Cebit-Trend Künstliche Intelligenz: Lehrmeister für schlaue Maschinen gesucht

Cebit-Trend Künstliche Intelligenz: Lehrmeister für schlaue Maschinen gesucht

, aktualisiert 21. März 2017, 12:45 Uhr
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Immer mehr Unternehmen nutzen Künstliche Intelligenz – ob in Form von Robotern oder intelligenter Software. Fachleute sind jedoch rar.

Quelle:Handelsblatt Online

Sie steuert Autos, erkennt Krankheiten und beantwortet Kundenfragen: Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, die Wirtschaft zu revolutionieren. An Ideen mangelt es nicht, doch Fachleute werden dringend gesucht.

HannoverAutos, die selbständig über die Straße navigieren. Programme, die anhand von Satellitenbildern die Schäden durch Wirbelstürme schätzen. Und Helfer für den Kundenservice, die Anfragen automatisch nach Beschwerden und Bestellungen sortieren: Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, Geschäftsmodelle grundlegend zu verändern – vor allem die Teildisziplin des maschinellen Lernens verspricht große Erfolge. Etliche deutsche Konzerne nutzen die Technologie bereits, teils versuchsweise, teils schon im Alltag.

Allerdings sind die Fachleute an der Schnittstelle von Informatik und Statistik nicht einfach zu finden. „In Deutschland fehlen unmittelbar 5000 Leute mit KI-Expertise“, sagt Wolfgang Wahlster, Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI).

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Allein in der Automobilindustrie bestehe ein Bedarf von 3000 Experten, sagt der Professor für Informatik, der sich über eine Umfrage bei Dax-Konzernen einen Überblick verschafft hat. „Enormen Bedarf an KI-Expertise“ hätten auch Handel, Medienbranche sowie Banken und Versicherungen angemeldet, sagte Wahlster dem Handelsblatt. Das DFKI und die Akademie der Technikwissenschaften Acatech haben daher einen Online-Kurs zur Vermittlung von „Orientierungswissen“ entwickelt, der heute zum Start der Cebit online geht.

„Maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz sind Schlüsselkompetenzen, um die vernetzte Welt zu gestalten“, sagt Bosch-Chef Volkmar Denner stellvertretend für viele andere Unternehmen. Einige Beispiele aus deutschen Konzernen zeigen die Bedeutung der Technologie und den Bedarf an Fachkräften – auch wenn sich zu konkreten Plänen kaum ein Unternehmen genau äußert.

Für SAP ist maschinelles Lernen derzeit eines der wichtigsten Themen. „Unsere Vision ist das intelligente Unternehmen“, sagt Markus Noga, der die Entwicklung des maschinellen Lernens verantwortet. Ziel sei es, Geschäftsprozesse schrittweise neu zu erfinden: SAP will immer mehr Standardaufgaben den Maschinen übertragen, damit den Menschen mehr Zeit für die schwierigen Fälle bleibt. Nogas Team hat 300 Nutzungsszenarien identifiziert, bei über 30 soll in diesem Jahr die Integration in Produkte beginnen. Für den Konzern ist es strategisch wichtiges Thema: Auch die Konkurrenz investiert massiv.

Ein neues SAP-System sortiert beispielsweise Kundenanfragen vor: Es trennt Beschwerden von Bestellungen, leitet sie gleich an die richtigen Mitarbeiter weiter und macht Vorschläge für Antworten. Mit den vielen Daten, die der Konzern in seinen Systemen speichert, kann er die Algorithmen trainieren – diese entwickeln dann eigenständig Regeln für die Sortierung.

Derzeit beschäftigt SAP 120 Spezialisten für maschinelles Lernen, im Laufe des Jahres soll sich die Zahl verdoppeln. Zudem lernen Tausende Mitarbeiter über interne Gruppen und Treffen die Grundzüge der Technik. Die Suche nach Fachkräften bereite dem Konzern derzeit keine großen Probleme, sagt Noga: „Insbesondere in Europa ist SAP als IT-Arbeitgeber hervorragend positioniert, um Toptalente anzuziehen.“ Um sichtbar zu sein, arbeitet der Konzern mit Forschungseinrichtungen zusammen, ist auf Fachkonferenzen präsentiert und richtet Rekrutierungsveranstaltungen aus.

