Cebit-Partnerland Japan: „Wir sorgen uns um die Europäische Union“

Cebit-Partnerland Japan: „Wir sorgen uns um die Europäische Union“

, aktualisiert 17. März 2017, 13:15 Uhr
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Japan ist in diesem Jahr Partnerland der IT-Messe.

von Martin KöllingQuelle:Handelsblatt Online

Japan tritt in diesem Jahr groß bei der Cebit auf. Hitachi-Chef Hiroaki Nakanishi erklärt, warum das Land in der Ära Industrie 4.0 wieder ganz nach vorne kommen kann – und dass sich die Japan AG sehr um Europa sorgt.

TokioFür Hiroaki Nakanishi sind Gespräche über die neue Epoche der Industrie 4.0 ein intellektuelles Heimspiel. Der Vorstandsvorsitzende des Siemens-Rivalen Hitachi ist ein Computerfreak der ersten Stunde. 1979 machte er an der Stanford Universität seinen Master in Computerwissenschaften. In seiner Doppelfunktion als Firmenführer und Vizechef des japanischen Unternehmensverbands Keidanren ist der 70-jährige Staatsmann der Japan AG immer noch sehr beschäftigt. Aber die deutsche Messe Cebit war ihm dann doch so wichtig, dass er sich Zeit für das Handelsblatt genommen hat.

Herr Nakanishi, voriges Jahr haben Sie offen in Großbritannien gegen den Brexit geworben. Bei der Cebit ist Japan Partnerland und mit rund 200 Firmen vertreten. Ist das ein politisches Zeichen für Deutschland?
(Lacht) Nein, das ist es nicht. Sicherlich gibt es derzeit politische Diskussionen. Aber als Keidanren wollen wir mit Wirtschaftsführern über die Digitalisierung und den starken Trend zu globaleren und offeneren Gesellschaften diskutieren.

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Welche Bedeutung hat die Cebit dabei?
Ehrlich gesagt haben in den vergangenen Jahren nicht viele japanische Firmen an der Cebit teilgenommen. Aber nun gibt es viel Schwung in der Wirtschaft und der Politik für mehr Kooperation. Und meiner Meinung nach ist die Cebit eines der wichtigsten Ausstellungen und eine gute Gelegenheit, Meinungen auszutauschen.

Glauben Sie, dass der Trend sich nächstes Jahr fortsetzen wird?
Ich hoffe doch. Ein Grund ist die jüngste Welle der Digitalisierung, die die Beziehungen zwischen vielen Ländern beeinflusst. Alle Staaten versuchen, den Trend zu fördern.

Was sind die Gemeinsamkeiten zwischen Deutschlands Konzept Industrie 4.0 und dem japanischen Ansatz?
Überall ist die Digitalisierung der Industrie, vor allem der verarbeitenden Industrie, das erste Ziel. Aber in Japan wollen wir einen Schritt weitergehen und überlegen, wie die neuen Möglichkeiten uns helfen, soziale Probleme zu lösen. Das Transportwesen ist ein typisches Beispiel: Mehr Menschen ziehen in die Städte. Dies hat einen Einfluss auf die Verkehrsströme. Mit Hilfe der Digitalisierung können wir die Trends sichtbar machen und neue Antworten finden. Andere Probleme, die die Entwicklung antreiben, sind die alternde Gesellschaft, sinkende Bevölkerung und Arbeitskräftemangel. Wir wollen einen klaren Weg zu einer wohlhabenderen, bequemeren und sichereren Gesellschaft formulieren. Das Konzept nennen wir Society 5.0.

Was bedeutet das konkret?
Die Menschheit als Jäger und Sammler angefangen. Dann folgte die Landwirtschaft, später die Industrie- und dann die Informationsgesellschaft. Die nächste Stufe ist eine verbundene, integrierte Gesellschaft. Wir nennen sie auch Super-Smart Society, die durch neue Technologien unterstützt wird.

Aber hinkt Japan nicht hinter anderen Ländern hinterher? Immerhin sind Faxgeräte, Papier und Geschäftsreisen statt Videokonferenzen immer noch üblich.
Ich denke nicht, dass es eine Frage zwischen digital und analog ist. Die Abschaffung von Papier ist nicht das eigentliche Ziel. Wir wollen, dass die Daten zu uns sprechen. Digitalisierung hat eine starke Kraft – die Sammlung von Daten über soziale Phänomene, die Fertigung und Menschen sowie deren preiswerte Speicherung und Analyse. Daher ist die Durchdringung einer Gesellschaft mit Smartphones oder Tablets kein Indikator für eine digitalisierte Gesellschaft. Der wichtigste Punkt ist, wie wir Daten nutzen können, um Phänomene zu erkennen und Probleme zu lösen.

Wo sehen Sie Japan im Vergleich zu anderen Nationen?
Das Internet ist in Japan sehr üblich. Aber die großen Player der Internetwelt sind in den USA und China. Ich denke, dass dies sprachliche Gründe hat. Es sprechen viel weniger Menschen Japanisch als Englisch oder Chinesisch. Aber in der neuen Ära mag sich das ändern. Denn es sprechen nicht mehr nur Menschen miteinander, sondern auch Maschinen – in Maschinensprache. In diesem Bereich hat Japan einen großen Vorteil.

