Crowd-Finanzierung in Europa: Vorbild USA

Crowd-Finanzierung in Europa: Vorbild USA

, aktualisiert 06. September 2016, 11:07 Uhr
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Der Markt für alternativen Finanzierungsplattformen wächst - auch in Europa. Doch zahlreiche Anbieter fordern Reformen.

von Katharina SchneiderQuelle:Handelsblatt Online

Junge Finanztechnologie-Unternehmen wollen Banken einen Teil ihres Kreditgeschäfts streitig machen. In den USA und Großbritannien gelingt ihnen das weit besser als in Deutschland. Experten erklären, warum das so ist.

FrankfurtMehr als 90 Prozent Wachstum – in nur einem Jahr. Das ist die Bilanz des europäischen Marktes alternativer Online-Finanzierer (Alternative Finance Market) im Jahr 2015. Es klingt stattlich, doch im Vergleich zum Markt in den USA ist es immer noch wenig.

Dort nämlich erzielten die Online-Vermittlungsplattformen im gleichen Zeitraum ein Wachstum von mehr als 210 Prozent. Auch in absoluten Zahlen zeigt sich der enorme Vorsprung: In Europa wurden 5,4 Milliarden Euro eingesammelt, in den USA rund 33 Milliarden Euro. Hinzu kommt: Verglichen zum Jahr 2014 hat sich das Wachstum in Europa um zehn Prozent verlangsamt.

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Der „European Alternative Finance Industry Report“ wurde am Dienstag von der Unternehmensberatung KPMG und der Uni Cambridge in Frankfurt vorgestellt. In die Studie sind die Geschäftszahlen von 367 Plattformen in 32 europäischen Ländern eingeflossen, die gemeinsam rund 90 Prozent des Gesamtmarktes abdecken.

Die jungen Finanztechnologie-Unternehmen versuchen, den traditionellen Banken einen Teil ihres Kreditgeschäfts streitig zu machen – gelungen ist ihnen das aber bisher erst mit einem Bruchteil dessen, was Banken in diesem Bereich umsetzen.

Der Großteil der betrachteten Plattformen, sogenannte Crowdlending-Anbieter, vermittelt Kredite – entweder an Privatleute oder an Unternehmen. Die nächstgrößere Gruppe, Crowdinvesting-Plattformen, sammelt etwa Geld für Immobilienprojekte und Start-ups ein. Der Anleger vergibt dabei ein Darlehen und bekommt Zinsen oder eine Beteiligung am Geschäftsergebnis in Aussicht gestellt.

Der mit Abstand größte Markt für alternative Online-Finanzierer in Europa ist Großbritannien – mit einem Volumen von 4,4 Milliarden Euro – damit entfällt also 81 Prozent des Gesamtvolumens in Europa auf das Vereinte Königreich. Dahinter folgen Frankreich mit 319 Millionen Euro und Deutschland mit 249 Millionen Euro. „In Großbritannien gibt es eine größere Bereitschaft, Geld an Privatpersonen zu verleihen, und im Vergleich zu ihren europäischen Nachbarn bringen die Briten Fintech-Plattformen ein größeres Vertrauen entgegen“, sagt KPMG-Berater Sven Korschinowski gegenüber dem Handelsblatt.


Potenzial bei Firmenkrediten

Um ihre Marktposition zu verbessern und mehr Kunden zu gewinnen, rät Korschinowski den Finanzierungsplattformen in Deutschland zu Kooperationen mit Banken. „Wenn eine große Bank hinter einem solchen Angebot steht, schafft das Vertrauen“, so der Berater. Interessant sei eine solche Zusammenarbeit auch für traditionelle Geldinstitute. „Sie können die automatisierten Prozesse zur Prüfung der Kreditwürdigkeit in ihre Portale integrieren und darüber auch eine Kundengruppe ansprechen, die wegen hoher Beratungskosten bislang abgelehnt wurde.“

Wie in den anderen Ländern wurde auch in Deutschland der Großteil der Kredite über Lending-Plattformen an Privatleute vergeben (136 Millionen Euro), Unternehmen erhielten deutlichen weniger (rund 49 Millionen Euro). „Beachtlich ist jedoch das enorme Wachstum im Geschäftsbereich“, sagt Korschinowski.

So erhöhte sich das an Private vermittelte Kreditvolumen im Vergleich zum Jahr 2014 um 70 Prozent. Im Firmenkundengeschäft hat sich das Volumen jedoch verachtfacht. „Gerade für den Mittelstand kann diese Finanzierungsweise attraktiv sein“, so der Berater. Da wundere es nicht, dass beispielsweise die Commerzbank mit MainFunders eine eigene Lending-Plattform für Mittelständler gestartet habe. „Kredite an Unternehmen sind üblicherweise jedoch höher als Darlehen an Verbraucher, deshalb benötigen Anbieter im Business-Bereich besonders ausgeklügelte Verfahren zur Risikoprüfung“, warnt der Berater.

Noch in den Kinderschuhen steckt in Deutschland die Crowdinvesting-Szene. Sie verbuchte im vergangenen Jahr zudem einen Rückgang des Volumens. Wurden 2014 noch rund 30 Millionen Euro eingesammelt, waren es 2015 nur noch 24 Millionen Euro. „Der Knick ist auf das Inkrafttreten des Kleinanlegerschutzgesetzes zurückzuführen“, sagt Korschinowski. „Wegen der zwischenzeitlichen Unsicherheit haben sich einige Plattformen wohl auch beim Marketing zurückgehalten und sich weniger aktiv um große Projekte bemüht.“
Das Kleinanlegerschutzgesetz trat im Sommer 2015 in Kraft und zielt auf den Grauen Kapitalmarkt ab, einen Teil der Finanzmärkte, der weit weniger reguliert und beaufsichtigt ist als etwa börsennotierte Aktien oder Anleihen. Sogleich wurde damit auch das Ziel verbunden, die Mobilisierung von Wagniskapital über spezielle Crowdinvesting-Plattformen nicht zu blockieren.

Trotz zahlreicher Ausnahmeregelungen für die Plattformen setzt sich der Bundesverband Crowdfunding, dem sich unter anderem die Plattformen Bettervest, Companisto, Conda, Exporo und Zinsland angeschlossen haben, für Änderungen ein. „In Deutschland gab es durch das Kleinanlegerschutzgesetz sehr starke regulatorische Unsicherheit“, sagt Verbandssprecher Karsten Wenzlaff, das zeige die aktuelle Studie deutlich. Dass Deutschland die größte Volkswirtschaft Europas sei, aber bei den alternativen Online-Finanzierungsplattformen nur auf Platz drei lande, sei „nicht zufriedenstellend“.
Der Bundesverband Crowdfunding fordert insbesondere für den Crowd- Investing-Bereich, bei dem Risikokapital eingesammelt wird, mehr Unterstützung von der Politik. „Frankreich und Großbritannien haben früh die Weichen gestellt haben, um Crowdfunding und Crowdinvesting zu fördern“, so Wentzlaff. „In Frankreich wurde ein eigener Status für die Plattformen geschaffen, in Großbritannien gab es zum Teil steuerliche Anreize.“ Ähnliches sei auch in Deutschland nötig.

Quelle:  Handelsblatt Online
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