Claim Management: Die Schiris vom Bau

Claim Management: Die Schiris vom Bau

, aktualisiert 01. Mai 2016, 15:39 Uhr
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Wenn es zu Abweichungen bei den vereinbarten Terminen, den Kosten oder zu erbringenden Leistungen auf einer Baustelle kommt, schlichtet ein sogenannter Claim Manager zwischen den jeweiligen Parteien.

von Martin TofernQuelle:Handelsblatt Online

Wenn auf dem Bau etwas schiefgeht, stellen Vertragspartner häufig finanzielle Forderungen. Ob diese berechtigt sind oder nicht, das prüft in der Regel ein Claim Manager, eine Art Schiedsrichter für Nachforderungen.

DüsseldorfJürgen H. Hahn liebt Verträge. Die können gar nicht lang genug sein. Je komplizierter ein Bau- oder Projektvorhaben, desto engagierter kniet sich Hahn in die Sache. Dabei hat er das nie studiert: „Ich bin kein Jurist, sondern Ingenieur für Elektrotechnik, habe aber Zusatzausbildungen in internationalem Vertrags- und Baurecht. Ich bin nicht als Berater geboren, sondern war viele Jahre im weltweiten industriellen Projektgeschäft als Projektleiter und Claim Manager tätig“, sagt Hahn, Leiter Beratung der Firma 11:55 PM Consultants.

Und was bedeutet nun dieser Begriff Claim Management? Das lässt sich an einem ganz einfachen Beispiel erläutern. Da will etwa jemand sein Haus außen streichen und anschließend den Garten neu gestalten lassen. Also bestellt er den Maler für Freitag und den Gärtner für Montag. Nun braucht der Maler aber viel länger als geplant, zum Beispiel weil er an einigen Stellen den Putz ausbessern muss, und schafft es bis zum Abend nicht, das ganze Haus anzustreichen. Also lässt er sein Gerüst stehen und verspricht, am Montagmorgen weiterzumachen.

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Am selben Morgen steht aber auch der Gärtner auf der Matte, er soll ja den Garten aufhübschen. Wegen des Gerüsts kann er nicht anfangen und muss warten. Seinen Stundensatz will er natürlich trotzdem haben. Aber wer muss den bezahlen? Der Auftraggeber oder der Maler? Wer hat hier eine berechtigte Forderung, zu englisch „Claim“ (= Claim)?

Im richtigen Leben sind die Fälle und Projekte natürlich um einiges komplexer und komplizierter, sodass es schon solcher Fachleute wie Jürgen Hahn bedarf, um die Forderungen der Projektpartner genau zu prüfen. Meistens geht es, wie in dem Beispiel, um Abweichungen bei den vereinbarten Terminen, den Kosten oder zu erbringenden Leistungen. Viele Streitereien resultieren häufig auch aus der Tatsache, dass die Verträge und Dokumentationen zu ungenau und lückenhaft sind. „Ingenieure schreiben während der Projektabwicklung nicht die richtigen Briefe. Es wird technisch dokumentiert, aber kaum kaufmännisch und juristisch“, sagt Hahn.

Und anschließend kochen die Emotionen bei den Beteiligten hoch: „Ein Claim ist ein kaufmännisches und ein juristisches Thema, aber gleichzeitig ein hochemotionales“, erklärt Hahn weiter. Zwischen den Zeilen kann man herauslesen, dass er da schon so Einiges erlebt hat. „An den Projekten unserer Kunden sind oft mehrere tausend Personen beteiligt. Schlechte Koordination führt zu Störungen des Bauablaufs und damit zu Claims.“

Gegründet wurde die Beratung 11:55 PM Consultants im Jahr 2002. Damals war das Nachtragsmanagement auf dem Bau schon gang und gäbe, nicht aber im industriellen Projektgeschäft beim Großanlagen- oder Sondermaschinenbau wie etwa Kraftwerksdiesel. Hier wurde Claim Management als „kundenvergraulend“ verschmäht.


„Langjährige Kunden nennen uns die ‚Die Fünf-vor-Zwölfer‘“

Das hat sich inzwischen grundlegend verändert. Hahn und seine Kollegen konnten zeigen, dass ein gutes Claim und Contract Management die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen ihren Kunden und deren Vertragspartnern nicht stören muss. Vielleicht sogar im Gegenteil. „Langjährige Kunden nennen uns die ‚Die Fünf-vor-Zwölfer‘“, erklärt Hahn in Anspielung auf die Rolle seines Unternehmens als Feuerwehr. „Oft ist es bei den Projekten unserer Kunden jedoch schon halb eins.“

Inzwischen ist das Unternehmen etabliert: „Projekte unserer Kunden sind weltweit angesiedelt. Die Volumen reichen von 10 Millionen Euro bis 2,5 Milliarden Euro“, erklärt Hahn. Die Firma beschäftigt insgesamt 30 Berater und erzielt etwa 2 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Sie beraten größere mittelständische Unternehmen bis hin zu Konzernen mit internationalem Geschäft.

Das steht natürlich in keinem Verhältnis zu großen Dax-Konzernen, wie etwa Siemens. Das Münchener Unternehmen unterhält eine eigene Abteilung für den Bereich Claim Management. Wie viele Leute speziell in dieser Abteilung arbeiten, will Siemens nicht verraten, nur so viel: Im ganzen Haus in Deutschland sind rund 600 Juristen beschäftigt. Siemens ist damit nach eigener Darstellung eine der größten „Kanzleien“ im Land.

In Deutschland ist der Beruf des Claim Managers übrigens nicht geschützt. Anders in England. Dort heißt der Beruf Commercial Manager und es gibt sogar eine eigene Ausbildung dafür. Früher hatten die „Fünf-vor-Zwölfer“ einen Fokus auf dem Kraftwerksbau, doch das hat sich geändert. „Die Energiewende macht sich in unserem Geschäft bemerkbar. Zum Glück wird Claim Management überall im Projektgeschäft benötigt“, erklärt Hahn.

Und so kümmern sich er und seine Berater eben verstärkt um Offshore-Windtechnik, Schiffbau oder Eisenbahntechnik. Aber egal in welcher Sparte das Unternehmen tätig ist, eine Prämisse gilt für Jürgen Hahn immer: „Verträge müssen beiden Seiten Spaß machen. Fairness in der Projektabwicklung ist essentiell.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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