Welche Stärken sehen Sie?
Japan hat eine lange Geschichte der Industrialisierung, insbesondere im Maschinenbau, bei Werkzeugmaschinen, Informationstechnologie wie Computern und Robotern. Dementsprechend verbreitet ist die Messung von Daten. Und da das Internet der Dinge erst am Anfang steht, hat Japan eine Gelegenheit, zur Welt mit unseren eigenen Konzepten der Digitalisierung beizutragen.


„Wir brauchen einen radikalen Wandel der Arbeitskultur“

Wo sehen Sie Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen deutschen und japanischen Firmen?
Ein Gebiet sind Werkzeugmaschinen. Dort gibt es schon viele Kooperationen. Ein anderes Beispiel ist die Autoindustrie. Obwohl die Firmen miteinander konkurrieren, suchen sie in neuen Technologien für beispielsweise autonomes Fahren nach Kooperationspartnern. Denn in diesem Gebiet kann ein Land nicht alles allein entwickeln. Standardisierung für genaue 3D-Karten wäre ein mögliches Feld.

Kommen wir auf Japan zurück: Welche Reformen sind notwendig, um Japan auf die neue Epoche vorzubereiten?
Im Keidanren und der Regierung diskutieren wir sehr ernsthaft darüber. Der möglicherweise wichtigste Punkt ist, wie wir mit den großen Datenmengen umgehen. Wir müssen den Schutz der Privatsphäre, Internetsicherheit und aus negative Faktoren der Digitalisierung berücksichtigen. Wir müssen uns zum Beispiel vor Cyberhacks schützen. Konsens besteht auch darin, dass wir einen radikalen Wandel der Arbeitskultur brauchen.

Warum genau?
Die Zahl der Fabrikarbeiter wird abnehmen, neue Qualifikationen sind gefragt. Gleichzeitig verschwinden die Schranken zwischen Industrien. Unsere Industriestruktur wird sich ändern. Der Schlüssel ist daher, dass wir unser Ökosystem für Innovationen neu entwerfen und neu aufbauen.

Wie wollen Sie das erreichen?
Ein Teil ist eine Ausbildungsreform von Schulen und vor allem Universitäten und Forschungsinstituten. Die Frage ist, wie wir die akademische Welt effizienter, offener und dynamischer machen. Das gleiche gilt für Unternehmen und die Regierung.

Welche Veränderungen sind bei Unternehmen notwendig?
Das hängt von den Firmen ab. Bei Hitachi haben wir große Anstrengungen unternommen, um nicht nur unser geschäftliches Portfolio, sondern auch unseren Ansatz zu ändern. Wir haben Sparten für Bauteile aufgegeben, die zu Allerweltswaren geworden sind und in denen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Zum Beispiel das Displaygeschäft. Stattdessen fokussieren wir uns auf die Digitalisierung und Lösungen für gesellschaftliche Infrastruktur wie Stromkonzerne oder Einrichtungen in der Gesundheitspflege. Wir nennen dies „Social Innovation Business“.

Hat dies auch einen Einfluss auf Ihre Firmenkultur?
Wir haben unseren Ansatz, wie wir Geschäfte machen, grundlegend geändert. Zuvor haben unsere Verkäufer versucht, unsere Produkte zu verkaufen. Und fragen sie die Kunden, was deren Probleme sind, versuchen Lösungen zu finden, selbst wenn es sich um Produkte von anderen Firmen handelt. Ich persönlich habe dafür gekämpft, die Mentalität zu ändern. Es dauert sehr lange. Wir haben bereits sieben Jahre investiert, um dies umzusetzen.

Spielt Corporate Governance auch eine Rolle in dem Kulturwandel? In Japan steht ja derzeit Toshiba für Bilanzfälschung am Pranger.
Ja, Corporate Governance ist Teil der Reformen. Ich kann nicht im Detail über Toshiba reden, weil wir Wettbewerber sind. Aber ein wichtiges Thema ist das Managementteam und der sehr konventionelle japanische Weg der Unternehmensführung.

Wird der Skandal die Reformen beschleunigen?
Viele Veränderungen wurden bereits umgesetzt wie neue Richtlinien zur Unternehmensführung sowie der Stewardship Code für eine aktivere Rolle von institutionellen Investoren. Aber wir führen weitere ernsthafte Diskussionen über die Zukunft der japanischen Unternehmensführung.

Können Sie Beispiele nennen?
Zum Beispiel sind für die Gesundheit des operativen Geschäfts mehr unabhängige Vorstandsmitglieder notwendig. Und es geht dabei nicht nur um Buchführung, sondern auch darum, wie wir Entscheidungen treffen. Bisher waren die Kommunikation und die Entscheidungen sehr hierarchisch, ohne große strategische Diskussionen im Vorstand. Aber nun kommt es zwischen der geschäftsführenden und beaufsichtigenden Seite manchmal zu Meinungsverschiedenheiten. Daher sind mehr Diskussionen notwendig.