Der Umgang mit großen Informationsmengen gehört bei Munich Re seit jeher zum Geschäftsmodell. Es ist die Grundlage, um Risiken realistisch zu kalkulieren. „Um große Datenmengen zu erheben und zu verarbeiten, wird künstliche Intelligenz eine zunehmende Rolle spielen – und sie ist bereits heute fester Bestandteil einer wachsenden Anzahl unserer Services“, teilt der weltgrößten Rückversicherer mit.

Bei der Schätzung von Schäden nach Naturkatastrophen hilft die IT beispielsweise, indem sie Bilder von Satelliten und Drohnen auswertet. Zuletzt sei das nach dem Hurrikan Matthew in den USA geschehen. Auch bei der Untersuchung von Versicherungsbeständen nach bestimmten Risiken oder der Suche nach Marktpotenzialen kommt die Technologie zum Einsatz.

Dafür braucht Munich Re weitere Experten. Genaue Zahlen nennt der Konzern zwar nicht, lässt aber wissen, dass er „fortlaufend Data Scientists und andere Experten“ rekrutiere, für die Zentrale wie auch für größere Niederlassungen im Ausland.


Katastrophenhilfe und Modeberatung

Im Handel steckt der Einsatz von künstlicher Intelligenz vielfach noch in den Kinderschuhen. Doch immer mehr Händler begreifen, welches Potenzial in diesen Systemen steckt. So setzen beispielsweise Lebensmittelhändler wie Real, Globus oder Kaufland bereits Software mit künstlicher Intelligenz ein, um die Planung des Warennachschubs zu optimieren. Meist sind es Systeme des Softwareanbieters Blue Yonder, die mit Hilfe von maschinellem Lernen die Nachfrage nicht nur immer besser abbilden, sondern auch prognostizieren können.

Ein Beispiel schildert Martin Wild, Chief Information Officer bei der Retail-Group von Mediamarkt-Saturn: Als das Smartphone-Spiel „Pokemon Go!“ im vergangenen boomte, sei der Bedarf an externen Akkus groß gewesen. „Mittels künstlicher Intelligenz kann man in so einem Fall die Information, in welchen Städten die App am häufigsten installiert wird, mit Beständen bei den Herstellern und in unseren Märkten vor Ort verzahnen – das reduziert Lagerhaltungskosten und verbessert die Verfügbarkeit.“ Das Unternehmen plant derzeit solche Analysen und Prognosen. Mit den großen Datenmengen würden Menschen nicht fertig, Maschinen schon.

„Künstliche Intelligenz beschäftigt uns sehr“, erklärt auch der Einzelhändler Rewe. Die Technologie werde die Zukunft des Unternehmens maßgeblich beeinflussen. Der Konzern setzt Algorithmen zum Beispiel ein, um Bestellungen vorherzusagen, dann auch die nachgelagerten Bereiche wie Logistik und Personalbedarf zu optimieren. Große Datenmengen bieten großes Potenzial.

Ähnlich sieht es beim Handelskonzern Otto aus: Ein Team aus rund 30 Spezialisten hilft Tochterunternehmen, „mithilfe von datengetriebenen Lösungen Kunden zu inspirieren und neue Umsatz- und Ergebnispotenziale zu erschließen“. Dabei kommen auch Erkenntnisse aus dem Forschungsfeld Künstliche Intelligenz zum Einsatz. Es gibt bereits etliche Anwendungen, vor allem im Online-Handel: Eine semantische Produktsuche versteht den Inhalt einer Anfrage und schlägt passende Artikel vor. Ein Algorithmus schlägt Kunden die richtige Kleidungsgröße vor. Aktuell testen die Techniker Chatbots für den Kundenservice, also Dialogprogramme, die die Käufer beraten sollen – ein Trendthema in der IT.

