Cebit-Partnerland Japan: „Künstliche Intelligenz ist unabdingbar“

Cebit-Partnerland Japan: „Künstliche Intelligenz ist unabdingbar“

, aktualisiert 20. März 2017, 20:04 Uhr
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Viele Japaner hoffen, dass die Innovationen als Wegbegleitern von Menschen taugen.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Roboter und künstliche Intelligenz sollen der japanischen Wirtschaft neues Wachstum bescheren. In einer Zeit des Bevölkerungsrückgangs braucht das Land den Spurt, um den Rückstand zur Weltspitze aufzuholen.

TokioWenn sich fünf Nobelpreisträger verabreden, dann ist das so etwas wie ein Gipfeltreffen menschlicher Intelligenz. Und wenn die fünf über künstliche Intelligenz (KI) diskutieren, dann kann man erahnen: Man ist in Japan. Das Gastland der Cebit hat sich der Technik so sehr verschrieben wie kaum ein anderes Land.

Das Treffen der fünf Nobelpreisträger vor wenigen Tagen hatte Yuichiro Anzai organisiert und moderiert, Präsident der Japanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft. Einen besseren Gastgeber hätten sich die Wissenschaftler kaum aussuchen können. Als Experte für Maschinenlernen ist Anzai nicht nur Japans graue KI-Eminenz, sondern auch einer der einflussreichsten Weichensteller für Japans Zukunft. Als Vorsitzender des Strategischen Rats für künstliche Intelligenz der Regierung zimmerte er zum Beispiel an Japans neuer Industriestrategie mit. Und die ist extrem ambitioniert.

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Bis 2020 soll das Bruttoinlandsprodukt um fast ein Fünftel auf 600 Billionen Yen (4,95 Billionen Euro) steigen, versprach Ministerpräsident Shinzo Abe nach seinem Amtsantritt Ende 2012. Und Roboter, künstliche Intelligenz und vernetzte, smarte Maschinen sollen rund ein Drittel des Wachstums bringen, sagt Anzai nun im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Aus der Sicht Japans ist KI unabdingbar für das Wachstum unserer Wirtschaft.“

Japan kann diesen Spurt gut gebrauchen, um den Rückstand zur Weltspitze aufzuholen. „Die USA sind die Vorreiter und recht weit voraus“, meint Anzai. Deutschland mache sich recht gut im Bereich Internet der Dinge in der Industrie, ein Bereich, der auch in Japan sehr wichtig ist.

Aber Anzai gibt auch seinem Land Chancen, in der neuen voll vernetzten Welt von smarten Automaten und Systemen mittelfristig das Tempo mitzubestimmen. Erstens habe Japan „niedrige kulturelle Hürden“. Die Vorstellung, dass KI schlauer als der Mensch werden könne, schrecke zwar auch die Japaner. Aber Japaner sehen Roboter nicht als Bedrohung, sondern unterhaltsame Freunde des Menschen.


Japans Traum von humanoiden Robotern

Der zweite Grund sind die sinkende Bevölkerung und der steigende Arbeitskräftemangel. „Der Arbeitskräftemangel ist wahrscheinlich gut für uns“, meint Anzai. Denn es gebe daher einen großen Anreiz, die drohende Schrumpfung der Wirtschaft durch Innovation zu besiegen.

Außerdem springt Japans breit aufgestellte Wirtschaft auf den Zug auf und nicht nur die großen Hersteller von Industrierobotern wie Fanuc oder Yaskawa oder die Autobauer. Die Größen des Computerzeitalters Hitachi, NEC, Fujitsu und Toshiba investieren massiv in KI. Und genauso macht es Toyota mit seinem Toyota Research Institute.

Außerdem gibt es noch Japans alten Traum von humanoiden Robotern als Wegbegleiter der Menschen. Der IT-Investor und Mobilnetzkonzern Softbank verkauft bereits 1.000 seiner schulkindgroßen Pepper-Roboter pro Monat. Und dies ist nur ein Beispiel von vielen.

Japans größte Schwäche beim Sprung in die Zukunft ist für Anzai allerdings das industrielle und kulturelle Erbe. „Wir müssen unser Erziehungssystem reformieren – und wir tun es“, sagt Anzai, der acht Jahre lang Präsident der Keio-Universität sowie deren Grund-, Mittel- und Oberschulen war. Denn Japans „wahrscheinlich größtes Problem“ sei die Entwicklung qualifizierter Arbeitskräfte.

Das bisherige Ausbildungssystem brachte loyale Arbeiter, Ingenieure und Forscher für die klassischen Industrien hervor. Aber nun braucht das Land Programmierer, Forscher und Fachkräfte, „die verstehen, wie man Roboter und künstliche Intelligenz entwickle und nutze“, sagt Anzai.

Die Regierung will daher die Schulausbildung radikal reformieren. Das in Asien übliche passive Auswendiglernen solle durch aktives Lernen ersetzt werden, erklärt der Experte. Dies werde die Innovationskraft unterstützen.

Zehn Jahre werde dieser Wandel wohl brauchen, schätzt Anzai. Daher wird auch kurzfristig reagiert. Bereits an den Grundschulen sollen Kinder programmieren lernen. Und Universitäten beginnen, spezielle KI- und Robotikkurse anzubieten.

Generell hofft Anzai, dass die Unternehmen in aller Welt ihre Schwerpunkte anders setzen. Die meisten Firmen konzentrierten sich auf Deep Learning, also den Maschinen das selbstständige Lernen beizubringen. Das sei wichtig, aber es müsse mehr Forschung für natürliche Kommunikation zwischen Mensch und Maschine und Datenbanken geben, mahnt der Experte. „Wir sollten uns mehr auf menschliche Intelligenz konzentrieren – und darauf, wie menschliche und künstliche Intelligenz zusammenarbeiten können.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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