Der Medien-Kommissar: Bayreuth, Salzburg und eine Oper im Steinbruch

Der Medien-Kommissar: Bayreuth, Salzburg und eine Oper im Steinbruch

, aktualisiert 11. Juli 2016, 10:58 Uhr
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Handelsblatt-Korrespondent Hans-Peter Siebenhaar wirft wöchentlich einen Blick auf die Medienbranche.

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Der Kampf um die mediale Aufmerksamkeit wird zwischen den berühmten Festspielstädten jedes Jahr aufs Neue ausgefochten. Inmitten der Skandalisierung und Erregungswellen werden weitgehend unbekannte Juwelen des Musiktheaters leicht übersehen.

Der Skandal gehört zu den Bayreuther Festspielen wie das Sauerkraut zu fränkischen Bratwürsten. Auch diesmal fehlt der Eklat rechtzeitig vor dem Start des Wagners-Festivals auf dem Grünen Hügel nicht. Der erst 37-jährige Dirigent Andris Nelsons legte überraschend den Taktstock für den „Parsifal“ entnervt nieder. Auch wenn Katharina Wagner mit Hartmut Haenchen überraschend schnell einen Ersatz gefunden hat, wird immer klarer: der Nimbus von Bayreuth hat unter der selbstgerechten Tochter von Wolfgang Wagner längst deutliche Schrammen bekommen.

Doch noch läuft das Geschäft mit den Wagnerianern gerade wegen der medialen Erregungswellen wie beispielsweise um das Dirigenten-Desaster. Dabei war von Anfang an klar, dass sich ein künstlerischer Ersatz am Ende immer noch für jedermann auftreiben lässt. Die Frage ist nur: zu welchem künstlerischen Preis?

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Ohnehin schafft es Bayreuth immer wieder, Nichtigkeiten zu Wichtigkeiten in den Medien hochzustilisieren und damit die PR-Trommel laut erklingen zu lassen. In diesem Jahr ist es das Verbot von Sitzkissen auf den harten und unbequemen Holzstühlen. Und natürlich warnte „Parsifal“-Regisseur Uwe Eric Laufenberg bereits in Interviews, wer unbedingt eine Bombe platzen lassen wolle, schaffe das auch. Ein wenig Nervenkitzel gefällig? Derartige Äußerungen sind in Wahrheit der bemühte Versuch einer Skandalisierung rund um die notwendige Sicherheitsvorkehrungen.

Die Salzburger Festspiele – ohnehin mit potenten Sponsoren wie Audi, Nestlé und Rolex im Rücken – versuchen unterdessen vor allem durch Professionalität zu glänzen. Damit die Kasse auch in Zukunft stimmt, hat die langjährige Präsidentin Helga Rabl-Stadler den erst 34-jährigen Lukas Crepaz als Finanzchef von der Ruhr an die Salzach geholt. Der Österreicher war in den vergangenen fünf Jahren kaufmännischer Geschäftsführer der Kultur Ruhr GmbH, die unter anderen die viel beachtete Ruhrtriennale veranstaltet.


Juwelen abseits der Großen werden übersehen

Doch im medialen Getöse werden weitgehend unbekannte Juwelen des Musiktheaters leicht übersehen. Ein Beispiel dafür ist die österreichische „Oper im Steinbruch“ in der Nähe des burgenländischen Weinorts St. Margarethen, unweit des Unesco-Welterbes Neusiedler See. In dieser Felsenlandschaft, wo schon die Römer in der Antike Steine brachen, lockt in diesem Jahr die romantische Opera buffa „Der Liebestrank“ (L’elisir d’amore).

Tutti Vienna pilgert mittlerweile zu diesem surrealen Ort. Das hat gute Gründe: Denn das populäre Werk von Gaetano Donizetti wurde von Philipp Himmelmann nicht nur als rasante Komödie mit der fulminanten spanischen Sopranistin Elena Sancho Pereg als Adina inszeniert. Es ist auch ein visueller Augenschmaus für Medien-Aficionados. Denn Bühnenbildern Raimund Bauer verlegte die lebensfrohe Handlung in eine überdimensionierte, farbenprächtige Wurlitzer. Der Plattenteller der Jukebox ist das Tableau für die komödiantische Handlung. Die haushohen Lautsprecher der Musikbox dienen bei Bedarf als Videoleinwände, um die Sänger in der Nahaufnahme zu zeigen.

Der Einsatz digitaler Medien bei Inszenierungen hat in der „Oper im Steinbruch“, eine knappe Autostunde von Wien, bereits Tradition. Denn Filmregisseur Robert Dornhelm („Krieg und Frieden“) griff bei der von ihm inszenierten Oper „Tosca“ im vergangenen Jahr geschickt auf die Instrumente Hollywoods zurück. Durch gewaltige Projektionen waren die Protagonisten der Oper von Giacomo Puccini so zu erleben, dass die ansonsten übertriebene Gestik des Musiktheaters überflüssig wurde. Dornhelm erzählte mit Hilfe des Kinos die „Tosca“-Story“ neu. Eine außergewöhnliche Erfahrung, die nicht allen im Publikum gefiel. Doch im Gegenzug gab es beim österreichischen Musiktheaterpreis dafür die Auszeichnung als „Bestes Festival“.
Das Problem der „Oper im Steinbruch“ ist zum Glück kein künstlerisches, sondern vor allem ein mediales. Ohne Skandalisierung und Erregungswellen geht selbst im Musiktheater kaum noch etwas. Denn der Kampf um die Aufmerksamkeit des Publikums war noch sie so hart wie heute. Da können Juwelen abseits von Bayreuth und Salzburg schon mal leicht übersehen werden.

Immer montags schreibt Handelsblatt-Korrespondent und Buchautor Hans-Peter Siebenhaar seine Sicht auf die Kommunikationswelt auf.

Quelle:  Handelsblatt Online
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