Der Medien-Kommissar: ARD und ZDF feiern sich selbst – mal wieder

Der Medien-Kommissar: ARD und ZDF feiern sich selbst – mal wieder

, aktualisiert 03. April 2017, 11:23 Uhr
Bild vergrößern

Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Beim alljährlichen Grimme-Preis räumten die Rundfunkanstalten fast alle Preise ab und die private Konkurrenz guckt weitgehend in Röhre. Ein peinliches Ritual. Doch dafür gibt es eine simple Erklärung.

Der Grimme-Preis ist das Hochamt des alljährlichen Preisregens von ARD und ZDF, der auf die Anstalten in schöner Regelmäßigkeit niederprasselt. Wenn im Stadttheater des nordrhein-westfälischen Städtchens Marl die Preise für die besten TV-Produktionen und Einzelleistungen verliehen werden, dann ist die Spannung ungefähr so groß wie beim Vorlesen der Bibel durch den Papst. Der Ablauf der Geschichte ist seit Ewigkeiten hinlänglich bekannt: ARD und ZDF mit ihren fast zweidutzenden Kanälen räumten auch bei der 53. Grimme-Preisverleihung wieder mal groß ab. Und die private Konkurrenz? Sie schauten in die Röhre. Aus Alibigründen gab es hier und da noch eine Auszeichnung für die private Konkurrenz.

Der beim ZDF in Lohn und Brot stehende Fernsehsatiriker Jan Böhmermann brachte es bei der Preisverleihung in Marl selbstironisch auf den Punkt. „Ich bin aufgeregt. Ist ja nicht so, dass man jedes Jahr einen Grimme-Preis bekommt.“ Da klopften sich die 700 Festgäste im Saal auf die Schenkel. Denn bereits im vergangenen Jahr war der Satiriker mit zwei Grimme-Preisen bedacht worden. Schließlich hat sich Böhmermann mit seinem umstrittenen Schmähgedicht auf den türkischen Präsident Recep Tayyip Erdoğan in die Fernsehgeschichte katapultiert.

Anzeige

Neben dem Grimme-Ehrenpreis für die gebürtige Wienerin und einstige Hollywood-Schauspielerin Senta Berger war es dann auch schon mit den Höhepunkten der Marler Selbstbeweihräucherungsveranstaltung vorbei.

Denn von den 15 verliehenen Preisen gingen 14 an Produktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Um eine peinliche 100 Prozent-Quote für ARD und ZDF zu vermeiden, wurde schließlich der Komiker und Moderator Oliver Polak für seinen Late-Night-Talk „Applaus und Raus“ auf dem Privatsender Pro Sieben noch mit einer Ehrung bedacht. Immerhin.


Unzeitgemäße Rundfunkanstalten

Die völlig einseitige Vergabe der Grimme-Preise – benannt nach dem ersten Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, Adolf Grimme – hat einen simplen Grund: ARD und ZDF sind seit Jahrzehnten am Grimme-Institut maßgeblich beteiligt. Der WDR, die größte Rundfunkanstalt der ARD, und das ZDF sind neben dem Deutschen Volkshochschulverband, der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, dem Land Nordrhein-Westfalen und anderen mit jeweils zehn Prozent direkte Gesellschafter des Medieninstituts in Marl.

Auf 3 Sat wird die Preisverleihung Jahr für Jahr live übertragen. Leiterin des Grimme-Instituts ist übrigens die frühere nordrhein-westfälische Grünen-Politikerin Frauke Gerlach, die sich schon zwischen 2011 und 2014 als Aufsichtsrätin des Grimme-Instituts für ihre anschließende Geschäftsführerposition vorbereiten durfte.

Immer mehr Bürger und Unternehmen fragen sich zu Recht, ob die Rundfunkgebühren von mehr als acht Milliarden Euro jährlich wirklich sinnvoll ausgegeben werden. Die Beteiligung am Grimme-Institut mit dem damit verbundenen Selbstlob für ARD und ZDF ist ein Beleg dafür, wie unzeitgemäß die Anstalten noch unterwegs sind. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk das seit der Umstellung auf die Haushaltsgebühr 2013 verloren gegangene Vertrauen in der Gesellschaft wieder gewinnen will, sollte er nicht an anachronistischen Preisverleihungen festhalten. Denn sie machen ihn angesichts der peinlich einseitigen Vergabe der Preise zur Lachnummer in der Fernsehbranche machen.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%