Comdirect-Chef Arno Walter: „0,05 Prozent Zinsen sind ein Geschenk in diesen Zeiten“

Comdirect-Chef Arno Walter: „0,05 Prozent Zinsen sind ein Geschenk in diesen Zeiten“

, aktualisiert 28. April 2016, 18:03 Uhr
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Comdirect-Bank-Chef Arno Walter kommt auch ohne Bankfilialen aus.

von Michael BrächerQuelle:Handelsblatt Online

Müssen Sparer bald dafür zahlen, dass sie ihrer Bank Geld anvertrauen? Im Interview erklärt Comdirect-Chef Arno Walter, was er gegen Negativzinsen hat - und warum seine Frau keinen Fuß mehr in Bankfilialen setzt.

FrankfurtEs gibt Bankchefs, die überlassen das Schreiben von Emails lieber ihrer Vorzimmerdame. Comdirect-Chef Arno Walter ist der personifizierte Gegenentwurf: Vor dem Gespräch mit dem Handelsblatt checkt er seine Smartwatch, statt Emails hat er kürzlich den Messenger Snapchat ausprobiert. Im Interview erklärt Walter, wieso es für Kunden seiner Bank keine Strafzinsen geben soll – und wieso seine Frau nicht mehr in die Bankfiliale geht.

Herr Walter, wann waren Sie eigentlich zum letzten Mal in einer Bankfiliale?
Oh, das ist gar nicht so lange her. Meine Mutter wollte, dass ich eine Vollmacht über ihr Konto bei einer Regionalbank bekomme. Das war ein spannendes Erlebnis. Obwohl es eine lange Schlange gab, waren nur zwei Schalter besetzt. Am Ende hab ich dann gesagt, dass ich gerne einen Onlinezugang hätte – allein das hat dann nochmal 20 Minuten gedauert. Insgesamt habe ich so fast eine Stunde in der Bank verbracht. Da hab ich mir gesagt: Das muss ich so schnell nicht wieder haben.

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Ein Leben ohne Filiale ist also möglich?
Oh ja! Meine Frau zum Beispiel war eine klassische Filialbankkundin, die ging bestimmt zweimal im Monat in die Bank. Als ich dann Comdirect-Chef wurde, wollte Sie testen, ob es stimmt, was ich ihr so erzähle. Sie hat dann die Video-Identifizierung ausprobiert und dabei auch unseren Urlaub gerettet. Der Comdirect-Mitarbeiter hat nämlich erkannt, dass ihr Pass in weniger Monaten abläuft. Seitdem war sie in keiner  Filiale mehr. Wer sich einmal fürs Onlinebanking entscheidet, bleibt dabei.

Demnächst wollen Sie den neuen Markenauftritt der Comdirect vorstellen. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich die Comdirect noch weiter von der Commerzbank abnabelt?
Es geht grundsätzlich darum, in der Branche prägnanter aufzutreten. Comdirect und Commerzbank adressieren aber auch andere Zielgruppen, wir nehmen uns gegenseitig keine Kunden weg. Das ist wie bei BMW und DriveNow: Wer in der Großstadt wohnt und nur gelegentlich ein Auto braucht, macht Carsharing, statt sich einen BMW zu kaufen. Und wer keine Filiale braucht, weil er für seine Bankgeschäfte lieber Smartphone oder Tablet verwendet, kommt eben zu uns.

Die Comdirect mischt seit Kurzem auch im Ratenkredit-Geschäft mit. Weshalb?
Für viele Kunden bietet sich das an, die sagen: Ich will eigentlich gar nicht zu einer anderen Bank, wenn ich einen Ratenkredit brauche. Das Produkt ist nah am Girokonto und und natürlich ist das für uns als Bank auch eine Möglichkeit, im derzeitigen Marktumfeld einen Zinsüberschuss zu erwirtschaften.


„Ich kann mir Negativzinsen für Privatkunden nicht vorstellen“

Apropos Zinsen: Wenn ich bei der Comdirect ein Tagesgeldkonto führe, kriege ich dafür ganze 0,05 Prozent…
… und schon das ist ein Geschenk in diesen Zeiten! Deshalb sind viele Deutsche auch unzufrieden mit der Politik von EZB-Chef Mario Draghi. Die Leute legen viel Geld aufs Konto, aber die Banken wissen gar nicht mehr, was sie damit machen sollen. Mit als sicher geltenden Anlagen lassen sich am Kapitalmarkt kaum noch Zinsen erwirtschaften. Bei Bundesanleihen mit bis zu acht Jahren Laufzeit müssen Sie inzwischen dafür zahlen, dass Sie dem Staat Geld geben.

Und wann wird man bei der Comdirect Strafzinsen zahlen müssen?
Hand aufs Herz: Ich kann mir Negativzinsen im Privatkundenbereich weiter nicht vorstellen. Eine wachsende Zahl von Kunden legt ihr Geld am Aktienmarkt an. Da gibt es zwar Schwankungen, aber wer auf fünf oder zehn Jahre anlegt, kann die gelassen sehen. Wir glauben, dass die Kunden das Ruder selbst in die Hand nehmen müssen. Geldanlage ist kein Hexenwerk.

Dann müssten Sie sich ja eigentlich über die Niedrigzinspolitik von Herrn Draghi freuen. Für die Comdirect als Broker ist es doch gut, wenn die Leute Aktien kaufen.
Die Politik der EZB will ich gar nicht kommentieren. Klar profitieren wir davon auf gewisse Weise. Aber aus Sicht der deutschen Sparer ist es schlicht fatal, was da gerade passiert, denn durch die Niedrigzinsen werden Vermögenswerte vernichtet. Das wird eines Tages auch viele Menschen aus meinem persönlichen Umfeld treffen. So gesehen interessieren sich noch viel zu wenige Menschen für Aktien.

Herr Walter, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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