Cebit 2017: Wie Japan um deutsche Partner wirbt

Cebit 2017: Wie Japan um deutsche Partner wirbt

, aktualisiert 18. März 2017, 16:22 Uhr
Bild vergrößern

Japan wirbt auf der Cebit um deutsche Partner für japanischen Firmen.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Japan nutzt die Cebit für eine Großdemonstration ostasiatischer Innovationen. Selbst Ministerpräsident Shinzo Abe legt sich ins Zeug. Das Land will vor allem potentielle Partner aus Deutschland überzeugen.

TokioFür das Cebit-Partnerland Japan ist die Messe ein ganz großes Ding. Sogar Ministerpräsident Shinzo Abe eilt herbei, um am Sonntag mit Kanzlerin Angela Merkel die Teilnehmer willkommen zu heißen. Am Montag werden beide Eröffnungsreden halten. Und mitgebracht hat der Regierungschef der zweitgrößten Volkswirtschaft Asiens die größte Messebeteiligung eines Gastlandes aller Cebit-Zeiten.

Fast 200 japanische Firmen sind vertreten. Allein 118 stellen am Japan-Pavillon von Japans Außenhandelsorganisation Jetro aus. Denn Merkel und Abe haben voriges Jahr nicht nur dafür gesorgt, dass Japan das Partnerland der Messe wurde. Sie schoben auch diverse Kooperationsabkommen an, um die Länder im kommenden Zeitalter von Robotern und Künstlicher Intelligenz in der Weltspitze zu halten. Damit schien für Japan klar, „dass Deutschland enthusiastisch glaubte, dass Japan der beste Partner ist, um dieses Ziel zu erreichen,” meint Jetro-Chef Hiroyuki Ishige gegenüber dem Handelsblatt.

Anzeige

Dementsprechend erwiderte Asiens zweitgrößte Volkswirtschaft die höchstamtliche Rückendeckung mit einem in Deutschland noch nie dagewesenen Schaulaufen neuester Technik aus Japan. Roboter für die Fabriken und für die Wohnzimmer, smarte Systeme für die Datenauswertung – die Spannbreite ist weit. Und die Firmen kommen nicht nur, weil die Politik ruft, meint der Vizevorsitzende von Japans Unternehmensverband und Hitachi-Chairman Hiroaki Nakanishi im Handelsblatt: „Wir wollen auf höchster Ebene über die Digitalisierung von Industrie und Gesellschaft sprechen.“

Hiroshige Seko, Japans Minister für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti), sieht sich dadurch ermutigt. „Ich glaube, dass die große Beteiligung ein Zeichen der Begeisterung der japanischen Firmen ist, die mit Deutschland wachsen wollen,“ meint er zum Handelsblatt. In seinen Augen ist die Cebit die beste Gelegenheit, der Welt neue Strategien für die – wie es in Japan heißt – „super-smarte Gesellschaft“ der Zukunft zu zeigen.

Außerdem steht die Partnersuche an. „Die Zusammenarbeit in der CeBIT ist der erste Schritt für den weiteren Aufbau von Beziehungen zwischen Japan und Deutschland“, so der Minister. Mehr noch: Er möchte, dass sich beide Länder im Zeitalter fortschreitender Digitalisierung strategisch die Hände reichen „und die Welt anführen“. Denn auch er hält Japan und Deutschland für natürliche Partner für die neue globale industrielle Revolution.


Hoffnung auf Allianzen ist kein Luftschloss

Beide Länder hätten viele Gemeinsamkeiten, wirbt Seko: eine von kleinen und mittleren Unternehmen geprägte Industriestruktur sowie eine Kultur des Handwerks. Auch Deutschlands Fokus auf industrielle Fertigung und hohe Qualität kommt in Japan gut an. Denn in dem ostasiatischen Inselreich beschwören Politik und Wirtschaft fast kulthaft, dass Japans Seele das „Monozukuri“ sei, das hingebungsvolle, detail- und qualitätsversessene Herstellen von Dingen.

Zudem sind die Nummer drei und vier der Weltwirtschaft in den gleichen Industriezweigen aktiv: im Maschinen- und Anlagenbau, der Auto- und Schwerindustrie, der Herstellung elektronischer Bauteile und auch bei Technikkonzernen. Japan hat sogar mehrere Technikschmieden vom Schlage Siemens wie Hitachi, Fujitsu, NEC oder Toshiba.

Selbst Softwarehäuser haben beide. In Deutschland ist es SAP. In Japan versuchen sich die Technikkonzerne dank ihrer Geschichte als Hersteller von Computer und Zentralrechnern ihrerseits in Softwareschmieden zu verwandeln, massive Investitionen in künstliche Intelligenz inklusive. Es gibt also genug zu reden.

Tatsächlich ist Sekos Hoffnung auf Allianzen keine luftige Zukunftsvision, sondern vielfach schon Realität. So hat sich der deutsche Hersteller von elektronischen Bauteilen Epcos AG von TDK kaufen lassen. Der Werkzeugmaschinenhersteller hat mit Mori Seiki zu DMG Mori fusioniert.

