Clinton-Herausforderer in Schottland: Erst Brexit – und dann kam auch noch Trump

Clinton-Herausforderer in Schottland: Erst Brexit – und dann kam auch noch Trump

, aktualisiert 24. Juni 2016, 20:28 Uhr
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Der US-Präsidentschaftskandidat nutzt den Brexit medial für seine Kampagne: „Make America Great Again“

von Christoph KapalschinskiQuelle:Handelsblatt Online

Es war wie der Fiebertraum eines Brexit-Gegners: Plötzlich stand Donald Trump auf einem schottischen Golfplatz – und fand seine ganz eigene Erklärung für den Austritt der Briten aus der EU: Obama und Hillary sind schuld.

TurnberryAlles kündigte sich leise an. Sicherheitsleute in Schwarz sind schon am Vorabend auffällig unauffällig durch das Örtchen Turnberry an der schottischen Westküste geschlichen. Ungewöhnlich auch, dass an diesem Referendums-Abend ein Transporter mit einer Tauchereinheit der Polizei um die Ecke bog.

Und dann, neun Stunden später, ist es, als würde ein Fiebertraum der Brexit-Gegner wahr. Gerade eine Stunde ist das offizielle Referendums-Ergebnis alt. Vor wenigen Minuten hat Premier David Cameron zerknirscht seinen Rücktritt für Oktober angekündigt, da zerreißt am Freitag der Lärm eines Hubschraubers die Stille über dem Strand. Auf der Maschine fünf große Buchstaben: TRUMP.

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Der leise Auftritt ist nicht Sache des US-Präsidentschaftskandidaten – auch wenn Donald vorgeblich in seiner Eigenschaft als Immobilienunternehmer einfliegt. Sein Sohn Eric hat in den vergangenen Jahren das Nobelhotel „Trump Turnberry“, 30 Meilen südlich von Ayr, renoviert. Der imposante Bau ist weiß, innen auch golden, und liegt in einer atemberaubenden Landschaft mit Blick auf die Irische See. Der berühmte Vater soll nun den umgestalteten Golfplatz einweihen – ein lang angekündigtes Spektakel. 350 Journalisten, viele davon eigens aus den USA angereist, warten auf Trump und machen aus dessen Europatrip die wohl meistbeachtete Wiedereröffnung eines Golfplatzes.

Trump wäre nicht Trump, wenn er den Termin nicht nutzen würde. Sorgfältig ausgesucht der Ort – Loch neun, zwischen einem pittoresken Leuchtturm und den Steilklippen. Eine riesige schottische Flagge weht über der Szenerie. Die Sitzordnung ist klar: ein Rednerpult mit dem goldenen Logo des Resorts. In der ersten Reihe ausgesuchte Hotelmitarbeiter, dann die Journalisten, dahinter die Kameras, dann noch mehr Kameras, sodann die Mitglieder des Golfclubs – meist ältere Herren und sorgfältig ondulierte Damen.

Doch trotz generalstabsmäßiger Planung beginnt die Pressekonferenz mit einem Zwischenfall: Ein Störer will Trump eigens angefertigte Turnberry-Golfbälle überreichen – mit Hakenkreuz auf rotem Grund, eine Provokation. „Get him out“, weist Trump kühl die folgsame Security an.

Dann beginnt die Trump-Show: Lässig plaudert er über seine Mutter aus Schottland, die genau dieses Hotel so geliebt habe, das ihm nun gehört. Über die „wunderbare, wirklich wunderbare“ Ehe dieser Frau. Kurz dürfen auch die Kinder sprechen – und dem Vater danken, der ihnen immer ein guter Mentor gewesen sei. „Wir lieben dich sehr“, sagt Eric. „In einem Familienunternehmen zu arbeiten, gilt als schwer – aber nicht mit dir“, lobt Donald junior. „Dieses Projekt verdeutlicht deine großzügige Vision von Exzellenz“, schwärmt Ivanka.

Nach der Vorrede beginnt das, auf das alle Journalisten – mit Ausnahme der Golfexperten von Sky Sport – gewartet haben: eine der inzwischen legendären Fragestunden mit Trump. In denen redet der Milliardär so frei wie kaum ein Politiker sonst.


