Der Anlagestratege: Interessiert euch endlich für Aktien!

Der Anlagestratege: Interessiert euch endlich für Aktien!

, aktualisiert 04. Januar 2016, 17:01 Uhr
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Christoph Bruns ist Fondsmanager, Inhaber der Fondsgesellschaft LOYS AG und Kolumnist für Handelsblatt Online.

von Christoph BrunsQuelle:Handelsblatt Online

Weder Kirchen noch Gewerkschaften, noch Schulen und Universitäten haben etwas für Aktien übrig. Die Folgen dieses Starrsinns sind für die deutsche Gesellschaft dramatisch.

Als ich vor einigen Jahren meine erste Kolumne für Handelsblatt Online schrieb, ging es um das Thema Altersarmut, die ich als vor der Tür stehendes Gespenst in Anlehnung an den berühmten Satz von Karl Marx aus dem kommunistischen Manifest personifizierte. Seinerzeit hatte ich gemeint, eine Renaissance der Beteiligung der Bevölkerung an der Wirtschaft als Miteigentümer könnte zur Abwendung oder zumindest Linderung des Problems führen.

Heute bin ich skeptischer denn je, ob dieser Weg in Deutschland begangen werden kann. Zwar erscheint es mittlerweile dringlicher als jemals zuvor, ein Umsteuern von der Fremdkapitalwirtschaft hin zu einer breit gestreuten Eigenkapitalwirtschaft einzuleiten, allein fehlen in Deutschland die intellektuellen und kulturellen Voraussetzungen beziehungsweise Traditionen.

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Oft schießt mir diesbezüglich die Parallele zur Weimarer Republik durch den Kopf. Diese erste Demokratie auf deutschem Boden ist, wie Historiker festhalten, nicht an der Übermacht ihrer Feinde sondern am Mangel an Freunden untergegangen. Dabei ist nicht so sehr Freundschaft sondern Vernunft der Weg zu Demokratie und Wirtschaftsbeteiligung.

Ganz ähnlich scheint es mit der Aktienkultur in Deutschland bestellt zu sein. Obwohl die ökonomische Argumentationslage völlig zweifelsfrei für die Aktienanlage spricht, interessieren sich die wesentlichen Gruppen der Gesellschaft nicht für das Thema.

Weder Kirchen noch Gewerkschaften, noch Schulen und Universitäten und schon gar nicht die gewählten Volksvertreter wollen sich die langfristigen Vorteile einer breit in der Bevölkerung verankerten Aktienkultur auf ihre Fahnen schreiben. Machen wir uns nichts vor: So wenig Deutschland aus eigener Kraft den Weg zur Demokratie finden konnte, ist es in der Lage, eine Beteiligungskultur an der Wirtschaft zu etablieren.

Dabei müsste doch die faktische Abschaffung des Zinses durch die Europäische Zentralbank allen Menschen die Augen für den Irrweg öffnen, den die Bundesrepublik Deutschland seit Jahrzehnten durch ihre steuerliche und regulatorische Bevorzugung von Zinsanlagen praktiziert. Es soll übrigens nicht verschwiegen werden, dass die fatale Abhängigkeit des Staates von den großen Finanzinstitutionen und umgekehrt ebenfalls eine Folge der deutschen Fremdkapitalbesessenheit ist.


Der Staat wird zum Umverteiler

Man könnte diesen Sachverhalt auch so ausdrücken: Die existenzielle Krise der traditionellen Geldanlageformen in Deutschland (klassische Kapitallebensversicherungen, Sparbriefe und –pläne, Bausparverträge, Staatsanleihen, offene Immobilienfonds, Gold, alternative Anlagen etc.) scheint überhaupt nicht auszureichen, um ein Umdenken auf diesem Gebiet in der Bevölkerung, geschweige denn in der Politik, auszulösen. Die Folgen dieses Starrsinns sind gleichermaßen klar und dramatisch.

Der Staat wird seine Umverteilungsrolle weiter ausbauen und sein rasches Wachstum fortsetzen müssen. Schon heute wird kein geringer Teil der Rentenzahlungen aus dem Steueraufkommen bezahlt. Damit die zentralverwaltungswirtschaftliche Logik Bestand hat, wird dieser Anteil künftig genauso zwingend zunehmen wie der Dirigismus. Für die Steuerzahler ist dies keine gute Botschaft, aber die allerjüngsten Vokabeln „Flüchtlings-Soli“ und „Höherbesteuerung von Diesel“ werfen ihre Schatten bereits voraus auf das, was da kommt.

Einigermaßen veraltet sind in diesem Zusammenhang übrigens Stimmen zu sehen, die etwa meinen, die derzeitige Migrationswelle in Deutschland würde das Thema Altersarmut wesentlich lindern. Denn die Ankommenden sind im Durchschnitt zu alt und zu unqualifiziert, um das Problem wirksam abzuwenden.

Deutschlands Kinderarmut bleibt das größte und sich weiter zuspitzende strukturelle Problem der kommenden Jahre. Zugleich stehe ich zu meiner kulturpsychologischen Hypothese, dass ein Volk, dem der Optimismus zu Kindern fehlt, auch keinen hinreichenden Optimismus zu Aktienanlagen haben kann.

Meine erste Kolumne hatte ich vor Jahren mit einem Zitat von Karl Marx begonnen.  Die heutige Kolumne – meine letzte in dieser Serie – beschließe ich abermals mit dem Denker aus Trier, in dessen Vorwort zum "Kapital" er Dante Alighieri mit folgendem Satz zu Wort kommen lässt: "Segui il tuo corso, e lascia dir le genti!" - "Folge deinem Weg und lass' die Leute reden!"

Aus Chicago

Ihr

 

Dr. Christoph Bruns

 

Christoph Bruns ist Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft LOYS AG.

Quelle:  Handelsblatt Online
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