Crowdinvesting: Das Schwarmgeld fließt reichlich

Crowdinvesting: Das Schwarmgeld fließt reichlich

, aktualisiert 14. Juni 2017, 08:36 Uhr
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Ein saftiges Ergebnis erzielte der niedersächsische Biosäfte-Produzent Anfang 2017 am Kapitalmarkt.

von Florian FlickeQuelle:Handelsblatt Online

Online-Plattformen haben sich in der Finanzierung etabliert. Neben Start-ups greifen auch etablierte Mittelständler bei Krediten aus dem Internet zu. Jetzt setzen sogar Banken auf die Schwarmfinanzierung.

DüsseldorfWie man aus guten Zutaten das Beste herauspresst, das wissen sie in Höhbeck, der kleinen Gemeinde im Landkreis Lüchow-Dannenberg im Osten von Niedersachsen. Ob Tomate, Karotte oder Orange, ob Saft für stillende Mütter, durstige Kinder oder gesundheitsbewusste Männer – die 170 Mitarbeiter der Naturkostsafterei Voelkel füllen rund 127.000 Flaschen ab. Und das pro Tag. Ein saftiges Ergebnis erzielte der niedersächsische Biosäfte-Produzent Anfang 2017 auch am Kapitalmarkt. Nach Angaben der Finanzierungsplattform Finnest gelang Voelkel „ein neuer Rekord für die Onlinefinanzierung eines Unternehmens aus dem deutschen Mittelstand“: Innerhalb von acht Wochen boten Anleger fast zwei Millionen Euro an Mezzanine-Kapital. 1,5 Millionen Euro davon nahm Voelkel zum jährlichen Festzins von vier Prozent auf.

Auch Biogena setzt wie Voelkel auf den wachsenden Wellness-Markt in Deutschland. Statt Saft und Schorlen probiert es Biogena mit Nahrungsergänzungsmitteln und Mikronährstoffpräparaten – für alle, die gesünder leben möchten. Im Heimatland Österreich ist das Unternehmen mit mehr als 20 Millionen Euro Umsatz nach eigenen Worten Marktführer. Jetzt expandiert Biogena in Deutschland. Für die Eröffnung neuer Geschäfte und ein „Functional Medicine Center Germany“ suchen die Österreicher deutsche Geldgeber via Internet.

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Zwei Unternehmen, ein Trend: Crowdinvesting setzt sich als Alternative zur klassischen Hausbankenfinanzierung in Deutschland immer mehr durch. Neu daran ist: Nachdem sich in den ersten Jahren meist nur Start-ups, die bei Banken ob fehlender Sicherheiten und unklarer Erfolgsaussichten keinen Kredit bekamen, mit Hilfe des Schwarms recht überschaubare Summen sicherten, ist der Markt längst reifer und größer geworden.

Mittlerweile greifen auch etablierte, wachstumsstarke Mittelständler auf das Geld aus dem Internet zurück. Die Volumen pro Transaktion werden größer, das Überschreiten der Millionengrenze stellt schon den Regelfall dar. „Für innovative Unternehmen wird Crowdinvesting ein ganz normaler Teil des Finanzierungsmixes“, sagt Biogena-Geschäftsführer Albert Schmidbauer voraus. „Viele Mittelständler wünschen sich eine einfache und bequeme Kreditvergabe über das Internet, die bei herkömmlichen Banken meist nicht existiert“, meint Clemens Paschke, Gründer und Geschäftsführer der Crowdlending-Plattform Lendico. „Die Digitalisierung der Kreditvergabe bringt Mittelständlern Vorteile. Sie verläuft schneller und ist mit geringerem Aufwand verbunden“, sagt er. „Bei Banken ist der Kreditprüfungsprozess oft ineffizient strukturiert und mit hohen Kosten verbunden, die sich in den Konditionen widerspiegeln“, kritisiert Paschke.

Für Sparkassen und Banken, die bisher eher spöttisch auf manch jungen Fintech-Anbieter und seine Crowd-Lösung geblickt haben, wird das zunehmend zur Herausforderung. Manch innovatives Bankhaus macht sich den Trend zum Schwarm sogar selbst zunutze.


Grenzen in Deutschland

Die jüngst veröffentlichte Studie „Finanzierungsmonitor 2017“ der Frankfurter Online-Kreditplattform Creditshelf belegt, warum sich Banken und Sparkassen sorgen müssen. Mehr als jeder zweite der 110 befragten Finanzentscheider gab an, dass sich der Zugang zu Krediten in den vergangenen zwölf Monaten verschlechtert habe. Für das laufende Jahr rechnen gar 66 Prozent der Befragten mit einer noch restriktiveren Kreditvergabe der Banken. Da bieten sich alternative Online-Marktplätze für Kapital an – sofern sie den Unternehmen denn bekannt sind. 45 Prozent der Industriebetriebe, 29 Prozent der Händler und 33 Prozent der Dienstleistungsunternehmen haben laut Creditshelf noch nie davon gehört, dass sie Betriebsmittelkredite über Online-Plattformen aufnehmen können.

