carbon Black Paket“ (ab 104.600 Euro): Weit vorgeschobene Frontspoilerlippe, die gefährlich nah dran ist, hohe Bordsteine zu küssen, dunkle Streben, wie Gefängnisgitterstäbe fürs unartige Triebwerk in der Motorhaube eingelassen und ein fast schon dezenter Heckspoiler kommen in Karbonschwarz, was einen auffallenden Kontrast zur weißen Lackierung darstellt und perfekt zu den mattschwarzen 19-Zoll-Walzen passt, die die Radkästen bis hart an den Rand füllen.

Ein echter Hingucker innen ist das kleine gekühlte Geheimfach, das Platz für Smartphone, Geldbörse und ähnliches bietet, und hinter den unteren Bedienknöpfen in der Mittelkonsole verborgen ist. Wenn die Klappe zum ersten Mal hochschwenkt, denkt der Betrachter, das ist ja cool, wie sind die denn darauf gekommen. Nun, es war eigentlich ganz einfach, die Idee kommt aus der Corvette, so wie der Motor.

Doch die optische Protzerei der Power-Limo würde nicht zum Markenanspruch Cadillacs, wenn man nicht auch Technik vom allerfeinsten an Bord hätte. Immerhin besetzt die Marke ja traditionell das automobile Oberhaus im GM-Konzern.

Beispielsweise hat uns das vom Hersteller selbst entwickelte Magnetic-Ride-Fahrwerk im CTS-V noch besser gefallen, als im ebenfalls getesteten CT6. Weil es mit seiner trockenen Art einfach besser zu einem Fahrzeug passt, das keinen Komfortmodus kennt, aber dennoch keine übertrieben harten Schläge austeilt.


Feine Technik an Bord

Weil wir mit dem Testwagen im wärmsten März seit Beginn der Wetteraufzeichnung unterwegs waren und die noch aufgezogene Winterbereifung auf warmem Asphalt schnell ihre Haftungsgrenze erreichte, kam schon mal die Frage auf: „Hat der jetzt Allradantrieb? Er schiebt immer so schön von hinten, fährt sich aber wie auf Schienen!“

Nein, hat er immer noch nicht, er setzt auf traditionellen Heckschub. Aber die Traktionskontrolle vollbringt kleine Wunder, die wir auch in Kurven schätzen, in die wir den auf der Brembo-Bremse (sechs Kolben vorn, vier Kolben hinten) schwer schiebenden Ami zu optimistisch hineingezirkelt hatten. Stets kamen wir mit dem Gefühl raus: Hat wunderbar gequietscht, aber der hat ja sogar noch Reserven. Also gleich noch mal.

Nicht unerwähnt bleiben sollen bei all dem V8-Fahrspaß zwei echte Technik-Schmankerl: Es ist nicht das Head-up-Display, das von den Amerikanern erfunden wurde, sondern der Rückspiegel. Klappt man ihn ab, so wird sein vertrautes Bild durch das ersetzt, was eine hochauflösende Farbkamera liefert. Der Effekt beim Umschalten ist so spektakulär wie damals, als man zum ersten Mal in einen Ultra-HD-Fernseher guckte, plus Weitwinkel: 300 Prozent mehr Sichtfläche, so gestochen scharf, dass selbst einzelne Regentropfen sichtbar werden! Und man sieht nun auch, wenn sich von hinten auf einer vierspurigen Straße Fahrräder oder Motorräder nähern.


Einige Nebeneffekte hat das Kamera-Spiegel-System: Nicht jeder Fahrer kann die Entfernungen richtig einschätzen, es bedarf der Eingewöhnung. Ein Riesenvorteil: Ich kann die Rückbank bis unter die Decke vollladen, und habe trotzdem perfekte freie Sicht nach hinten, denn die Kamera sitzt im Heck.

Das zweite Technik-Highlight ist der Performance Data Recorder des Testwagens. Mittels vier Overlay-Funktionen – Sport, Track, Performance und Tour – zeichnet er bis zu 30 verschiedene Fahrzeugdaten sowie Audio- und Videokanäle in Echtzeit auf. Die Frontkamera erfasst jede Kurve, später in Parkposition kann man die eigenen Fahrkünste auf dem CUE2-Bildschirm betrachten, oder auf SD-Karte speichern und mit anderen teilen. Spätestens beim Aufrufen dieses Extras wird klar: Mit dieser Business-Limousine fährt man nicht nur an die Rennstrecke heran, man traut sich gerne auch mal drauf.

In Erinnerung bleibt uns, dass der Cadillac immer wieder zur Unvernunft zwingt. Während die Hinterachse beim Ampelstart einen Wimpernschlag lang um Fassung ringt, weil all die wildgewordenen Pferdestärken an ihr zerren, kreischen die Reifen schon wieder. Ein empörter Rentner zeigt uns einen Vogel. Leider können wir nicht zurückgrüßen, weil wir das dicke Lenkrad und die Schaltwippe im Griff behalten müssen.

Und so ähnlich bleibt das auch in den anderen Testtagen: Wir werden dem kaum gerecht, was der Kofferraum, die Rückbank, das konfigurierbare Digitalcockpit samt HUD und das supermoderne Multimedia-Infotainment so alles zu bieten hat. Es ist doch so wenig Zeit, und wir müssen Vollgas geben, Kurven fahren, nachtanken und Reifen vernichten. Wann hätte man das in einem Cadillac je besser gekonnt?

Als er wieder abgeholt wird, machen vier von vier Testwagenfahrern ein langes Gesicht. Das war seit langer Zeit die beste Überraschung aus Amerika. Great, again.

Technische Daten

Cadillac CTS-V

Motor:Achtzylinder V-Motor mit Kompressor
Hubraum:6.162 ccm
Max. Leistung:477 kW / 649 PS bei 6.400 U/Min
Max. Drehmoment:855 Newtonmeter bei 3.600 U/Min
Antrieb:Heckantrieb
Getriebe:8-Gang-Automatik

Maße und Gewichte

Länge:5.019 mm
Breite:1.863 / 2.090 mm
Höhe:1.447 mm
Radstand:2.910 mm
Leergewicht:1.880 kg
Kofferraumvolumen:388 Liter

Fahrdaten

Höchstgeschwindigkeit:320 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h:3,7 Sek.
Durchschnittsverbrauch kombiniert:13 Liter / 100 km
CO2-Emission:298 g/km
Kraftstoff:Super-Benzin
Abgasnorm / CO2-Effizienzklasse:Euro / G
Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%