Das Internet der Menschen: „Industrie 4.0 verbannt Menschen nicht aus Werkhallen“

Das Internet der Menschen: „Industrie 4.0 verbannt Menschen nicht aus Werkhallen“

, aktualisiert 28. April 2016, 19:05 Uhr
Bild vergrößern

Auch für Mittelständler ist die Digitalisierung eine Chance.

von Eva-Maria HommelQuelle:Handelsblatt Online

Mittelständler können die Chancen der Digitalisierung nur dann nutzen, wenn ihre Beschäftigten mitziehen. Denn oft scheitern Innovationen nicht an der Technik, sondern am Faktor Mensch.

FreibergFrüher zählte die schnelle Hand: Wenn beim Automobilzulieferer Borg-Warner in Ludwigsburg einmal außergewöhnlich viele Glühkerzen geordert wurden, kam Kniffliges auf den Schichtführer zu: Er musste Arbeiter für Sonderschichten zusammentrommeln, es galt das Windhundprinzip. Wer sich als Erster meldete, wurde eingeteilt. Konflikte waren programmiert - es ging oft viel Zeit verloren.

Heute läuft die Kapazitätsplanung geschmeidiger - und bindet die Mitarbeiter flexibel ein: Der Produktionsverantwortliche vermerkt am Computer, welche Schichten frei sind, die 700 Mitarbeiter können sich mit ihren Smartphones eintragen - eine Art „Schicht-Doodle“. Wer schon viele Überstunden hat, wird seltener berücksichtigt, auch Qualifikation und rechtliche Regeln bezieht das System automatisch mit ein. „Durch verringerte Reaktionszeiten und ideale Auslastung entstehen keine überflüssigen Arbeitskosten“, erklärt Produktionsleiter Michael Berner. Das zugrundeliegende System „Kapaflexcy“ hat das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und der Universität Stuttgart entwickelt. Eine Erkenntnis: Der Mensch bleibt auch in der Smart Factory eine wichtige Entscheidungsinstanz.

Anzeige

Eine aktuelle Studie des IT-Branchenverbands Bitkom zeigt, dass zunehmend ein neuer Typus Mitarbeiter in den Werkhallen gefordert ist. „Industrie 4.0 verbannt den Menschen nicht aus den Werkhallen“, sagt Bitkom-Präsidiumsmitglied Frank Riemensperger. „Allerdings wandeln sich die Berufsbilder. Der Umgang mit den neuen digitalen Technologien muss geübt werden, und es braucht in der Regel auch neue Mitarbeiter mit guten Fähigkeiten im Umgang mit Industrial IT.“ Befragt wurden 559 Produktionsleiter und Chefs von Industrieunternehmen. Nur 42 Prozent der Befragten waren der Auffassung, dass auch Geringqualifizierte in der Industrie 4.0 komplexe Aufgaben übernehmen können.

Oft scheitern Innovationen nicht an der Technik, sondern am Faktor Mensch. Und längst nicht alle Industrieführer stehen in den Startlöchern. Ein Drittel der Befragten gab an, sich zumindest noch nicht mit Industrie 4.0 zu beschäftigen, immerhin zwölf Prozent schlossen dies auch für die Zukunft aus.

Bei Borg-Warner waren viele Mitarbeiter erst einmal skeptisch, sagt Führungskraft Berner, aber: „Sie haben schnell die Erfahrung gemacht, dass vor allem sie von dieser Flexibilisierung profitieren.“ Sie könnten stärker selbst den Schichtplan mitbestimmen, das Verfahren sei transparenter und gerechter.

Geförderte Projekte können mittelgroßen Unternehmen eine Tür öffnen. Vielen fehle es nicht nur an Geld und Zeit, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen, sondern schlicht an Orientierung, sagt Martin Haas, Vorstandsvorsitzender der Unternehmensberatung Staufen. „Industrie 4.0 ist ein weites Feld. Für einen Mittelständler ist es nicht einfach, da seinen Weg zu finden“, sagt Haas. Man versuche, Entscheider an das Thema heranzuführen mit Best-Practice-Besuchen bei anderen Unternehmen, die schon weiter sind.


Die Führungskraft wird zum Dirigenten

Bei diversen Forschungseinrichtungen können Mittelständler sogar Pilotanlagen aufbauen, gefördert von der Bundesregierung unter dem Dach der Plattform Industrie 4.0. Einen ähnlichen Testraum bietet das Karlsruher Institut für Technologie mit seiner Lernfabrik für globale Produktion. Unternehmen können dort etwa probehalber einen Elektromotor bauen und dabei verschiedene Stufen der Robotisierung testen.

Hat der Chef die Vision entwickelt, muss er seine Mitarbeiter überzeugen - und das interdisziplinär. Nicht einfach, weiß Jonathan Niehaus, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Industrie- und Arbeitsforschung an der TU Dortmund. „Immer dort, wo mehrere Professionen zusammenarbeiten, wird es schwierig“, sagt er. IT-Fachleute und klassische Ingenieure sprächen oft nicht dieselbe Sprache. Auf eine offene Gesprächsatmosphäre komme es an, bestätigt Berater Haas: „Die Führungskraft wird zum Dirigenten, der zusammen mit den Mitarbeitern an Lösungen arbeitet.“

Gelingt die digitale Vernetzung, sinkt auch die Fehleranfälligkeit. EBM-Papst zum Beispiel, Hersteller von Luft- und Antriebstechnik in Mulfingen, hat dieses Ziel geschafft. Früher musste für jede Variante eines Ventilators auf jede einzelne Montagezelle das passende Programm geladen werden. Einmal vertippt - und das Produkt war für die Tonne. Jetzt sind die Stationen vernetzt, der Schichtführer ruft nur einmal das richtige Programm auf. „Diese Veränderungen wurden von unseren Mitarbeitern sehr positiv aufgenommen“, sagt Rainer Hundsdörfer, Vorsitzender der Geschäftsführung.

Auch wenn die Systeme leicht zu bedienen sind: Die Anforderungen an IT-Kenntnisse steigen, Weiterbildung wird wichtiger. Gerade Mittelständler nutzen die Chance, Mitarbeiter über Onlinekurse an die Industrie 4.0 heranzuführen. Die „Networking Academy“ des Netzwerkspezialisten Cisco bietet etwa an, ihre eigenen Kurse mit Präsenzphasen an Weiterbildungseinrichtungen der Industrie- und Handelskammern oder Berufsschulen zu koppeln.

Auch neue Studiengänge wie Produktionsinformatik oder der Ausbildungsberuf Produktionstechnologie sind Folgen der Entwicklung. Damit schon Berufsschüler die Chancen der Industrie 4.0 kennen lernen, fördert Baden-Württemberg 15 Lernfabriken an Berufsschulen mit 6,5 Millionen Euro. Dort lernen Azubis und Facharbeiter moderne Automatisierungslösungen kennen. Denn ohne Menschen funktioniert es nun einmal nicht, das Internet der Dinge.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%