Besser informiert zeigen sich da Saftpresser Voelkel und Ernährungspillen-Hersteller Biogena. Bei ihrer Schwarmfinanzierung vertrauen die beiden Mittelständler der Plattform Finnest. Während Wettbewerber wie Kapilendo, Seedmatch oder Conda meist auf Start-ups und kleinere Transaktionen bis zu einer halben Million Euro setzen, hat es der aus Wien stammende Anbieter Finnest auf etablierte Mittelständler abgesehen. Das bedeutet konkret: mindestens zehn Millionen Euro Jahresumsatz und mindestens zehn Jahre am Markt. Die aufgenommenen Summen liegen zwischen 500.000 Euro und 2,5 Millionen Euro. Mehr darf in Deutschland nach gültiger Rechtslage im Einzelfall nicht über den Schwarm finanziert werden. „Das durchschnittliche Einzelinvestment liegt bei uns derzeit bei rund 6.000 Euro. Und die durchschnittlichen Projektvolumina werden bald die Eine-Million-Euro-Grenze überschreiten“, sagt Finnest-Mitgründer Günther Lindenlaub.

Im Heimatmarkt Österreich sind die Wiener seit fast eineinhalb Jahren aktiv. Im südlichen Nachbarland sind die Regeln für Schwarminvestoren freier: Während der deutsche Gesetzgeber Kleinanlegern Schwarminvestments von mehr als 10.000 Euro untersagt, gibt es in Österreich keine Deckelung.

Bei Finnest geben – anders als sonst üblich in der Branche – nicht die Unternehmen vor, zu welchen Konditionen sie sich wie viel Geld ausleihen möchten. Vielmehr schlagen die Anleger im Rahmen eines Bookbuilding-Verfahrens selbst vor, welche Verzinsung sie sich erhoffen. Die geldsuchenden Unternehmen wählen dann aus den für sie attraktivsten Angeboten aus. Der Zins ist dann für alle Investoren, die den Zuschlag erhalten, gleich. Wer als Anleger zu hoch gepokert hat, geht leer aus.


Geringere Provisionen

Umgekehrt kommen die Unternehmen auf diese Weise mit dem Mix aus Eigen- und Fremdkapital an neues Geld, ohne ihre Bilanzstruktur zu verschlechtern. Und die Kosten halten sich in Grenzen: Finnest etwa kassiert für seine Dienste eine einmalige Provision in Höhe von 2,75 Prozent des aufgenommenen Darlehens. Geschäftsbanken würden für ihr Kapital wesentlich höhere Gebühren verlangen.

Schwarmfinanzierung oder Bankkredit? Diese Frage stellen sich mehr und mehr Mittelständler. Schwarmfinanzierung und Bankkredit lautet dagegen die Antwort der GLS Bank. Die Spezialbank für sozial-ökologische Geldanlagen nutzt seit kurzem selbst eine Schwarmfinanzierung via Internet. Neulich startete das Bankhaus mit dem Frankfurter Fintech Crowddesk die Plattform GLS Crowd. Crowddesk liefert sogenannte White-Label-Lösungen für den Start und Betrieb entsprechender Plattformen.

Das Fintech bietet seinen Partnern einen Modulbaukasten, die technologische Infrastruktur, die rechtliche Strukturierung und einen professionellen Anlegerservice – tritt aber nicht als Macher der Webangebote auf. Inzwischen setzen 23 Kreditplattformen auf die Lösungen von Crowddesk. „Im Betrieb ist die gegründete Crowdinvesting-Plattform das Schnellboot, das den schwerfälligen Tanker des Kernbankensystems begleitet“, sagt Johannes Laub, Geschäftsführer und Gründer von Crowddesk. Ohne Einbindung in die IT-Infrastruktur einer Bank sei eine solche Plattform bereits nach drei bis sechs Monaten marktreif. „Bei einem Anschluss an das Kernbankensystem verlängert sich der zeitliche Aufwand auf mindestens ein bis 1,5 Jahre“, meint Laub.

Die GLS Bank dürfte nicht die letzte Bank gewesen sein, die auf eigene Crowd-Lösungen setzt. Mit weiteren Genossenschaftsbanken steht Crowddesk derzeit in engen Verhandlungen. Das erste Projekt über die GLS Crowd ist bereits finanziert: Die Genossenschaft Energiegewinner sammelte binnen zwei Wochen 400.000 Euro bei 141 Anlegern und Bankkunden der GLS ein. Mit dem Kapital refinanziert Energiegewinner jetzt einen Solarpark im fränkischen Bad Rodach, der Mitte vergangenen Jahres in Betrieb genommen wurde.

Quelle:  Handelsblatt Online
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