Auch die Autohersteller verbünden sich über die eurasische Landmasse hinweg, wenn auch nicht immer erfolgreich. Gut laufen eine Entwicklungspartnerschaft von BMW und Toyota sowie Daimlers Bund mit der Nissan-Renault-Allianz. Die Ehe von Volkswagen mit dem Kleinwagenhersteller Suzuki wurde allerdings im Streit nach zäher Mediation geschieden.

Die Digitalisierung der Wirtschaft könnte für eine neue Welle der Allianzen sorgen, meint Marcus Schürmann, der Chef der deutschen Außenhandelskammer in Tokio: „Die starke Beteiligung der Japaner an der Messe unterstreicht, dass die bilateralen Beziehungen schon sehr viel Schwung haben, der sich jetzt noch verstärken wird.“

Ein Grund ist für Schürmann, dass beide Firmen beider Länder plötzlich auch beim Thema Industrie 4.0 wieder an den gleichen Themen arbeiten. In einer noch nicht veröffentlichten Umfrage unter Kammermitgliedern sprang der Punkt Digitalisierung von einem Nischenthema auf den zweiten Platz empor, sagt Schürmann.

Darüber hinaus ergänzen sich die deutschen und japanischen Firmen oft. Im Maschinenbau gilt beispielsweise die Faustregel, dass die deutschen Hersteller ihre Stärken in Spezialanfertigungen und globalen Denken haben, Japaner eher im Massenmarkt und in asiatischen Schwellenländern. Gleichzeitig lockt in Japan die Möglichkeit, als Kunde mit japanischen Großkonzernen im Ausland zu expandieren.

Dieser Trend setzt sich auch bei Zukunftsthemen fort. Die Japaner denken, dass sie gut in der Herstellung von Hard- und Software und der Optimierung von Prozessen sind. Aber beim Design integrierter Systeme für Kunden glauben sie zu schwächeln und wähnen deutsche Firmen im Vorteil.


Japan und die Society 5.0

Zudem wirbt Wirtschaftsminister Seko mit einem weiteren Argument um deutsche Partner für japanischen Firmen: den unterschiedlichen Stoßrichtungen der nationalen Strategien. Deutschland ziele unter dem Begriff Industrie 4.0 auf eine neue Industriestruktur ab, betone Standardisierung vor allem in der verarbeitenden Industrie. Japan ergänze dies durch einen starken Fokus auf den Menschen und die Gesellschaft.

Die neuen Technologien sollten von der Bevölkerung nicht als Bedrohung, sondern als Helfer des Menschen aufgefasst werden, so das amtliche Ziel. Der Ausgangspunkt der Entwicklung ist daher in Japan, wie Künstliche Intelligenz und Roboter zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen können. Internationale Kooperation und eine radikale Bildungsreform für die Ausbildung künftiger Fachkräfte runden das Programm ab.

Zu den großen Problemen Japans und damit zu den Motoren der japanischen Innovationsstrategie gehören die alternde Gesellschaft, die sinkende Bevölkerung und der steigende Arbeitskräftemangel. Das Motto des japanischen Pavillons spiegelt das Konzept wider: „Create a New World with Japan - Society 5.0, Another Perspective“, schreibt die Jetro da.

Society 5.0 steht dabei für die fünfte Stufe der gesellschaftlichen Evolution. Von Jägern und Sammlern ging es über die Agrar- und Industrie- zur Informationsgesellschaft. Jetzt folgt, zugespitzt formuliert, die immer stärker automatisierte, vernetzte und ausgewertete Gesellschaft. Und die will Japan wieder einmal technisch mitdominieren, gerne im Schulterschluss mit deutschen Firmen und Forschungseinrichtungen.

Das Ziel hört vielleicht vermessen an, besonders wenn man an Japans Bevölkerungsschwund und andere Probleme wie insulares Denken, Risikoscheu, hierarchisches Verhalten und den Hang zum Kollektiv denkt. Doch in der neuen Epoche könnte sich Demografie vom Nachteil in einen Vorteil verkehren, meint Nicholas Smith, Volkswirt des Investmenthauses CLSA in Japan.

In Ländern wie den USA, deren Bevölkerung noch wächst, drohen die neuen Rationalisierungswellen die Arbeitslosigkeit zu erhöhen, so Smith. „In Japan ist weniger das Problem, dass Roboter den Menschen die Arbeit wegnehmen.“ Vielmehr würden die Roboter und smarte Systeme die Wirtschaft am Laufen halten. Er rechnet daher mit weniger Widerstand als in anderen Ländern.

Die bisherige Entwicklung scheint ihm recht zu geben. Beim Einsatz von Industrierobotern ist Japan ohnehin seit Jahrzehnten Pionier. Nun beginnen auch Robotertechniken zu boomen, die mitunter hautnah mit dem Menschen zusammenarbeiten. Ein Beispiel sind Roboteranzüge, die Packern beim Heben schwerer Waren helfen.

Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz kommt in Mode. Der Hausbaukonzern Daiwa House überlegt, ab 2018 seine Warenhäuser mit Robotern und Künstlicher Intelligenz zu bevölkern. So könnte 80 Prozent des Personals in der Lagerhaltung eingespart werden. Ein Besuch der japanischen Stände auf der Cebit lohnt sich daher womöglich. Vielleicht gibt es ja für deutsche Firmen und Forscher etwas zu sehen, dass im Zeitalter der Automaten und intelligenten Systeme für deutsch-japanische Kooperationen spricht.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%