„Viele Deutsche wollen jetzt auswandern“

Natürlich geht die erste Frage um den Brexit: „Ich sehe Parallelen zu den USA und anderen Ländern. Die Leute wollen sichere Grenzen. Sie wollen nicht, dass Leute in ihr Land strömen, von denen sie nichts wissen“, wettert Trump. „Die Leute wollen die Grenzen zurück, sie wollen ihre Staatshaushalte zurück – sie wollen ihr Land zurück.“ Ganz klar, dagegen könne sich die Politik nicht stemmen: „Letztlich gewinnt immer der Wille der Leute“, ruft Trump.

Aber die Wirtschaft leidet doch? Nicht bei Trump. Ein schwaches Pfund bedeute doch, dass mehr Touristen von außerhalb in sein Golf-Resort an der schottischen Westküste kämen. Und überhaupt: Was der Brexit wirtschaftlich bedeute, das könne man frühestens in fünf Jahren beurteilen – wenn überhaupt.

Wer hat Schuld am Brexit? Natürlich auch US-Präsident Barack Obama – und ein bisschen Hillary Clinton. Beide hätten sich in die Entscheidung eingemischt, indem sie den Verbleib in der EU empfohlen hätten. „Womöglich hat das den Ausschlag gegeben, dass das Brexit-Lager gesiegt hat“, sagt Trump gleich zweimal. Und seine Befürwortung eines Brexits? War nur seine Meinung, keine Empfehlung. Ebenso wie er jetzt den Schotten keine Empfehlung beim Thema Unabhängigkeit machen will. Dann aber erinnert er daran, dass die Zeit des Unabhängigkeitswahlkampfs vor zwei Jahren doch recht grauselig war.

Irritiert fragt ein US-Journalist, ob sich Trump nicht an die Diplomaten-Regel halte, im Ausland nicht über Innenpolitik zu reden? Ach was, bürstet ihn Trump ab, Obama rede doch auch im Ausland über Politik, also sei die Regel passé. Weiter geht die Fragerunde: Sonstige schlechte Beispiele? Gibt es zuhauf, sagt Trump, vor allem in Deutschland. „Ich habe viele Freunde in Deutschland, die stolzer auf ihr Land waren als Sie sich das vorstellen können. Viele von ihnen wollen jetzt auswandern“, sagt Trump. Hauptgrund sei der Zustrom von Menschen, von denen keiner wisse, wer sie seien. „Ich hoffe wirklich, Deutschland bereinigt diese Lage.“ Auch in Deutschland zeige sich, dass die Menschen ihr Land zurückwollten. Es brauche Schutzzonen in Syrien, aber nicht Tausende Syrer in den USA oder Deutschland.

Eigentlich will Trump jetzt Schluss machen, der Zeitplan ist längst überschritten. Der Neu-Politiker lässt aber doch eine Frage nach der anderen zu. Er genießt es sichtlich, zu antworten, Applaus von den Golfclub-Mitgliedern für provokante Aussagen zu bekommen. Mit durchgedrücktem Kreuz verteilt er kleine Komplimente. Ausnehmend gut habe der Fragesteller da drüben noch gestern Abend im Fernsehen ausgesehen, schmeichelt Trump. Und natürlich kenne er auch den Journalisten daneben.

Nächste Frage also: Warum Trump eigentlich keinen hochrangigen britischen Politiker treffe, wollen US-Fernsehleute wissen. Trump lässt sich nicht verunsichern. Das liegt natürlich nicht an Trump, sagt Trump. Er sei vielmehr in Verhandlungen mit Premier David Cameron über ein Treffen gewesen – aber das habe sich nun ja sowieso erledigt. „Der will heute ganz bestimmt keinen mehr sehen.“ Immerhin gesteht ihm Trump zu: Cameron sei ein guter Mann, habe die Stimmung aber völlig falsch eingeschätzt – womit es ihm so ähnlich gehe wie Hillary Clinton. Die liege eigentlich immer falsch, mindestens aber 219-mal, scherzt er.

Jetzt ist aber wirklich Schluss, sagt Trump, während im Hintergrund wie bestellt ein Fasan über den Golfplatz huscht. Goldene Scheren werden gebracht, die gesamte Trump-Familie schneidet ein symbolisches rotes Band durch. Der schon seit Wochen bespielte Golfplatz ist nun irgendwie auch offiziell eröffnet. Trump, die Familie, die Hotelmanager und zwei Dudelsackspieler in Kilts ziehen über den Golfplatz ab, die 350 Journalisten in die andere Richtung. Und plötzlich liegt wieder Ruhe über dem Strand von Turnberry – abgesehen vom Rauschen der Wellen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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