Die Suche nach Spezialisten ist für alle Handelsriesen ein wichtiges Thema. Dabei verlassen sie sich nicht auf die üblichen Rekrutierungsinstrumente. Otto ist beispielsweise auf Entwicklerkonferenzen und Hackathons sichtbar, um interessante Kandidaten kennenzulernen. Eine wichtige Rolle spielt die interne Weiterbildung. „Nach unseren Erfahrungen ist es schwierig, Wissen zum Einsatz von künstlicher Intelligenz im Handel zu finden – weil es sich um ein vollkommen neues Arbeitsfeld handelt“, sagt Mediamarkt-Saturn-Manager Wild. Sein Unternehmen baue daher das Wissen selbst auf. Auch Rewe bietet Programme an, um eigenen Mitarbeitern den Quereinstieg zu ermöglichen.

Nicht zuletzt geht es darum, die Nutzung von KI zu erleichtern, wie es etwa die Metro AG plant. Der Konzern entwickelt beispielsweise gerade Lösungen für die Preisoptimierung, die in mehreren Ländern eingeführt wird. Auch an Prognosesoftware arbeitet er. Um die Kompetenzen auszubauen, sucht das Unternehmen weitere Datenexperten, im Fachjargon Data Scientists. Auf dieses Wissen sollen aber auch Handelsspezialisten zugreifen können, die bisher nicht mit KI zu tun hatten. So sollen sich Projekte schneller umsetzen lassen.


Aufbruch in Wolfsburg und im „Cyber Valley“

Die Autohersteller erfinden sich gerade neu – und Künstliche Intelligenz spielt dabei eine entscheidende Rolle: Autonomes Fahren ist ohne diese Technologie nicht denkbar. So hat der Zulieferer Bosch jüngst einen Computer vorgestellt, mit dem das Auto künftig nicht nur selbständig steuern, sondern auch das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer interpretieren kann. Es ist ein Beispiel für hochkomplexe Mustererkennung.

Auch in anderen Produkten des Konzerns soll derartige Technologie zum Einsatz kommen: „In zehn Jahren wird kaum ein Bosch-Produkt ohne Künstliche Intelligenz denkbar sein“, sagt Konzernchef Volkmar Denner. Und bereits in fünf Jahren soll diese Produkte zehn Prozent des Umsatzes erzielen. Um die Entwicklung voranzutreiben, will Bosch bis 2021 300 Millionen Euro in den Ausbau eines Zentrums für KI stecken.

Die Konkurrenz um Fachleute ist im Südwesten der Republik groß. Doch beim Thema Künstliche Intelligenz rücken die Unternehmen zusammen. Bosch hat zusammen mit Daimler, ZF, Porsche, BMW und Facebook, außerdem der Max Planck-Gesellschaft und den Universitäten Stuttgart und Tübingen das „Cyber Valley“ gegründet.

Es soll nach dem Vorbild des Silicon Valleys dazu beitragen, Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in konkrete industrielle Anwendungen zu überführen. Zu den Schwerpunkten zählen Robotik, maschinelles Lernen und Computer Vision. Die Hoffnung: Erstklassige Forschung soll erstklassigen Nachwuchs anlocken. Eine enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft soll zudem Start-ups fördern.

Auch der Volkswagen der Zukunft fährt selbst: Kürzlich zeigte der Autohersteller den Sedric, die Studie eines autonomen Taxis. Doch Künstliche Intelligenz komme beim Unternehmen fast überall zum Einsatz, sagt Chief Information Officer Johann Jungwirth. Etwa, um die Prozesse im Unternehmen zu verändern: Ein neues Feld ist die Robotic Enterprise, also „der Einsatz selbstlernender Algorithmen in Unternehmensfunktionen und Prozessen“, von der Entwicklung über Produktion und Vertrieb bis zur Qualitätssicherung.

Mehrere hundert Mitarbeiter seien mit Zukunftsthemen rund um Big Data, Internet der Dinge und eben Künstliche Intelligenz beschäftigt, erklärt das Unternehmen. „Für diese Aufgaben gewinnt Volkswagen zunehmend hochspezialisierte Quereinsteiger aus unterschiedlichen High-Tech-Branchen, aus der Gaming-Industrie und aus der Spitzenforschung.“ Robotik-Experten, Level-Designer, Design-Thinking-Spezialisten und KI-Forscher, sie alle sollen den Autobauer für die Zukunft rüsten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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