Aber werden japanische Firmen sich wirklich ändern?
Ich glaube, dass die japanische Firma der Zukunft anders als die der Vergangenheit aussehen wird. Bis in die 1990er-Jahre haben wir schnelles und relativ einfaches Wachstum genossen. Aber in den vergangenen 20 Jahren sind wir kein bisschen mehr gewachsen. Und nun verstehen wir das Problem: Das Management braucht einen globaleren, umfassenderen Blick auf die Welt.


„Eine offenere Gesellschaft ist viel wünschenswerter für uns“

Aber die Hauptquartiere japanischer Firmen sind oft noch sehr japanisch. Brauchen Sie dafür nicht auch eine globalere Belegschaft?
Richtig. Beim Internet der Dinge geht es nicht einfach nur um Technik, sondern um die Schaffung eines innovativen Umfelds. Und dafür ist mehr Diversität der wichtigste Punkt. Daher müssen wir eine diversere Kultur entwickeln. Sonst können wir nicht innovativ sein.

Können Sie in dem globalen Kampf um Köpfe gewinnen?
Wie haben ein Problem mit der Bezahlung hochqualifizierter Forscher. Viele sind interessiert wegen des guten Forschungsumfelds. Aber wir können Sie nicht nach Japan bringen, weil das Gehaltsniveau oft deutlich niedriger als in anderen Ländern ist.

Wie können Sie dann gemischte Teams entwickeln?
Es ist nicht immer notwendig, die Personen nach Japan zu bringen. Hitachi hat bereits viele Entwicklungsteams in den USA, Großbritannien, Deutschland, Singapur oder China eingerichtet. Sie arbeiten sehr daran, mit den japanischen Teams zusammenzuarbeiten. Neue Kommunikationsinstrumente erlauben es uns, ein innovatives Arbeitsumfeld zu schaffen, obwohl die Teams räumlich getrennt sind. Aber für einige weniger globale Firmen ist Diversität ein wirklicher Engpass. Leider müssen die Firmen zur Zeit ihren eigenen Weg herausfinden. Denn als Land und Geschäftswelt haben wir noch keine klaren Antworten, wie wir eine hilfreiche Umgebung aufbauen können. Das ist noch eine Herausforderung für die Zukunft.

Ein schwieriger Zeitpunkt für die Umorientierung, ist die Globalisierung doch gerade selbst in Schwierigkeiten.
Wir sorgen uns wirklich über den Aufstieg antiglobalistischer, nationalistische Politiken in anderen Ländern. Wir beobachten die Wahlergebnisse in den USA und den Niederlanden genau, und auch die Wahlen in Frankreich und Germany. Und natürlich Großbritannien. Denn aus japanischer Sicht sollten wir den Trend zu mehr Globalisierung beibehalten. Eine offenere, transparentere Gesellschaft ist viel wünschenswerter für uns.

Und was ist mit dem Brexit? Sie haben vor den Auswirkungen auf die Entscheidungen japanischer Firmen gewarnt. Doch nun sieht es sogar nach einem harten Brexit aus.
Wir machen uns wirklich Sorgen um die möglichen Ergebnisse, besonders weil wir noch nicht absehen können, was passieren wird. Und mehr noch: Es geht nicht mehr nur um Großbritannien. Nun sorgen wir uns gleichzeitig um die Europäische Union. Deutschland, Frankreich, Griechenland oder Italien – so viele Länder haben nationalistische Trends. Ein anderes Land ist die Türkei.

Wie gehen japanische Unternehmen mit diesen Entwicklungen um?
Kurzfristig können wir uns nur um die Handelsregeln sorgen. Das Transpazifische Partnerschaftsabkommen war sehr wichtig für Japan, wurde aber gestoppt. Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen verzögern sich. Großbritannien hätte im Falle eines Brexit bisher keine Abkommen mit anderen Ländern.

Und langfristig? Wird sich Japans Fokus mehr auf Asien verschieben, wenn sich dieser Trend im Westen fortsetzt?
Das ist für uns nicht so einfach. In unseren Augen basieren Globalisierung und freier Handel auf dem Teilen von Werten mit anderen Gesellschaften wie liberales Denken, Demokratie und die Bewahrung der nationalen Sicherheit. Manchmal macht eine schnelle Industrialisierung die Menschen unglücklich. Und die Frage ist, wie wir diese Frage lösen können.

Was bedeutet dies für Asien? Einige Volkswirte argumentieren, das Asien im Freihandel die mögliche Lücke füllen kann.
Asien wird wichtiger, aber es gibt große Unterschiede. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass es einen einheitlichen Weg für Asien gibt.

Und wie sieht es mit China als Alternative aus?
Wir haben vielleicht Schwierigkeiten, einige Bereiche von Chinas Politik zu verstehen. Aber China ändert seinen Geschäftsstil. Das Land hat auch eigene Initiativen für die neue industrielle Ära. In China werden große Anstrengungen unternommen, die Bevölkerung glücklich zu machen. Die Möglichkeiten, einige Werte zu teilen, wachsen.

Herr Nakanishi, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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